Vielleicht ist das mit den Weltmeeren so wie mit einer WG-Küche: Alle wollen, dass es dort sauber ist. Und es soll auch immer genug zum Essen da sein, Fisch zum Beispiel. So weit sind sich alle einig. Wenn es aber darum geht, den wünschenswerten Zustand herzustellen, fangen die Streitereien an. Aufs Saubermachen hat schließlich niemand wirklich Lust, die Hygienebedürfnisse sind unterschiedlich. Und manche Leute in der WG nehmen gern mal mehr aus dem Kühlschrank heraus, als sie selbst einkaufen.

Das Management von Gütern, die allen Menschen gehören, ist tatsächlich auf globaler wie auf lokaler Ebene eine ziemlich große Herausforderung. Die Weltmeere sind überfischt, Regenwälder werden abgeholzt, die Erdatmosphäre ist ganz schön stickig, und öffentliche Plätze in Großstädten vermüllen schnell. Das will eigentlich keiner, aber es passiert trotzdem.

Die Allmende (auf Englisch: commons), wie man solche Gemeingüter nennt, an denen alle Gemeindemitglieder das Recht zur Nutzung haben, ist seit vielen Jahren Forschungsgegenstand von Wirtschaftswissenschaftlern, Psychologen und Historikern. Sie umfasst etwa Wege, Wälder, Wiesen, Heiden, Moore oder auch den Löschteich. Schon im Mittelalter hat es in den meisten Dörfern in Europa eine gemeinschaftlich genutzte Weide gegeben. Das Land gehörte zwar Grundbesitzern, aber das Gewohnheitsrecht machte es allen zugänglich. Um die Nachhaltigkeit zu garantieren, wurde die Nutzung der Gemeingüter zunehmend detailliert geregelt. Als die Eigentümer später wegen zunehmender Flächenknappheit dazu übergingen, die bisherigen Allmenden für sich privat zu nutzen, kam es insbesondere in England zu heftigen Protesten.

Als eine Art Weide für alle könnte man heute das Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld in Berlin bezeichnen. Seit 2011 gärtnern hier mittlerweile etwa 700 Mitglieder. Sie haben so gemeinsam eine beeindruckende Landschaft aus Hochbeeten und Sitzgelegenheiten entstehen lassen. Das eigene Beet pflegt jeder selbst, um die gesamte Anlage kümmern sich alle gemeinsam. Um das zu organisieren und sich darüber hinaus auszutauschen, finden regelmäßige Treffen statt. Obwohl es auch hier hin und wieder vorkommt, dass Leute sich unerlaubt am Obst und Gemüse bedienen, scheint das Allmende-Konzept insgesamt aufzugehen, nämlich „die nachhaltige und solidarische Nutzung und Pflege von Ressourcen nach Regeln, die von den Mitgliedern der Gemeinschaft selbst gesetzt werden“, wie es in der Satzung heißt.

Die US-amerikanische Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom zeigte, dass vor allem lokale Institutionen dabei helfen, Güter effektiv für das Gemeinwohl zu nutzen. Wenn Menschen in Genossenschaften oder Räten organisiert sind, tendierten sie dazu, den gemeinsamen Reichtum zu erhalten und womöglich sogar zu mehren. In Teilen des Schweizer Alpenraums werden Allmenden nach solidarischen Regeln seit über einem halben Jahrtausend bewirtschaftet. Mit ihrer Forschung wandte sich Ostrom in erster Linie gegen Befürworter einer starken zentralstaatlichen Kontrolle, aber auch gegen Wirtschaftswissenschaftler, die zur Lösung des Allmende-Problems Privatisierungen bevorzugen.

Müsste es nicht aber auch ohne Organisation funktionieren, dass Menschen sich zum Beispiel um die Sauberkeit von öffentlichen Straßen und Plätzen kümmern, wenn sie selbst Sauberkeit gut finden? Psychologen haben interessante Hinweise darauf gefunden, warum das leider nicht so einfach ist: So neigen Menschen dazu, ab einer gewissen Verschmutzung eines Platzes selbst zur Vermüllung beizutragen. Das liegt da ran, dass Menschen das Verhalten anderer in der Regel imitieren. Kommen wir an einen neuen Platz, suchen wir unbewusst nach Hinweisen auf vorherrschende Normen und Praktiken: Ist es hier üblich, Müll zu entsorgen, oder ist es okay, ein benutztes Taschentuch auf die Straße zu werfen? Der Psychologieprofessor Robert Cialdini machte ein Experiment, ob Autofahrer auf einem Parkplatz beim Einsteigen in ihren Wagen Flyer von ihrer Windschutzscheibe auf den Boden werfen oder ordnungsgemäß entsorgen. Das Resultat: Sahen die Autobesitzer kurz vor Einsteigen viel Müll auf dem Boden, ließen sie den Flyer auf den Boden fallen. War dieser sauber, hielten sie sich damit zurück.

Überhaupt ist unser Verhalten stark davon abhängig, zu welcher Gruppe wir gehören, welche Normen dort vorherrschen, wie wir uns dabei fühlen, welche Reaktionen wir von anderen erwarten und ob wir für Fehlverhalten möglicherweise bestraft werden. Das funktioniert besser, wenn die Gruppe klein ist. Bei größeren Gruppen – im Extremfall die Weltgemeinschaft – wird es schwierig, zumal die Identifizierung mit der Gruppe dann kaum möglich ist.

Das lässt sich gut am Beispiel des Klimawandels veranschaulichen. Obwohl alle Staaten der Welt ein Interesse daran haben müssten, die negativen Folgen des Klimawandels abzubremsen, wurde jahrzehntelang um ein gemeinsames Klimaschutzabkommen gestritten bis es schließlich im Dezember 2015 in Paris verabschiedet werden konnte. Viele Staaten hatten zuvor wirtschaftliche Einbußen befürchtet und fanden daher wenig Anreize, diese in Kauf zu nehmen, wenn sie sich nicht direkt von den Folgen des Klimawandels betroffen sahen. Das änderte sich erst allmählich, als die Auswirkungen des Klimawandels fast überall zu spüren waren, so etwa auf den Finanzmärkten. Doch kürzlich – nach US-Präsident Donald Trump – stellte nun auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdo˘gan das Pariser Klimaschutzabkommen wieder infrage.

Vielleicht müssen die Zerstörungen durch den Klimawandel noch größer werden, damit die Weltpolitik drastische Maßnahmen zum Schutz des Klimas trifft. Den Mathematikern Francisco Santos und Jorge Pacheco zufolge ist die gemeinsame Wahrnehmung eines Risikos besonders hilfreich, damit Menschen zusammenarbeiten. Wirklich gut funktioniert das in kleinen Gruppen. Aber auch viele kleine Initiativen können etwas bewegen: Vernetzen sie sich nämlich, können sie gemeinsam in der Gesellschaft vorherrschende Normen beeinflussen.

Das gilt für die Weltpolitik, aber auch übertragen auf die WG-Küche: Lokale Institutionen wie wöchentliche WG-Treffen, eine gemeinsame Einkaufskasse sowie Absprachen zum Abwasch und solidarische Regelungen für die Mietkosten erhöhen in den meisten WGs sicherlich auch die Sauberkeit. Das garantiert zwar nicht, dass nicht ab und zu mal jemand den Käse der Mitbewohner aus dem Kühlschrank isst – aber im Einzelfall kann man das auch mal ertragen.

Die Fließbandverdienerin: Zhou Qunfei (47), reichste Selfmade-Milliardärin der Welt

Nicht wenige Wanderarbeiterinnen in chinesischen Fabriken dürften heute dem Vorbild Zhou Qunfeis nacheifern. Denn die Chinesin hat genau wie sie am Fließband angefangen und es von dort zu Reichtum gebracht. Allerdings hatte Qunfei ihren ersten Job nach drei Monaten auch gleich wieder gekündigt, weil sie sich unterfordert fühlte. Davon war ihr Chef so beeindruckt, dass er die damals 16-Jährige beförderte: ein Motivationsschub für Qunfei, die fortan nebenbei an der Universität Shenzen verschiedene Kurse besuchte. 1993 hatte sie genug Geld zusammen, um im eigenen Apartment ihr erstes Unternehmen für Uhrengläser zu gründen: Lens Technology. Zehn Jahre später dann der alles entscheidenden Anruf: USHandyhersteller Motorola brauchte eine robuste und kratzfeste Glasvariante des herkömmlichen Handybildschirms. Bald meldeten sich auch Apple, Samsung, Nokia und andere Tech-Unternehmen, um Smartphone-Gläser zu bestellen. Als Zhou Qunfei ihr Unternehmen im Jahr 2015 an die Börse brachte, wurde ihr persönlicher Anteil auf einen Schlag mit 7,2 Milliarden US-Dollar bewertet – und Zhou war quasi über Nacht nicht nur die reichste Frau Chinas, sondern auch die reichste Selfmade-Milliardärin der Welt.