Wenn Guðrið Guðjónsson aus dem Wintergarten ihres Elternhauses blickt, dann sieht sie alles: die bunten Holzhäuser mit den Reetdächern, die grünen Hügel, auf denen die Schafe grasen, und den Hafen, von dem die Fischer jeden Tag zur Arbeit aufbrechen. In Tórshavn, der Hauptstadt der Faröer-Inseln, kennt jeder jeden, die Menschen hier sind offen und herzlich. Guðrið mag ihre Heimat. Die 19-Jährige lebt in einem Idyll, das sämtliche Skandinavien-Klischees erfüllt. Trotzdem will die Abiturientin bald hier weg, um in Dänemark zu studieren. Auf den Färöern zu bleiben, ist für Guðrið keine Option. „Ich finde es fast ein bisschen traurig, wenn man hier bleibt“, sagt sie.

1.jpg

Die fast Letzten ihrer Art: Mädchen im Sommercamp auf den Färöer-Inseln. (Foto: Gulliver Theis/Stern/laif)
Die fast Letzten ihrer Art: Mädchen im Sommercamp auf den Färöer-Inseln. (Foto: Gulliver Theis/Stern/laif)

„Wir sind hier etwas isoliert. Und altmodisch."

Wie Guðrið geht es vielen jungen Menschen auf den Färöern, der kleinen Inselgruppe im Atlantischen Ozean. Die Färöer-Inseln zählen keine 50.000 Einwohner, selbst in Tórshavn leben weniger als 20.000 Menschen. Wer eine große Stadt entdecken oder ein Fach studieren will, das an der winzigen Universität der Färöer nicht angeboten wird, geht nach der Schule weg. In Hunderte, teils über tausend Kilometer entfernte Länder, nach Großbritannien, Norwegen oder Dänemark. Dänisch und Deutsch kann Guðrið auf den Färöern nicht studieren, und Dänemark lockt mit einer großzügigeren staatlichen Unterstützung. Doch für junge Färingerinnen gibt es noch einen weiteren Grund, das Land zu verlassen: das von vielen als antiquiert empfundene Geschlechterverhältnis. „Wir sind hier etwas isoliert“, sagt Guðrið. „Und altmodisch.“

Unter den jungen Erwachsenen gibt es zehn Prozent mehr Männer als Frauen

Allein zwischen 2012 und 2014 verließen knapp 4.500 Menschen die Inseln, die Hälfte der Auswanderer war zwischen 18 und 25 Jahre alt. 55 Prozent der jungen Auswanderer sind Frauen, 45 Prozent Männer – der Unterschied klingt zunächst nicht alarmierend hoch. Doch vor allem die Frauen kehren den Färöern oft für immer den Rücken zu. Die Folge: Schon heute leben auf der Inselgruppe etwa 1.600 mehr Männer als Frauen. Unter den jungen Erwachsenen gibt es zehn Prozent mehr Männer als Frauen.

Die Färöer sind ein autonomer Teil des dänischen Königreichs. Doch während andere skandinavische Länder als Musterbeispiele der Gleichberechtigung gelten, hinken die Inseln hinterher. „Wir leben hier in einer männerdominierten Gesellschaft“, erklärt Erika Hayfield. Sie ist Soziologieprofessorin an der Universität der Färöer in Tórshavn. In vielen Familien herrschen klassische Geschlechterrollen, erklärt sie: Zwar arbeiten die meisten Frauen, doch oft stecken sie in Teilzeitjobs fest – auch weil viele Stellen in typischen Frauenberufen in der Kinderbetreuung oder in der Pflege von vornherein als Halbtagsstellen ausgeschrieben werden.

Auch Guðriðs Mutter, die neben ihr noch sechs weitere Kinder auf die Welt gebracht hat, war vor allem Hausfrau und arbeitete nebenher stundenweise. Inzwischen lässt sie sich an der Uni in Tórshavn zur Krankenschwester fortbilden. Um nicht erst mit über 40 beruflich durchzustarten, erscheint vielen jungen Frauen eine Zukunft in den gleichberechtigteren Nachbarländern vielversprechender.

Die Färinger sind ein frommes Volk

Anders als beispielsweise in Dänemark sind Religiosität und die Kirche allgegenwärtig. So weigerte sich das einzige Kino der Hauptstadt, den Film „The Da Vinci Code“ zu zeigen, weil die Inhaber die kirchenkritischen Inhalte ablehnten. Die Mehrheit der Färinger gehört der evangelisch-lutherischen Staatskirche an. In den Kindergärten und Schulen, in den Medien wie in der Politik spiele die Religion eine wichtige Rolle, sagt Guðrið. „Eine etwas zu wichtige. Vor allem, wenn man wie ich Atheistin ist.“

"Die Menschen hier haben Angst vor Vielfalt." 

Auch sonst stört sich Guðrið am politisch-gesellschaftlichen Klima ihrer Heimat. Während Dänemark 1989 als weltweit erstes Land eingetragene Partnerschaften für Schwule und Lesben möglich machte, haben es Homosexuelle auf den Färöern nicht leicht. „Die Menschen hier haben Angst vor Vielfalt“, findet Guðrið. Die Ehe für alle gibt es bislang nicht, schwule Bekannte von Guðrið wurden sogar gemobbt. „Von jungen Leuten“, erzählt sie, „und das in der heutigen Zeit.“

2.jpg

Junge Frauen auf den Färöer-Inseln protestieren für die Gleichberechtigung von Lesben und Schwulen (Foto: Shaul Schwarz/Getty Images)
Seit 2006 gilt auf den Färöer-Inseln zwar ein Antidiskriminierungsgesetz, das Schwule und Lesben vor Ungleichbehandlung schützt. Doch eine eingetragene Lebenspartnerschaften oder die Ehe für alle gibt es bisher nicht. (Foto: Shaul Schwarz/Getty Images)

Die Auswanderungswelle zeigt sich schon in der Bevölkerungsstruktur

Erika Hayfield sitzt an ihrem Schreibtisch und zeigt auf den Bildschirm ihres Computers. Eine Bevölkerungspyramide ist darauf zu sehen, daneben die Altersstruktur der Färöer, ein bauchiges Konstrukt mit schmaler Spitze, den zurzeit noch wenigen Alten, und erstaunlich breitem Untergrund, den jüngeren Färöern. Doch das wird nicht so bleiben. Dort, wo die jungen Erwachsenen über 20 ihren Platz haben, zeigt sich in der sonst bauchigen Altersstruktur eine allzu schmale Taille. Die Ausgewanderten fehlen.

Deshalb droht auch auf den Färöern eine Überalterung der Gesellschaft. Anders als in Deutschland steckt hinter dem demografischen Wandel nicht, dass die Frauen so wenige Kinder bekommen. 2,6 sind es im Schnitt, ein Spitzenwert in Europa. „Es gibt künftig nicht mehr genug Frauen, um diese Kinder zu bekommen“, sagt Hayfield. Wenn sich nichts ändert, wird die Bevölkerung in den kommenden 35 Jahren auf unter 38.000 zurückgehen. Der Männerüberschuss wird weiter steigen.

Zurückkehren? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht

Wenige Gehminuten von Erika Hayfields Büro entfernt hat der Chor im Gemeindehaus der Hauptstadt bereits mit dem Einsingen begonnen. Etwa ein Dutzend Frauen, die meisten jenseits der 50, stehen um ein Klavier und singen färöische Kirchenlieder. Jona Á Váli Olsen ist spät dran, sie wirft noch schnell ihre Jacke auf einen Stuhl, greift zu ihren Noten und stimmt mit ein. Sie fällt auf mit ihrer hellen Sopranstimme – mit den Chucks an den Füßen sowieso. Seit August unterstützt sie den Chor nur noch in den Ferien.

"Für mich gibt es hier einfach keine berufliche Perspektive."

Dabei gehört Jona nicht zu denjenigen, die Chancenungleichheit und Geschlechterrollen auf den Färöern kritisieren. „Ich glaube nicht, dass man als Frau auf den Färöern einen Nachteil hat“, sagt sie, „nur für mich gibt es hier einfach keine berufliche Perspektive.“. Irgendwann ein eigenes Hostel zu eröffnen, in dem junge Urlauber günstig unterkommen, so stellt sie sich ihre Zukunft auf den Färöern vor. Trotzdem ist für Jona offen, ob sie zurückkehrt. „Vielleicht finde ich woanders einen tollen Job oder gründe eine Familie.“Jona ist 23 Jahre alt und hat ihre Heimat verlassen. Seit ihrem Abitur vor ein paar Jahren hat sie die halbe Welt bereist, heute drückt sie sich in perfektem Englisch aus. Seit dem Wintersemester 2015 studiert sie in Bournemouth, einem Ferienort an der südenglischen Küste. Es waren pragmatische Gründe, die sie dorthin führten: „Hotelmanagement kann ich auf den Färöern einfach nicht studieren“, sagt Jona.

Nicht mal zehn Studienfächer bietet die Universität der Färöer an

Die neue Regierung, die im September 2015 gewählt wurde, will Anreize setzen, damit Frauen wie Jona oder Guðrið irgendwann zurückkehren – oder gleich daheim bleiben. Die IT-Branche soll ausgebaut werden und neue Jobs bringen, die Start-up-Szene im Land soll gefördert werden. Außerdem will die Koalition unter Führung der Sozialdemokraten die Rolle der Universität der Färöer stärken. Keine zehn Studiengänge bietet die Hochschule derzeit an, in Zukunft soll es mehr Angebote geben. Das zumindest verspricht Eyðgunn Samuelsen, die neue Sozialministerin. Maßnahmen, die auch einige junge Männer auf den Inseln halten könnten. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich soll sich auf den Färöern etwas ändern: Die Sozialdemokraten haben angekündigt, sich für die Ehe für alle einzusetzen. Den Frauen verspricht Samuelsen eine „aktive Gleichstellungspolitik“. Was genau darunter zu verstehen ist, sagt sie nicht. Immerhin ist sie eine von vier Ministerinnen im neuen Kabinett. Vorher gab es nur eine.

Mitten in der Innenstadt von Tórshavn, in Sichtweite zum Parlamentsgebäude, steht eine Bronzeskulptur. „Maður og kona“ heißt sie, Mann und Frau. Er hat die eine Hand lässig in der Hosentasche, die andere hat er um die Schulter der Frau gelegt. Sein Blick ist starr und kalt. Sie wirkt traurig, blickt gedankenverloren ins Leere. Die Frauen auf den Färöern hingegen handeln. Sie blicken dahin, wo sie Perspektiven sehen. Und die sind noch oft anderswo.