In Berlin gehört er fest zum Straßenbild. Er ist ja auch schwer zu übersehen. Und noch schwerer zu überhören. Jeden Tag steigt der 79-jährige Türke Aydın Akın auf sein Fahrrad und fährt dieselbe Strecke quer durch Berlin – mit Trillerpfeife, Megafon, Lautsprechern, einer türkischen und einer deutschen Fahne und ziemlich ramponierten Schildern, um gegen den rechtlich schlechten Status von Ausländern in Deutschland zu protestieren.

Vanessa Ellingham, 27, stammt aus Neuseeland und wohnt seit vier Jahren in Berlin. Mit „Nansen“ hat sie gerade ein kleines selbstfinanziertes Indie-Magazin gegründet. Darin geht es um die vielen Facetten der Migration, schließlich lebten laut dem UN International Migration Report 2015 244 Millionen Menschen weltweit in einem anderen Land, als sie geboren wurden – genauso viele wie 1960 übrigens.

Das Besondere an „Nansen“: Eine Ausgabe handelt jeweils ausschließlich von dem Leben von einem von ihnen. An der ersten Nummer arbeiteten zwei Autoren und vier Fotografen mit, die selbst nach Deutschland migriert sind . Dass alle Beteiligten für ihre Arbeit fair entlohnt werden können – durch Kleinkredite und die Einnahmen aus dem Magazinverkauf –, war Grundvoraussetzung für die Umsetzung des Projekts

fluter.de: Wie bist du auf Aydın Akın gestoßen?

Vanessa Ellingham: Er radelt jeden Tag an meiner Wohnung vorbei. Morgens und abends höre ich ihn. Ich glaube, viele Berliner sind ziemlich irritiert von ihm. Er sieht ja sehr verrückt aus. Ich hab dann mitbekommen, dass er es sehr ernst meint mit seinem Protest über die Rechte von Migranten. Ich wollte gern mit ihm reden, aber ich wohne im vierten Stock. Deshalb hab ich angefangen, die Zeiten zu notieren, an denen er vorbeikommt. Mir ist aufgefallen, dass er sehr pünktlich ist: Er kommt bei mir meist um 10.38 Uhr vorbei.

Das klingt sehr deutsch.

Total. Das hat er mir auch erzählt: dass er, je länger er hier lebte, immer pünktlicher und organisierter wurde.

 

Nansen Magazin
Für seinen Protest gegen den rechtlich schlechten Status von Ausländern ist Aydın Akın bestens gerüstet: Trillerpfeife, Megafon und Deutschlandfahne sichern die nötige Aufmerksamkeit. Untrügliches Indiz für eine gelungene Integration: der Fahrradhelm
 

Du bist weder Türkin noch Deutsche, du hast aber einen Türken in Deutschland als Protagonisten für die erste Ausgabe deines Magazins „Nansen“ ausgewählt. Warum?

Ich wollte, dass es ein Magazin über Migranten aller Art ist. Die Diskussion, die heute so heiß geführt wird, konzentriert sich auf Flüchtlinge, aber es sind ja noch viel mehr Menschen in der Welt unterwegs. Damit soll nicht von den Themen abgelenkt werden, die die Flüchtlinge betreffen, sondern Solidarität untereinander erzeugt werden. Ich möchte Gemeinsamkeiten zeigen. Ich wollte für das erste Heft jemanden, der aus einer großen Migrantengruppe stammt und viel Erfahrung mit dem Thema hat. Ich bin erst vier Jahre hier, er 49 Jahre, aber wir hatten irre viel zu besprechen.

Was hast du von Aydın Akın über Deutschland gelernt?

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Vanessa Ellingham (Foto: Andreas Nielsen)
Bevor Vanessa Ellingham „Nansen“ gründete, baute sie mit anderen Expats die Plattform „Give something back to Berlin“ auf. Sie hilft Flüchtlingen, in Deutschland Fuß zu fassen (Foto: Andreas Nielsen)

Wie viel besser die Einwanderungspolitik sein könnte. Nicht nur in Deutschland. Auch wenn er der Verrückte ist, der auf der Straße rumkreuzt mit Schildern, die man kaum lesen kann, sind seine integrationspolitischen Forderungen total konkret: gleiches Wahlrecht, doppelte Staatsbürgerschaft, Familiennachzug und gerechte Steuern. Er fragt: Warum genießen Migranten aus der EU da andere Rechte als alle anderen? Seine Theorie ist: Wenn man das angleichen würde, gäbe es weniger Ausschluss und Ärger. Das könnte viele Spannungen und sogar Gewalt abbauen. Er hat vielleicht nicht die ausgefeilteste Kommunikationsstrategie, aber wir sollten auf seine Punkte hören.

Was macht Akın denn, wenn er nicht durch Berlin radelt?

Er arbeitet als Steuerberater. Er hat sogar ein Buch über das deutsche Steuerrecht geschrieben. 

Weißt du schon, wer der nächste Protagonist für „Nansen“ sein wird?

Wir, also ich und Eva Gonçalves, die Art-Direktorin, haben eine lange Liste mit interessanten Leuten. Viele leben nicht in Deutschland und haben auch jeweils einen ganz unterschiedlichen Rechtsstatus. Wir haben uns aber noch nicht entschieden.

Wie ist denn dein rechtlicher Status?

Ich habe jetzt ein Freelancer-Visum. Das gibt es nur in Deutschland, und ich bin sehr froh darüber. Der nächste Besuch bei der Ausländerbehörde ist in zwei Jahren. Das ist natürlich immer ein aufregender, belastender Moment.