Sie blickte zu ihrem Vater herauf, blickte auf ihr Blatt hinunter, auf die vielen Zahlen, die sie addieren und subtrahieren sollte, multiplizieren und dividieren, ja, was ist das überhaupt? Die Ziffern vermischten sich und verschwammen, bis es Simone schwindelte. „Wieso verstehst du das nicht?“, drängte ihr Vater, wenn sie gemeinsam über den Mathematik-Hausaufgaben saßen. „Ist doch logisch!“ Ist gar nicht logisch, dachte sich Simone. An ihre Schulzeit erinnert sich Simone König (44) mit Angst. Wenn sie wieder mit einer Sechs in Mathe aus der Schule kam, ging sie nicht nach Hause, sondern einen Umweg zu Oma. Matheunterricht war für sie ein Spießrutenlauf. „Ich wurde als dumm und faul hingestellt“, sagt sie.

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Durchschnittlich in jeder Klasse sitzt einer, der Dyskalkulie hat – und der von den Lehrern oft nur für einen Esel gehalten wird ( Foto: Heinrich Holtgreve)
Durchschnittlich in jeder Klasse sitzt einer, der Dyskalkulie hat – und der von den Lehrern oft nur für einen Esel gehalten wird ( Foto: Heinrich Holtgreve)

Simone König leidet an Dyskalkulie, auch Rechenstörung oder Zahlenblindheit genannt. Das ist eine Teilleistungsstörung wie Legasthenie. Mathe kommt Dyskalkulikern vor wie eine Fremdsprache. Ihnen fällt es schwer, Zahlen im Kopf zu rechnen und Mengen einzuschätzen. Was für die meisten Menschen im wahrsten Sinne des Wortes „das kleine Einmaleins“ ist, bereitet Dyskalkulikern große Schwierigkeiten. Sie gehen irrtümlich von der Vorstellung eines „Zahlenalphabets“ aus. Addition und Subtraktion begreifen sie entsprechend als Aufforderung zum Vorwärts- und Rückwärtszählen. Rechenschwache Kinder interpretieren daher den Lernstoff in der Schule von Anfang an falsch. Grund dafür ist keine allgemein schwache Intelligenz, sondern eine Minderaktivität bestimmter Gehirnareale.

Wie viele Perlen sich in einem Glas befinden, kann Simone König nicht einschätzen. Eine einfache Aufgabe wie sieben plus fünf kann sie nicht im Kopf ausrechnen. Sie zählt sie an den Fingern ab. Die Fünfer- und Zweierreihe hingegen funktionieren ganz gut. Und Zahlenreihen wie Telefonnummern merkt sich Simone wie eine Eins.

Wer Simone trifft, kann sich kaum vorstellen, dass sie in irgendetwas langsam sein könnte. Die sportliche Mutter mit rot gefärbten Haaren flitzt gerade in Freising mit dem Auto zwischen den Nachmittagsprogrammen ihrer zwei Kinder hin und her. Sie redet viel und schnell – und schafft es, neben der Kindererziehung 26 Wochenstunden zu arbeiten. Wieso sie beim Rechnen versagt, wusste Simone ihr halbes Leben lang nicht. Erst mit über 20 erfuhr sie von dem Phänomen Dyskalkulie, recherchierte und stellte fest: Das ist genau mein Problem. Da war es bereits zu spät, um zurück in die Schule zu gehen. Simone absolvierte eine Ausbildung zur Geflügelzüchterin.

Die Rechenschwäche, so erinnert sie sich, verursachte bei ihr heftige Angstzustände. Ihre Leistungen nahmen auch in anderen Fächern ab. Während sie auf dem Pausenhof frei von der Leber weg quasselte, verstummte sie, sobald sie das Klassenzimmer betrat.

Derzeit arbeitet Simone als Produzentin für Autoschilder, für sie „eine langweilige Arbeit“. Am Ende ihrer Schicht muss sie eine Abrechnung erledigen, die sie enorm anstrengt – trotz Taschenrechner. „Ich rechne immer fünfmal nach, weil ich so unsicher bin“, sagt sie.

Dyskalkulie ist bisher vergleichsweise wenig erforscht. Auch wenn sie eher häufiger auftritt als Legasthenie und bereits seit den 1970er-Jahren von der Weltgesundheitsorganisation als Entwicklungsstörung klassifiziert ist. Teil der Lehrerausbildung ist sie nicht. Laut dem Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (BVL) sind etwa drei bis sieben Prozent der Kinder und Erwachsenen betroffen. Also ungefähr ein Schüler pro Klasse. In manchen Familien tritt Dyskalkulie gehäuft auf, die Krankheit hat also genetische Gründe. Allerdings spielen auch Umweltfaktoren eine große Rolle, damit sich die Krankheit überhaupt manifestiert.

Nur sieben Bundesländer gewähren Förderung

Gerd Schulte-Körne, Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum der Universität München, möchte herausfinden, wie man die Rechenschwäche wegtrainieren kann. Individuelles Training kann die Störung gut kompensieren helfen, wie Schulte-Körnes Untersuchungen zeigen. Man müsse genau hinschauen: Manche Kinder könnten die Wertigkeit von einem 50- und einem 20-Euro-Schein nicht unterscheiden, andere hätten Probleme damit, Mengenangaben wie einen Liter abzuschätzen. Mit gezieltem Einzeltraining würden die entsprechenden Hirnareale besser aktiviert. Bestenfalls müsste man im Kindergarten vorsorgen, dann würden sich Rechenschwächen weit weniger herausbilden.

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg: Nur sieben Bundesländer gewähren bisher eine spezielle Förderung von Kindern mit Dyskalkulie – Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachen und Schleswig-Holstein – und auch nur bis zum vierten Schuljahr. An den meisten Schulen liegt es im Ermessen des Lehrers, ob und wie er reagiert. „Das geht an der Realität vorbei“, sagt Annette Höinghaus, Sprecherin des BVL. Sie kämpft mit ihrem Verband seit vielen Jahren dafür, dass Dyskalkulie in allen Bundesländern anerkannt wird und Lehrer für den richtigen Umgang damit ausgebildet werden. In manchen Ländern, wie etwa in Bayern, wo Dyskalkulie nicht in der Volksschulordnung erwähnt wird, können betroffene Schüler einen Nachteilsausgleich bekommen, etwa mehr Zeit beim Lösen der Aufgaben.

Simones Tochter Cecilia (10) hat es leichter als ihre Mutter. Sie geht in die vierte Klasse und erhält in Mathe Sonderaufgaben auf dem Niveau einer Zweitklässlerin. Auch bei ihr wurde vor zwei Jahren Dyskalkulie festgestellt. Als ihrer Mutter auffiel, dass Cecilia immer die Punkte auf dem Würfel zählte, machte sie mit ihr einen Test bei der Caritas. Dann dauerte es über sechs Wochen, bis das Jugendamt einwilligte, als sogenannte „Eingliederungshilfe“ Nachhilfestunden für Cecilia zu bezahlen.

Cecilia sitzt mit Lerntherapeutin Barbara Michalsky-Hasenstab an einem kleinen Tisch. Es ist bereits später Nachmittag. Sie üben mit Buntstiften dividieren; 20 durch 2, 5 durch 5. Sachte führt die Lerntherapeutin Cecilia an schwierigere Aufgaben heran. „Als Erstes stärken wir das Selbstvertrauen“, sagt Michalsky-Hasenstab. „Anschließend wagen wir uns an die Grundrechenarten.“

Michalsky-Hasenstab beobachtet an ihren Schülern, wie sich die Leistungen in allen Fächern verbessern, sobald jemand Mathe besser versteht. Gleichzeitig müsse man realistisch bleiben. „Man wird die Rechenschwäche nicht ganz wegkriegen“, sagt sie. 45 Stunden hat sie bereits mit Cecilia geübt. 65 Stunden bezahlt das Jugendamt. Danach ist Schluss.

Nächstes Jahr kommt Cecilia trotzdem nur auf die Mittelschule, die in Bayern die Hauptschule ersetzt hat. Die Noten reichen nicht, und die Realschule würde für sie zu viel Druck und Frustration bedeuten, sagt Simone. Da hilft es ihr auch nicht, dass Cecilia in Sport die Schnellste ist. Immerhin ist ihre Tochter im Rechnen bereits besser als Simone. Nach der ersten Nachhilfestunde lief Cecilia ihrer Mutter entgegen und rief: „Mama, Mathe macht Spaß!“ Simone weinte vor Freude.

Caroline von Eichhorn ist freie Journalistin, Autorin und Gestalterin in München. Sie arbeitet unter anderem für den Bayerischen Rundfunk, die Süddeutsche Zeitung und das Bayerische Jugendfilmfestival Jufinale  – und sie hat beim fluter.de-Workshop für Jugendliche auf der Berlinale mitgewirkt.