Was bisher geschah: Arne will nicht wie ein Idiot dastehen. Er will auch niemanden nerven. Aber er will eine Frau kennenlernen. Doch dazu muss er erstmal seine Angst vor Ablehnung überwinden.

Ich schaue mir auf Youtube an, wie es die Profis machen. Männer, die in kurzen Clips zeigen, wie sie, ohne zu zögern, die heißesten Frauen auf der Straße ansprechen und mit ein paar coolen Sprüchen innerhalb von einer Minute reihenweise Telefonnummern einsammeln. Pick-up-Artists nennen die sich. Ich bin von deren Kunst auch direkt eingeschüchtert und hoffe, dass diese unsympathischen Typen im echten Leben Frauen netter behandeln. So überheblich wie die will ich nicht sein.

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Tinder kann ihn mal gerne haben: Im Kaufhaus der Bekanntschaften ist Arne die Lust schnell vergangen (Foto: Jörg Brüggemann/Ostkreuz)
Tinder kann ihn mal gerne haben: Im Kaufhaus der Bekanntschaften ist Arne die Lust schnell vergangen (Foto: Jörg Brüggemann/Ostkreuz)

Lars ist ein großer Fan der Pick-up-Artists. Er meint, ich solle auf eine Frau in einer Bar zugehen und sie fragen, ob sie ungefähr das Gewicht von Eis­bären wisse. Sie würde das vermutlich nicht wissen, und ich solle dann antworten: „Genug, um das Eis zu brechen. Hallo, ich bin Arne.“Ich bin von seinem Vorschlag nicht so begeistert. Denn sollte eine Frau auf so einen Spruch positiv reagieren, würde ich mich nicht weiter mit ihr unterhalten wollen. Ich will Frauen ansprechen, ich will mich nicht wie ein Idiot aufführen.

Muss also das Internet helfen. Ich lade mir Tinder herunter, eine Dating-App für Smartphones, die gerade en vogue ist. Sie erkennt meinen Aufenthaltsort und zeigt mir dann Profilbilder von Frauen in meiner Umgebung an, die grundsätzlich Interesse haben, sich mit Männern zu treffen. Wenn ich Lust habe, Kontakt mit einer von ihnen aufzunehmen, ziehe ich ihr Foto nach rechts. Wenn ich nicht will, nach links. Kurz hintereinander bekomme ich allerlei Frauen aus meiner Umgebung präsentiert: Seda, 25, ja; Franziska, 19, nein; Julia, 22, nein; Sara, 27, ja. Und so weiter. Das Raffinierte an Tinder: dass ich massenweise von Frauen abgelehnt werde, bekomme ich gar nicht mit. Denn nur wenn ich jemanden kennenlernen möchte und die Person mich auch, benachrichtigt mich die App. Die Absagen sind unsichtbar.

Zunächst überlege ich noch, wem ich zu- und wem absage, klicke auf die Profilbilder und suche nach weiteren Infos. Bald aber klicke ich Frauen nur noch wahllos nach links oder rechts und versuche, die Frauenliste aus meiner Umgebung erschöpfend abzuarbeiten. Eine halbe Stunde bleibt mein Handy still, obwohl ich Dutzenden Frauen ein Herzchen gesendet habe. Als sich dann schließlich doch etwas tut und Melanie, 28, Interesse an mir zeigt, habe ich schon längst die Lust verloren. Im Kaufhaus der Bekanntschaften verliert die einzelne für mich schnell an Wert. Ich antworte Melanie nicht und lege frustriert mein Smartphone weg. Ich fürchte, dass ich meine Angst vor Ablehnung nur dann verlieren kann, wenn ich meine eigenen vier Wände verlasse. Vielleicht ist es ja nötig, abgelehnt zu werden, um sich dann über Zusagen freuen zu können.

Freitagabend, ich bin mit Freunden in einem hippen Club in Berlin-Mitte. Mir fallen sehr viele Ausreden ein, warum ich gerade in diesem Moment keine Frau ansprechen sollte. An der Bar sitzt eine Frau alleine mit einem Drink. Ach, ich kenne schon genug Menschen, sag ich mir. Ich muss mir doch nichts beweisen, denke ich. Aber dann gebe ich mir einen Ruck: Nicht die Angst ist das Problem, sondern die Angst vor der Angst! Ich habe mir für den Abend einen Trick aus der Verhaltenstherapie geborgt. Mein Ziel ist es nicht, die Telefonnummern von Frauen zu erhalten, sondern Absagen. Wenn sie zusagen, gut, wenn sie mir einen Korb geben, umso besser – Ziel erreicht!

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Ein Lächeln sagt manchmal mehr als tausend Worte. In diesem Fall: Ich warte gerade auf einen anderen  (Foto: Jörg Brüggemann/Ostkreuz)
Ein Lächeln sagt manchmal mehr als tausend Worte. In diesem Fall: Ich warte gerade auf einen anderen (Foto: Jörg Brüggemann/Ostkreuz)

Also gehe ich entschlossen die sechs Schritte zur Bar, stelle mich neben die allein dort sitzende Frau, strecke meinen Arm zur Begrüßung aus und sage: „Hallo, ich bin Arne. Willst du dich zu uns setzen?“ „Nein“, sagt sie. Sie warte auf jemanden. Dabei lächelt sie zwar, aber mehr bekomme ich nicht mehr von ihr mit. Schnell verabschiede ich mich und fliehe zurück an den Tisch zu meinen Freunden. Gleich komme ich ins Grübeln: Hätte ich fragen sollen, auf wen sie wartet? War ich zu direkt? Die Fragen spüle ich mit einem Bier hinunter. So schlimm war die Absage eigentlich nicht, aber meinen Elan hat sie mir doch genommen. Ich hab eigentlich gar keine Lust, Körbe einzusammeln, merke ich. Den Rest des Abends spreche ich niemanden mehr an.

Am nächsten Tag schöpfe ich neuen Mut. Auf dem Weg zur Uni nehme ich mir vor, die dritte Frau, die mir entgegenkommt, anzusprechen. Die erste kommt vorbei, die zweite kommt, die dritte ... lasse ich lieber vorbeiziehen. Die sah nicht so freundlich aus, finde ich. Also noch mal: Die erste kommt vorbei, die zweite, die dritte ... Ich versuche, Augenkontakt aufzubauen, und lächle, aber sie bemerkt mich nicht und geht vorbei. Bei der nächsten Frau klappt es aber. Ich lächle sie an, sage „Entschuldigung“ und improvisiere dann: „Ich mache gerade ein Experiment. Würdest du mir deine Handynummer geben, wenn ich dich danach fragen würde?“ „Nee“, sagt sie. „Ich kenne dich doch gar nicht.“ Da hat sie recht, finde ich und gehe weiter. Gut, dass ich sie nicht nach ihrer Handynummer gefragt habe.

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Wer kann so einem Lächeln schon widerstehen? Die meisten Frauen – wie Arne in seinem Test feststellen musste (Foto: Jörg Brüggemann/Ostkreuz)
Wer kann so einem Lächeln schon widerstehen? Die meisten Frauen – wie Arne in seinem Test feststellen musste (Foto: Jörg Brüggemann/Ostkreuz)

Ich hab keine Lust mehr, Frauen anzusprechen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ihnen das unangenehm ist. Schließlich werden viele Frauen dauernd in der U-Bahn, im Fahrstuhl, auf der Straße blöd angemacht. Und ich will keine Frau ansprechen, nur weil sie mich angelächelt hat. Dass ich meine Angst loswerden will, rechtfertigt nicht, dass sich andere unwohl fühlen. Ich brauche eine neue Taktik.

In der nächsten und letzten Folge: Sprich mich an! Arne stellt sich mit einem Pappschild an eine Straßenkreuzung.