Das Büro des Vereins „Gemeinschaftshaus Morus 14“ im Rollbergkiez in Berlin Neukölln. Wir sind mit Gilles Duhem verabredet, dem Volkswirt und Stadtplaner aus Paris, der das Projekt seit über zehn Jahren leitet: Im Kern geht es um eine ehrenamtliche Hausaufgabenbetreuung für Kinder aus bildungsfernen Familien, von denen viele einen Migrationshintergrund haben und aus muslimischen Ländern stammen. Nebenbei kümmert sich die Initiative um das ganze Kiezleben: Das Haus in der Morusstraße 14 richtet unter anderem Feste aus, veranstaltet Filmabende, lädt Prominente ein, die für die Anwohner kochen. Ist also einiges los hier und deshalb ist es gar nicht so leicht, mit Duhem ins Gespräch zu kommen. Die zwei Räume im Erdgeschoss des Neubaublocks in der Werbellinstraße sind nicht nur das administrative Zentrum der Initiative, sie sind auch ein soziales Drehkreuz: Hausaufgabenhelfer kommen rein und fragen Duhem nach ihren Schülern; Schüler kommen rein, fragen ihn nach ihren Hausaufgabenhelfern und berichten eifrig von den neuesten Schulerfolgen. Irgendwer will Kaffee. Ja, der Interviewer nimmt auch gerne einen. Endlich kann es losgehen.

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Gilles Duhem hat mit seiner zupackenden Art eine Menge erreicht im Rollbergviertel. Aber er ist auch ein bisschen müde, weil die ständigen Finanzierungsengpässe von den eigentlich wichtigen Aufgaben abhalten." src="/images/cms-image-0000475 (Roman Kutzowitz)
Gilles Duhem hat mit seiner zupackenden Art eine Menge erreicht im Rollbergviertel. Aber er ist auch ein bisschen müde, weil die ständigen Finanzierungsengpässe von den eigentlich wichtigen Aufgaben abhalten. (Roman Kutzowitz)

fluter.de: Der Neuköllner Rollberg ist vermutlich nicht eins zu eins vergleichbar mit den Banlieues in Paris, aus denen einige der Attentäter vom 13. November stammten. Trotzdem: Wie verhindert man in einem Kiez mit vielen bildungsfernen und perspektivlosen Familien, dass sich Jugendliche radikalisieren?

Gilles Duhem: Es gibt sicher nicht nur eine Erklärung für die Pariser Anschläge, sondern viele. Einer der Drahtzieher hat offenbar eines der schicksten Gymnasien von Brüssel besucht und sprach gut Französisch. Für dieses Phänomen muss es eigene Gründe geben. Aber bei dem Gros der Radikalisierten, das vermute ich aus meinen Erfahrungen hier, ist ein großer Minderwertigkeitskomplex der westlichen Gesellschaft gegenüber die Ursache. Zugleich wollen sie den Konsum des Westens, und zwar die volle Dröhnung. Doch wegen ihrer mangelnden Bildung können sie sich ihre materiellen Wünsche nur sehr begrenzt erfüllen. Sie erleben sich daher ständig als Scheiternde und Frustrierte. Religiöse Radikalisierung ist für sie eine Möglichkeit, auch endlich als etwas zu gelten und  in bestimmten Kreisen eine gewisse Bewunderung und Anerkennung zu ernten. Eine bundesweit anerkannte Spezialistin – Claudia Dantschke, vom Verein „Hayat“ (Türkisch und Arabisch für ‚Leben’; Anm. der Redaktion), die deutschlandweit erste Beratungsstelle für salafistisch Radikalisierte und ihre Angehörigen – spricht sogar vom „Pop-Jihad“. Aber das ist noch nicht alles.

Worum geht es noch?

Attraktiv sind radikale religiöse Gruppierungen für sie auch, weil sie dort Struktur finden – Struktur und männliche Rollenbilder. Beides vermissen sie in ihren Familien. Denn die sind zwar häufig durch eine patriarchale Kultur geprägt, doch die Männer füllen diese Tradition meist nicht mehr aus. Die sind wie Phantome: immer unterwegs, in Anführungsstrichen „Geschäfte machen“. Und wenn sie auftauchen, sind sie wegen ihrer eigenen Unzufriedenheit oft jähzornig, was den Kindern Angst macht. Wenn solche Jugendliche nun radikal religiös werden, dann hat das meines Erachtens wenig mit dem Islam als spiritueller Tradition zu tun. Die sind auf der Suche nach Anerkennung, Geltung, Struktur und Männlichkeitsmustern. Bei den religiösen Fundamentalisten finden sie die – nur eben die grundfalschen.

Was kann man nun konkret dagegen tun?

Eben das, was wir hier täglich tun: Wir setzen Bildung und Öffnung zur Welt dagegen. Damit die Kinder später nicht abgehängt werden und sich in dieser vom harten Wettbewerb geprägten Gesellschaft bewähren können. Nur ist das den Familien schwierig zu vermitteln. Von Bildung hat man nicht, wie vom Konsum, unmittelbar etwas, sondern erst in zehn oder zwanzig Jahren. Wir brauchen daher unendlich viel Geduld, Ausdauer und Zähigkeit. Und Bildung ist in dem Zusammenhang ein großes Wort. Es ist unglaublich, wie weit vorne man manchmal anfangen muss.

Wo denn?

Was ist ein Termin? Was bedeutet es, pünktlich zu kommen? Was ist eigentlich Zeit?  Auch das müssen wir den Kindern oft erstmal beibringen. Wir hatten hier schon 15-Jährige, die das Konzept der Uhrzeit nicht verstehen. Wir haben einen guten Kontakt zu vielen der Eltern, sogar zu manchen Vätern. Aber dieses abstrakte Konzept, warum solche Dinge wichtig sind, ist oft gar nicht vorhanden. Deshalb sage ich immer: Ich bin Gehirnzellenimporteur und Arschtrittverteilmaschine. Gehirnzellenimporteur, weil ich freiwillige Helfer aus der Mittelschicht aus ganz Berlin rekrutiere, die den Kindern hier Nachhilfe geben und ihnen Lebenstechniken und Werte vermitteln und ihre wahren „Lobbyisten“ werden. Und Arschtrittverteilmaschine, weil ich Kinder und Eltern immer wieder dazu bringen muss, sich an Abmachungen zu halten.

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Es bedarf einer ungeheuren Ausdauer und Zähigkeit, um aus einem Viertel mit vielen sozial abgehängten Familien einen Ort zu machen, an dem Jugendliche eine echte Perspektive finden können. (Roman Kutzowitz)
Es bedarf einer ungeheuren Ausdauer und Zähigkeit, um aus einem Viertel mit vielen sozial abgehängten Familien einen Ort zu machen, an dem Jugendliche eine echte Perspektive finden können. (Roman Kutzowitz)

Braucht es nicht auch ein bisschen menschliche Wärme, wenn man Jugendliche für einen anderen Weg gewinnen will?

Erstmal gehe ich hier tatsächlich wie eine ostpreußische Gouvernante aus dem 19. Jahrhundert vor. Um das hier am Laufen zu halten, braucht es Autorität, Führung und Klarheit. Wenn Menschen sich permanent verpassen, verpufft die Energie. Und da möchte ich keine kulturalistischen Argumente hören, wonach andere Kulturen eben anders mit Zeit umgehen. In der globalisierten Welt ist eine Minute für alle eine Minute! Wer das nicht kapiert, ist raus. Das muss man von allen einfordern, sonst bilden sich Blasen von Abgehängten. Aber das strikte Regiment schließt menschliche Wärme ja nicht aus. Im Gegenteil, es macht sie erst möglich. Wärme kann ja nur ausgetauscht werden, wenn es überhaupt zu Begegnungen kommt. Dann ist sie sogar das allerwichtigste Mittel, um die Leute zu integrieren. Auf einen Platz bei der Schülerhilfe warten viele Anwärter, er ist der beste Beweis, dass unser System das richtige ist.

Bitte mal konkret, wie läuft das denn ab, Integration durch menschliche Wärme?

Nehmen wir das Beispiel von C., dem Hausaufgabenhelfer, und K., einem Berliner Jungen, deren Eltern aus einem sehr traditionellen muslimischen Land stammen. C. ist hochgebildet und arbeitet als Dozent. Die beiden lernen nicht nur zusammen für die Schule, sondern unternehmen auch sonst viel miteinander: gehen schwimmen, spielen Schach, fahren Fahrrad. Irgendwann kam die Sprache auf den IS. C. hat die Sache dann mal für den Kinderverstand erklärt: „Das sind Leute, die sich für die Hand Gottes halten und alle hassen, die keine Muslime sind. Mich hassen sie ganz besonders, weil ich schwul bin und Männer liebe. Wenn die mich treffen, töten sie mich.“ Da sagte der Junge nur: „Ich will aber nicht, dass du stirbst.“ Um solche Momente geht es.

Wie kommen schwule Hausaufgabenhelfer bei den sehr traditionellen Familien an?

Darauf nehme ich keine Rücksicht. Wir erzeugen bewusst solche Reibungen zwischen den unterschiedlichen Lebensentwürfen und Religionen, nur so lassen sich Berührungsängste abbauen. Darum zum Beispiel auch unser Projekt „Shalom Rollberg“, ein anderes Projekt von MORUS 14, bei dem wir Begegnungen zwischen der jüdischen Community Berlins und muslimischen Bewohnern des Rollbergkiezes fördern. Eine Fehlannahme des alten Multikulti-Konzeptes war doch, dass die Zuwanderer Multikulti gut finden und wollen. In Wirklichkeit wollen die meisten Menschen, Einheimische wie Migranten, nur Monokulti. Deshalb sind mancherorts Parallelgesellschaften entstanden. Meine Erfahrung ist: Wenn man diese Vielfalt will, muss man sie organisieren und die Leute einfach damit konfrontieren. Denn: Zumindest viele der Zuwanderer, mit denen wir es hier zu tun haben, sind von ihrer Kultur und ihrem Milieu her gar nicht auf Konsens und Pluralismus ausgerichtet, sondern eher auf Clanstrukturen und ein ständiges Kräftemessen.

Und wenn das mit der „verordneten“ Vielfalt nicht klappt? Was ist, wenn Jugendliche sich trotz all dieser Bemühungen radikalisieren?

Ganz aktuell haben wir so einen Fall: Wir empfangen ganz schwache Signale von einem 13-Jährigen, der eine zunehmende Affinität zu islamistischen Parolen erkennen lässt. Die Studentin, die ihn bei den Hausaufgaben betreut, hat mich darauf hingewiesen. Ich werde die Eltern um ein Gespräch bitten und versuchen, mein Vertrauenskapital und meine Empathie spielen zu lassen. Ich weiß aber nicht, ob es klappen wird.

Die Bundesfamilienministerin hat vor ein paar Tagen angekündigt, das Präventionsprogramm gegen die islamistische Radikalisierung von Jugendlichen aufzustocken. Wie sollte dieses Geld investiert werden?

In genau solche Initiativen wie Hayat oder uns. Schülerhilfe, in diesem umfassenden Sinne verstanden, ist effektive Jihadismus-Prävention. Wie und wo sonst hätte bitte der kleine K. einen C. kennenlernen sollen, der ihm vermittelt, wie man in diesem Land denkt und lebt? Der Wille der Bürger ist auch da, wie man an unseren zahlreichen Helfern sieht. Aber dafür braucht es Strukturen wie uns, die das generalstabsmäßig organisieren. Das Geld sollte also investiert werden, um an vielen Orten so etwas zu ermöglichen.

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„Ich bin Gehirnzellenimporteur und Arschtrittverteilmaschine“ – so fasst der Volkswirt und Stadtplaner aus Paris seine Arbeit manchmal zusammen. (Roman Kutzowitz)
„Ich bin Gehirnzellenimporteur und Arschtrittverteilmaschine“ – so fasst der Volkswirt und Stadtplaner aus Paris seine Arbeit manchmal zusammen. (Roman Kutzowitz)

Erwarten Sie, dass die Politik das so entscheiden wird?

Ich rechne nicht damit. Kontinuität ist die beste Waffe gegen Radikalisierung. Das öffentliche Fördersystem mit begrenzten Förderzeiträumen macht sie aber quasi unmöglich. Konzepte wie unseres sind zu gebietsübergreifend, um in das Raster der vielen behördlichen Anforderungen zu passen. Deswegen müssen wir uns hier ja seit Jahren mit privaten Spenden über die Runden retten und könnten an dem Papierberg schier verzweifeln, wenn wir mal staatliche Zuschüsse beantragen. Jedes Detail soll man da im Voraus bestimmen –  das ist überhaupt nicht möglich. So eine Initiative hier ist ein lebender Organismus. Worauf es ankommt, ist, dass man auf Dauer ein verlässlicher Anlaufpunkt für die Familien und ihre Kinder ist – über Jahre. Nur so kann etwas wachsen. Aber dafür bräuchte man genug Zeit und Geld –  und als Voraussetzung einen Vertrauensvorschuss von Seiten der Behörden. Den bringen sie aber nach meiner Erfahrung oft nicht auf.