1. Dee Nasty – „Paname City Rappin“ (1984)

1979 stieß der weiße Pariser Daniel Bigeault in den USA auf die damals brandneue afroamerikanische Hip-Hop-Kultur. Zurück in Frankreich, gab er sich den Künstlernamen Dee Nasty und startete seine Radioshow „Funk à Billy“ bei einem Piratensender. Sein blechernes Electro-Rap-Stück „Paname City Rappin“ gilt offiziell als das erste französischsprachige Hip-Hop-Stück überhaupt, die Originalpressungen seines Debütalbums werden im Internet heute für viel Geld gehandelt.

2. MC Solaar – „Qui Sème Le Vent Récolte Le Tempo“ (1991)

Mit Claude M’Barali – Eltern aus dem Tschad, in Senegal geboren, in Pariser Vororten aufgewachsen – sprach die Banlieue erstmals im französischen Musik-Mainstream. Und wie! Mit Uni-Abschlüssen in Linguistik und Philosophie galt MC Solaar als der nachdenkliche Poet unter Frankreichs Rappern, seine komplex verschachtelten Texte ließ er meist mit sanfter Stimme über Jazz-Samples (hier von Lou Donaldson und Quincy Jones) fließen. Solaars Stücke fand so mancher französische Hardcore-Rapper verweichlicht, sie sind aber noch immer eine Klasse für sich.

3. Suprême NTM – „Qu’est-ce qu’on attend“ (1996)

Suprême NTM aus dem Pariser Problemviertel Seine-Saint-Denis sind die bekanntesten Gangsta-Rapper des Landes und immer für einen Skandal gut, weil sie kein Blatt vor den Mund nehmen. Vermeintliche Gewaltaufrufe gegen die Polizei brachten den Rappern von Suprême NTM sogar mal ein paar Monate Knast und Berufsverbot ein. Und auch sonst sind die Bandmitglieder oft mit dem Gesetz aneinandergeraten. Aber die Crew nimmt, stets politisch, immer wieder auch den rechtsextremen Front National ins Visier, oder sie macht sich wie zu Anfang dieses Clips über die glänzende Zukunft lustig, mit der die französischen Neubausiedlungen einst angepriesen wurden.

Vive le rap!

Warum HipHop in Frankreich so riesengroß ist? Das kommt auch daher, dass es eine Menge Probleme gibt, über die es sich zu rappen lohnt. Ähnlich war es in der New Yorker Bronx, wo sich der Sound zu einem schwarzen Nachrichtenkanal entwickelte: zu einer Art CNN, wie Public Enemy es formulierten. In diesem Text erfährst du mehr über das CNN der Banlieues und seine nicht immer schönen Geschichten

4. Doc Gynéco – „Nirvana“ (1996)

Wie bei kalifornischem Singsang-Hip-Hop etwa von Snoop Dogg, Warren G oder Coolio mag die Musik von Doc Gynéco zunächst etwas sehr entspannt und gut gelaunt wirken. Doch hinter der netten Fassade verbergen sich harsche Texte über Depressionen, Selbstmord und das traurige Leben in den Banlieues. Wie auch in Kalifornien war diese Kombination, die alten Funk, wie ihn der Musiker George Clinton seit Ewigkeiten veröffentlicht, mit den zeitgemäßen, oft auch düsteren Anliegen der Rapper zusammenbrachte, zu ihrer Zeit revolutionär in Frankreich.

5. IAM – „Nés sous la même étoile“ (1997)

Bis zum Erfolg von IAM aus Marseille ab Mitte der Neunziger galt Hip-Hop in Frankreich quasi nur dann etwas, wenn er aus Paris kam. IAM, ethnisch gemischt wie so viele französische Hip-Hop-Gruppen, setzten den Süden auf die Landkarte. Und sie gehörten zu den Ersten, die die Kunstform Hip-Hop nutzten, um in geschliffenen Formulierungen Armut oder die Wunden von Kolonialismus und Sklavenhandel anzuprangern. Dieser Clip aus ihrem besten Album, „L’Ecole du Micro D’Argent“, prangert in fast schon ruhigen Bildern die soziale Ungleichheit in Frankreich an.

6. Les Sages Poètes De La Rue – „Tout Le Monde Fait Oh“ (2002)

Die „weisen Straßenpoeten“ tauchten erstmals auf dem Soundtrack des wegweisenden Banlieue-Films „La Haine“ auf. In der Folge führten sie, wenn auch verspätet, den freundlichen, aber politisch bewussten Daisy-Age- und Native-Tongue-Hip-Hop von De La Soul oder den Jungle Brothers in Frankreich ein. Nach einer Pause 1998 kehrten sie vier Jahre später mit diesem hüpfenden Hit zurück.

7. Booba – „Game Over“ (2008)

Man muss seine Stücke nicht mögen, aber ohne Zweifel ist Booba der kommerziell erfolgreichste und bekannteste Rapper des Landes, neben seinem Konkurrenten Rohff. Der Musiker mit senegalesischen Wurzeln hatte schon Mitte der Neunziger als Teil des Straßenrap-Duos Lunatic zu rappen begonnen. Anfangs waren seine Texte noch politischer, und er thematisierte beispielsweise die Diskriminierung von Schwarzen in Frankreich. Inzwischen wird seine Musik jedoch zunehmend opulenter, durch die Videoclips rollen immer mehr Sportwagen. Bei diesem Track von 2008 hatte er sich noch einigermaßen im Zaum.

8. PNL – „Le Monde Ou Rien“ (2015)

Im zeitgenössischen französischen Hip-Hop sind PNL die rätselhaftesten Gestalten. Die beiden Brüder mit algerischen Wurzeln geben fast nie Interviews. Stattdessen veröffentlichen sie seit 2015 Track auf Track mit seltsam entrücktem Cloud-Rap. So sind beispielsweise ihre Stimmen stets von der Autotune-Software verfremdet. Die Videos dazu sind fast kinoreife Kurzfilme mit Freunden in den Hauptrollen, die von der Tristesse der Banlieue erzählen – oder von der Flucht von dort nach Island oder auf karibische Inseln. Ihre Musik hat eine seltsame, synthetische, düstere Schönheit. Und die Klickzahlen ihrer Clips sprechen für sich.

9. Shay – „Biche“ (2016)

Shay ist eine der wenigen Frauen, die aktuell im französischen Hip-Hop erfolgreich sind. Nach dem Abgang der legendären Rapperin Diam’s, die sich angeblich zur konservativen Muslima gewandelt hat, sitzt sie seit 2013 auf dem Thron. Ihr größter Hit ist das dancehalleske „PMW“, doch der Clip zu „Biche“ ist noch etwas cooler.

10. MHD – „Afro Trap Part. 7 (La Puissance)“ (2016)

Natürlich hat auch die schnelle, elektronisch angehauchte Rap-Unterart Trap, die aktuell so viel Hip-Hop-Musik prägt, vor Frankreich nicht haltgemacht. Eine spezielle Variante hat sich MHD ausgedacht, der Trap mit elektronischer Clubmusik aus afrikanischen Großstädten wie etwa nigerianischem Naija-Pop mischt. Das Ergebnis hat er „Afro Trap“ genannt und damit gleich ein neues Genre geschaffen. Mitreißend.

Titelbild:  Alain LE BOT/GAMMA-RAPHO/laif