Schwarzer Anzug, weißes Hemd, Krawatte oder Kostüm: Die Globalisierung hat auch die Herrschergewänder erfasst. Wenn sich heute Staatenlenker aus Honduras, Frankreich oder Japan treffen, tragen häufig alle das Gleiche. Doch das war nicht immer so. Denn in der Geschichte folgten Präsidenten und Häuptlinge, Könige, Kaiser und Kardinäle ganz bestimmten Dresscodes.

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Orden, so weit das Auge reicht: eine Uniform von Muammar al-Gaddafi (Foto: picture-alliance)
Orden, so weit das Auge reicht: eine Uniform von Muammar al-Gaddafi (Foto: picture-alliance)

Ägyptische Pharaonen wie Tutanchamun trugen einen Königsbart – keinen echten, keinen Rauschebart, das wäre im alten Ägypten viel zu unhygienisch gewesen. Des Pharaos Bart bestand aus Wolle oder Pferdehaaren, eng zusammengebunden, und wurde mit einer Schnur hinter den Ohren befestigt. Bärte galten als göttliches Symbol. Auch die Frauen auf dem Pharaonenthron, etwa Hatschepsut im 15. Jahrhundert vor Christus, schmückten sich mit einem künstlichen Bart. Die Grabmaske von Tutanchamun zeigt den gesamten Kopfschmuck, den ägyptische Könige bei Zeremonien präsentierten: Um seinen Kopf ist das blau-goldene Nemes-Tuch gefaltet, und über seiner Stirn bäumt sich angriffslustig die Uräus-Schlange auf, die das Böse fernhalten sollte.

Die teure Farbe aus Schneckenschleim – Purpur

Als Hatschepsut den ägyptischen Thron bestiegen hatte, entdeckten die Phönizier das später berühmteste Mittel, mit dem edle Stoffe gefärbt wurden: Schneckenschleim. 8.000 bis 10.000 Meeresschnecken muss das Drüsensekret entnommen werden, um ein einziges Gramm Purpur-Farbstoff zu erhalten. Lange Zeit galt Purpur als die Farbe der Macht: einfach deshalb, weil die Herstellung so aufwendig und daher teuer war. Um ihre Autorität zu demonstrieren, trugen nicht nur jüdische Hohepriester, die einige Jahrhunderte vor Christus in den Jerusalemer Tempeln dienten, und byzantinische Kaiser in der Spätantike, sondern auch deutsche Kaiser im Mittelalter sowie römisch-katholische Kardinäle purpurfarbene Kleidungsstücke.

Auch die hohen Beamten im alten Rom verzierten ihre ansonsten weißen Togen mit purpurnen Säumen. Auf diese Weise hoben sie sich von allen anderen Bewohnern der Stadt optisch ab: sowohl von den zahlreichen Sklaven als auch den einfachen Bürgern. Die Anwärter auf ein öffentliches Amt mussten eine noch weißere, glänzendere Toga tragen, als Zeichen für Unbestechlichkeit und Reinheit – und rieben den Keidungsstoff mit Kreide ein. Weiß bedeutet  auf Lateinisch „candidus“. Hiervon leitet sich nicht nur das deutsche Wort „Kandidat“, sondern auch die sprichwörtliche weiße Weste ab.

Drei Kronen für den Papst – die Tiara

Nicht eine Krone, nicht zwei, gleich drei Kronen trugen jahrhundertelang die Päpste bei ihrer Krönung. Weil sie nur einen Kopf haben, wurden die stilisierten Kronen zur sogenannten Tiara zusammengefasst. Über einem fast eiförmigen Korpus steckt je ein Reifen für jeden Bereich, den der Papst seinem Selbstverständnis nach beherrscht: Vater der weltlichen Könige, Herrscher der Welt – und Stellvertreter Christi. Als Päpste noch Armeen befehligten, als sie ihre Ländereien – etwa im Albigenserkreuzzug 1209–1229 – mit Soldaten vergrößerten und nicht mit Missionaren, war das vielleicht plausibel. Aber nicht im 20. Jahrhundert – und schon gar nicht in Vatikanstadt, dem kleinsten Staat der Welt. Deshalb entschied Papst Paul VI. im Jahr 1964, der Welt ein Zeichen zu setzen und die Krone abzulegen. Während eines Konzils stellte er die fast fünf Kilo schwere Tiara auf den Altar im Petersdom, um der weltlichen Macht zu entsagen, die er ohnehin nicht mehr genoss. Seither hat kein Papst mehr die Tiara getragen.

Noch bescheidener war Sitting Bull, der Häuptling des Sioux-Indianervolkes der Hunkpapa Lakota, der im 19. Jahrhundert durch die Schlacht am Little Bighorn von 1876 berühmt wurde. Jahrelang hatte er Widerstand gegen die US-amerikanische Regierungspolitik geleistet, bevor er sich letztlich für eine Versöhnung starkmachte. Für jeden Feindkontakt, jede Verwundung erhielt ein Krieger der Lakota eine Adlerfeder. Der Adler galt als heiliges Tier, weil es so hoch flog und so weit sehen konnte wie kein anderes. Doch trotz seiner angeblich 69 Siege im Kampf und dreier Verwundungen trug Sitting Bull meist nur zwei Federn: eine große, die ihm sein Vater überreichte, nachdem er als 14-Jähriger die Krieger eines verfeindeten Stammes in ihrem Lager überrascht hatte; die zweite, eine rot gefärbte, erhielt er, als er in einer Schlacht am Fuß verwundet wurde. Mit seiner braunen Lederjacke und zwei Federn dürfte Sitting Bull zu den eher einfach gekleideten Herrschern des 19. Jahrhunderts gehören.

Lametta an der Brust – die Paradeuniform

Einige Jahrzehnte später kamen gedecktere Herrscherfarben in Mode: Feldgrau und Olivgrün lagen im Trend. Viele Diktatoren des 20. Jahrhunderts, selbst ehemalige Soldaten, stützten ihre Macht auf die Armee, beispielsweise Muammar al-Gaddafi, der in Libyen durch einen Putsch an die Macht gekommen war und bis zu seinem gewaltsamen Tod im Jahr 2011 dort herrschte. Er gehört zu einer Gruppe von Despoten, die man wohl am besten der „Lametta-Fraktion“ zuordnen könnte. Ob schwarz, weiß oder grau: Gaddafis Paradeuniformen waren über und über behangen mit Dutzenden teils bizarr geformten Orden, goldenen Fransen und Schärpen. Dass sich ein solch statusbewusster Mann am Ende seines Lebens vor seinen Häschern in ein Abflussrohr flüchten musste, ist eine Ironie der Geschichte.

Diese Ära der Militärdiktatoren ist glücklicherweise weitestgehend vorbei. Die Farbtupfer im Einheitsschwarz setzen heute eher auf weibliche Herrscher: Margaret Thatchers blaue Handtasche oder Merkels Blazer in allen Farben des Regenbogens sind inzwischen geradezu legendär.