Die Revolution gegen das System, da ist sich Alejandro Guevara sicher, ist in Kolumbien heute notwendiger denn je: „Wir haben zwar unsere Waffen aufgegeben, aber nicht den Kampf gegen Kapitalismus und soziale Ungerechtigkeit. In unserem Land gibt es viel zu tun“.

Der bewaffnete Konflikt und seine Ursachen

Kolumbien befindet sich seit über 50 Jahren in einem bewaffneten Konflikt, der mehr als 200.000 Menschenleben gefordert hat.
Die beiden Hauptakteure – die linke Guerillagruppe Farc und die kolumbianische Regierung – haben im August 2016 einen Waffenstillstand vereinbart und im September einen ersten Friedensvertrag unterzeichnet. Überraschend wurde dieser Vertrag in einem Referendum von der kolumbianischen Bevölkerung mit einer knappen Mehrheit abgelehnt. Regierung und Rebellen einigten sich daraufhin auf eine Überarbeitung des Dokumentes, dabei wurden allerdings keine größeren Veränderungen vorgenommen. Der neue Vertrag wurde im November vom Parlament angenommen und von den Vertretern der Farc und der Regierung unterzeichnet. Am 15. August 2017 erklärte Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos den Konflikt mit der Farc-Guerilla für beendet, nachdem diese wie geplant Waffen und Sprengstoff an UN-Vertreter abgegeben hatte.

Der 23-Jährige ist Mitglied der ältesten Guerillagruppe Lateinamerikas – und womöglich bald einer ihrer ersten Politiker. Heute, am 27. August, trifft sich Guevara in der Hauptstadt Bogotá mit 1.000 anderen Delegierten der Farc-Rebellen und 200 internationalen Gästen, um eine politische Partei zu gründen. Während der nächsten fünf Tage wird Guevara über ihren Namen abstimmen, an politischen Zielen und am Parteistatut mitschreiben. Nehmen die Delegierten Programm und Statut an, dürfen die Ex-KämpferInnen im kommenden Jahr erstmals bei Parlamentswahlen antreten. So sieht es der Friedensvertrag vor, den die Regierung von Juan Manuel Santos und die Farc im November 2016 unterzeichnet haben.

„Jetzt geht der Klassenkampf im Parlament weiter“

Zwischen 2018 und 2026 haben die Ex-Guerilleros zehn Parlamentssitze sicher, fünf im Abgeordnetenhaus und fünf im Senat. Das entsprechende Gesetz hat das Parlament im April verabschiedet. „Jetzt geht der Klassenkampf im Parlament weiter“, sagt Guevara. Weitere zentrale Punkte des Abkommens sind neben der politischen Teilhabe der Farc die Amnestie für ihre Mitglieder, die sich in 26 Übergangszonen entwaffnen und auf ihre Rückkehr ins zivile Leben vorbereiten, die Opferentschädigung mit Hilfe von Farc-Vermögen sowie eine Landreform, von der 800.000 Familien profitieren sollen. Ende Juni erklärte die UN-Beobachtermission in Kolumbien, dass die 6800 Rebellen alle 7132 registrierten Waffen abgegeben haben.

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Alejandro Guevara (Foto: Ralf Pauli)
Kann die 61 Thesen der Rebellen auch im Schlaf aufsagen: Alejandro Guevara, 23-jähriges Mitglied der Farc – und vielleicht schon bald einer ihrer ersten Politiker (Foto: Ralf Pauli)

In der Entwaffnungszone „Georgina Ortiz“, zwölf Autostunden südlich von Bogotá, klingt Guevaras politische Vision weit entfernt. Der schmächtige Mann mit Hornbrille und Kapuzenpulli sitzt auf einer krummen Holzbank, hinter ihm wuchert grünes Dickicht. Während des jahrzehntelangen Bürgerkriegs zwischen Staat, Paramilitärs und Guerilleros habe der Staat hier fast ausschließlich mit seinen Streitkräften Präsenz gezeigt, statt sich um seine Pflichten zu kümmern. Und die verdächtigten die Bauern schnell, die bestehende soziale Ordnung umstürzen zu wollen, meint Guevara. „Viele traten aus Angst vor paramilitärischen Gruppen in die Farc ein. Oberstes Ziel der Farc war aber immer die politische Teilhabe“, sagt er und tippt zur Bestätigung auf ein braunes Heftchen, das vor ihm auf dem Plastiktisch liegt. Darin hat die Farc-Spitze 61 politische Grundsätze niedergeschrieben, die die Delegierten auf dem Kongress Ende August diskutieren sollen: die Krise des Kapitalismus, die marxistisch-leninistische Ausrichtung der Partei, der Sozialismus auf Kuba, der als Vorbild dienen soll.

Mit anderen Rebellengruppen wie der „Nationalen Befreiungsarmee“ ELN oder rechten Paramilitärs gibt es noch keinen Friedensvertrag. Angekündigte Verhandlungen zwischen Regierung und ELN haben sich bis jetzt nicht konkretisiert. Auch sie kämpfen um Einfluss, politische Teilhabe und Landbesitz.

Anders als viele seiner KameradInnen habe ihn, berichtet Guevara, nicht die Angst vor Gewalt und Vertreibung zur Farc gebracht – oder Armut und Alternativlosigkeit –, sondern seine politische Überzeugung. „Ich habe mich früh mit der russischen, dann mit der Geschichte meines eigenen Landes beschäftigt und festgestellt: Die Farc kämpft für dieselben Ziele wie ich.“ Und dann zählt der Marxist auf, wie Kolumbien seiner Ansicht nach gerechter und produktiver würde: radikale Landreform, Planwirtschaft, kostenlose Bildung, höhere Steuerlast für ausländische Unternehmen sowie Anreize für die heimische Industrie. „Durch den Friedensprozess haben wir die einmalige Chance, den Kolumbianern eine alternative Politik anzubieten“, glaubt Guevara.

„Jeder, der Frauen entführt, Coca anpflanzt oder Bomben legt, muss die harte Hand der Justiz spüren“

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Nicolás Ordoñez (Foto: privat)
Dem Studenten Nicolás Ordóñez Ruiz geht die Amnestie zu weit. Ginge es nach ihm, säßen die Farc-Anführer hinter Gittern – zumindest eine Weile lang (Foto: privat)

Wo der junge Guerillero ins Träumen kommt, verzieht so manch Gleichaltriger schmerzverzerrt das Gesicht. Nicolás Ordóñez Ruiz ist Student und Mitglied der rechtskonservativen Partei Centro Democrático des Ex-Präsidenten Álvaro Uribe, einem der einflussreichsten Gegner des Friedensvertrages. Dass die KolumbianerInnen bei dem Referendum über den ersten Friedensvertrag im Oktober 2016 knapp für „Nein“ gestimmt haben, wird auch Uribes Kampagne zugeschrieben: Straffreiheit für Mörder, Proteste, Gewalt und Instabilität wie im sozialistisch regierten Venezuela sowie das Aus für die ausschließliche Ehe zwischen Mann und Frau befürchtete der Senator aufgrund des Vertragstextes – kommt doch das Wort „Gender“ 144-mal darin vor. Auch Ordóñez, der gerade ein Praktikum in Uribes Büro macht, zeigt sich alarmiert, wenn er vom Frieden spricht: „Wenn die größten Verbrecher der kolumbianischen Geschichte zehn Parlamentssitze erhalten, ohne sich je einer Wahl gestellt zu haben, ermutigen wir andere kriminelle Banden, ihre politischen Ziele mit Terror erreichen zu wollen.“

Dabei, so stellt Nicolás Ordóñez klar, sei er nicht gegen den Frieden mit der Farc. Ihm gehe nur die ausgehandelte Amnestie zu weit. „Ich finde, dass die Farc-Anführer zumindest für ein paar Jahre ins Gefängnis sollten.“ Zwar müssen sich alle Ex-KämpferInnen vor dem „Tribunal für den Frieden“ verantworten, mögliche Strafen dürfen sie aber in den Entwaffnungszonen absitzen, die eher kleinen Siedlungen als Gefängnissen ähneln. Dass von den rund 3400 inhaftierten Farc-KämpferInnen bis Mitte Juli erst 837 entlassen wurden, lässt Ordóñez nicht gelten. „Jeder, der Frauen entführt, Coca anpflanzt oder Bomben legt, muss die harte Hand der Justiz spüren.“ Von klein auf kenne er die Farc nur als gefährlichen Feind. Sein Vater war Oberst der kolumbianischen Streitkräfte, wochenlang war dieser in den Konfliktgegenden im Einsatz. „Wir wussten nie, ob er lebend zurückkommt“, sagt Ordóñez. Über 220.000 Menschen starben im kolumbianischen Bürgerkrieg, rund 80 Prozent waren Zivilisten. Die meisten Opfer wurden paramilitärischen Gruppen zugerechnet – und ungefähr ein Sechstel den linken Guerilla-Organisationen Farc und ELN.

FARC

Melissa Rodriguez (Foto: Ralf Pauli)
Melissa Rodríguez, 22, ist nicht nur Wirtschaftsstudentin, sondern auch eine offizielle „Friedensstifterin“: Sie versucht, Beteiligte des Konflikts an einen Tisch zu bringen – ohne Kalaschnikow (Foto: Ralf Pauli)

Auf das Verzeihen wird es ankommen, glauben viele KolumbianerInnen. Als die UN-MitarbeiterInnen Ende Mai die Abgabe von 7132 Farc-Waffen bestätigten, kursierten in den sozialen Netzwerken unter dem Hashtag #DejacionDeArmas Wortspiele, die nach der erfolgten Waffenabgabe zu einer „Hassabgabe“ aufriefen.

„Zum Frieden gehört Verzeihen“

Eine Idee, wie die Versöhnung gelingen könnte, hat Melissa Rodríguez. Die 22-jährige Wirtschaftsstudentin hat sich dieses Jahr offiziell zur „Friedensstifterin“ ausbilden lassen. Die kolumbianische Regierung bietet das kostenlose Diplom an, um BürgerInnen zur Entwicklung konkreter Friedensprojekte anzuregen. Rodríguez’ Vorschlag: unbeteiligte, Opfer und auch Täter des bewaffneten Konflikts zusammenführen. So, schwärmt Rodríguez, könne man Zeitzeugen Gehör verschaffen und gleichzeitig Arbeitsplätze in Regionen erzeugen, die man jahrzehntelang kaum bereisen konnte. „Putumayo, Magdalena oder Chocó sind wunderschöne Regionen. Dank des Friedens kann man jetzt endlich dorthin reisen.“

Der bewaffnete Konflikt hat zu einem erheblichen Teil mit den großen sozialen Missverhältnissen und der damit verbundenen extrem ungleichen Verteilung des Landbesitzes zu tun: Kolumbien ist weltweit eines der Länder mit der tiefsten Kluft zwischen Arm und Reich; laut UNDP steht es auf Platz 12 von 168. Ein weiterer zentraler Grund ist der Machtkampf zwischen den zwei dominierenden politischen Parteien: den Liberalen und den Konservativen. 

Die erste Tagestour, die Rodríguez’ Organisation „Orígen de Paz“ anbietet, ist keine Stunde von Bogotá entfernt – und landschaftlich wie historisch bestens für das Projekt geeignet. „Erst sprechen wir mit Bauern über die Erfahrungen der vielen gewaltsamen Vertreibungen in der Gegend. Danach wandern wir zu dem höchsten Wasserfall Kolumbiens“, fasst Rodríguez den Ausflug zusammen. Mittlerweile unterstützen die kolumbianische Handelskammer und die internationale Studenteninitiative AIESEC das Projekt. Auch Melissa Rodríguez ist überzeugt: „Zum Frieden gehört Verzeihen.“

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Diana Gómez (Foto: Ralf Pauli)
Diana Marcela Gómez Correal hofft auf Anerkennung und Wiedergutmachung für die Opfer des Konflikts. Gómez’ Vater, ein linker Menschenrechtsaktivist, wurde 2006 unter noch ungeklärten Umständen ermordert (Foto: Ralf Pauli)

Wie schwer das ist, weiß Diana Marcela Gómez Correal. Ihr Vater, ein linker Menschenrechtsaktivist, wurde 2006 in Bogotá entführt und ermordet. Gómez, die an der Universidad de los Andes in Bogotá Geschichte lehrt, hält neben der Täterschaft der Paramilitärs auch die Beteiligung des Staates an dem Verbrechen für möglich. Beweise dafür hat sie nicht. Wie tausende weitere Opfer-Angehörige kann sie nur mutmaßen, wer für den Tod ihres Vaters verantwortlich ist.

„Das Recht der Opfer auf Anerkennung und Wiedergutmachung ist eines der Hauptziele im Friedensvertrag“

Die als „La Violencia“ bezeichnete Auseinandersetzung (spanisch für „Die Gewalt“) begann 1948 und dauerte fast ein Jahrzehnt. Während dieser Zeit bildeten sich zahlreiche Selbstverteidigungsmilizen und Guerillaeinheiten – aus ihnen ging 1964 schließlich auch die Farc hervor. Der Krieg zwischen der liberalen und der konservativen Partei endete 1957, als sich die beiden Parteien auf eine strikte Machtteilung einigten. Doch selbst danach wurden Oppositionelle bedroht und ermordet, darunter mehrere Präsidentschaftskandidaten. Die linke Partei Unión Patriótica wurde in den 1980er-Jahren nahezu komplett ausgelöscht.

Zwischen 1986 und 2016 wurden nach Angaben der staatlichen Behörde Unidad de Víctimas 268.000 Menschen ermordet. Weitere 46.000 gelten wie Gómez’ Vater als „verschwunden“. Das Rote Kreuz schätzt die „desaparecidos“ – wie man in ganz Lateinamerika die Opfer von Staatsterror oder bewaffneten Akteuren nennt – sogar auf 79.000. Die exakte Zahl soll nun während des Friedensprozesses ermittelt werden. Für Gómez ist der Frieden mit der Farc deshalb ein Schritt, der ihr Hoffnung gibt. „Das Recht der Opfer auf Anerkennung und Wiedergutmachung ist eines der Hauptziele im Friedensvertrag. Es ist aber ein weiter Weg.“

Kolumbien ist noch weit vom Frieden entfernt, in dem Punkt sind sich die meisten Beteiligten einig. Im Juni entführte die zweitgrößte Guerillagruppe im Land, die ELN, vorübergehend zwei niederländische Journalisten. Und laut der Nichtregierungsorganisation „Somos Defensores“ wurden in diesem Jahr bislang schon 40 Menschenrechtsaktivisten ermordet – vermutlich von Paramilitärs. 

Das größte Hindernis für den Friedensvertrag in Kolumbien könnte jedoch die Präsidentschaftswahl 2018 sein. Derzeit werden dem rechten Kandidaten Germán Vargas Lleras – ein erklärter Kritiker des Vertrages – die besten Chancen zugerechnet, Präsident Santos im Amt nachzufolgen. Die Opposition hat bereits angekündigt, den Friedensvertrag im Falle eines Wahlsieges „in Stücke zu zerreißen“.

Um das zu verhindern, hat die Farc-Führung beschlossen, 2018 keinen eigenen Präsidentschaftskandidaten ins Rennen zu schicken. Welchem linken Gegenkandidaten potenzielle Farc-WählerInnen dann ihre Stimme schenken sollen, müssen jetzt Alejandro Guevara und die anderen Delegierten noch festlegen.

Titelbild: Jonas Wresch