Mit elf Jahren begann ihr Leben in der Öffentlichkeit. Hayden Panettiere, zierlich, blond, hübsch, bekam ihre ersten Filmrollen. Fotos von ihr tauchten in Klatschmagazinen auf –  aber nicht nur die Schönen. Ein besonders unvorteilhafter Schnappschuss landete neben einem Artikel über Cellulitis. Ein schwerer Schlag für den Teenager. Die 16-Jährige hat kein Übergewicht, die Proportionen stimmen, ihre Gesichtszüge sind zart. Trotzdem begann für sie ein Leidensweg.

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Dort das allgemeine Schönheitsideal, hier ich. In dem Vergleich nehmen manche Leute ihre äußere Erscheinung als völlig unzureichend wahr   (Gracie Hagen)
Dort das allgemeine Schönheitsideal, hier ich. In dem Vergleich nehmen manche Leute ihre äußere Erscheinung als völlig unzureichend wahr (Gracie Hagen)

„Ich fühlte mich damals gedemütigt. Lange hatte ich mit Dysmorphophobie zu kämpfen und empfand mich als sehr hässlich“, erzählte sie im Interview mit dem US-Magazin „Women's Health“. Nur nach außen hin wirkte sie damals taff und selbstbewusst, ein Bild geprägt durch ihre Rolle als Cheerleaderin Claire Bennet in der Serie „Heroes“. Innerlich wurde sie von starken Zweifeln und Selbsthass geplagt, verbrachte Stunden vor dem Spiegel, achtete krampfhaft auf ihre Ernährung.

Typisch für die Dysmorphophobie. „Die Patienten verleugnen ihre Attraktivität und beschäftigen sich zwanghaft mit vermeintlichen Makeln“, erklärt Thomas Schläpfer, Leitender Oberarzt in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Bonn. Etwa zwei Prozent der Bevölkerung leiden unter einer körperdysmorphen Störung, besonders häufig sind es junge Erwachsene. In der Pubertät hadern viele mit ihrem Aussehen. Bis zu einem gewissen Grad ist das völlig normal. Missmutig werden das pickelige Gesicht und die schmalen Schultern im Spiegel betrachtet. Ein letztes Kopfschütteln, dann beginnt wieder der Alltag.

Menschen mit Dysmorphophobie kommen aus diesem Muster der Selbstwahrnehmung nicht wieder raus. „Je länger sie sich mit ihrem Körper beschäftigen, desto überzeugter sind sie von ihrer Unattraktivität“, erklärt Silka Hagena, Expertin für Affektive Erkrankungen bei den Asklepios Kliniken Hamburg. Über die Ursachen der Krankheit gibt es nur wenige Untersuchungen. Man nimmt an, dass Mobbing oder schon ein unbedachter Witz Auslöser sein können. Dazu gibt es Risikofaktoren wie ein fehlendes Selbstbewusstsein oder die übermäßige Fixierung auf Äußerlichkeiten im Umfeld. Auch Konflikte oder Missbrauch in der Familie können eine Rolle spielen. Immer weiter steigt die Erwartungsangst, wegen des eigenen Aussehens auf Ablehnung zu stoßen. Grundsätzlich kann dabei jeder Körperteil zum eingebildeten Makel werden. Häufig ist es das Gesicht oder die Haare. „Auch den Körperbau oder den eigenen Geruch empfinden manche Erkrankten als unerträglich“, sagt Schläpfer.

Die Konsequenzen sind fast immer dieselben: Wer unter Dysmorphophobie leidet, verbringt Stunden vor dem Spiegel, inspiziert sein Aussehen, versucht den vermeintlichen Schandfleck zu kaschieren. Es wird gedrückt, gequetscht und an sich herumgekratzt, bis dem letzten Mitesser der Garaus gemacht worden ist. Die Menschen ziehen sie sich immer mehr zurück, brechen soziale Kontakte ab. Selbst zur Arbeit oder in die Schule schaffen es viele nicht mehr. Auf die Zuwendung und Hilfsangebote der Freunde und Familie reagieren sie mit Ablehnung, was von den helfenden Händen oft falsch verstanden wird. An den Konflikten zerbrechen Freundschaften und Beziehungen. Die Zwänge dominieren immer mehr den Alltag und hinterlassen vernarbte Haut und blutige Wunden. Auch Selbstmordgedanken sind nicht selten. „Nur als Krankheit nehmen die Menschen ihre Störung meistens nicht war“, sagt Psychologin Hagena.

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Ich sehe was, was Du nicht siehst, und das ist hässlich: ich in meiner Selbstwahrnehmung (Gracie Hagen)
Ich sehe was, was Du nicht siehst, und das ist hässlich: ich in meiner Selbstwahrnehmung (Gracie Hagen)

Hoffnung setzen sie eher in die Schönheitschirurgie als in eine Psychotherapie. Aber das ist eine falsche Hoffnung. „Bei Dysmorphophobie sollte man tunlichst vermeiden zu operieren, rät Sven von Saldern, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie. „Manche unterziehen sich fünf oder sechs Schönheitsoperationen, ohne auch nur ansatzweise eine Linderung zu erfahren“. Entweder bleibt nach dem Eingriff die Unzufriedenheit mit dem Körperteil oder sie fokussieren sich schnell auf einen anderen angeblichen Makel. Als verantwortungsvoller Schönheitschirurg könne man den Eingriff nur ablehnen, sagt von Saldern.

Die größte Chance auf Heilung birgt eine kognitive Verhaltenstherapie, sagen die Psychologen. Doch der Weg dorthin ist oft lang. Die zwanghafte Störung ist bisher kaum erforscht, selbst in der Fachwelt eher am Rande bekannt und wird dementsprechend selten genau erkannt. Häufig wird eine Depression diagnostiziert und die Menschen werden in die Psychiatrie oder eine Psychotherapie überwiesen. Ist Dysmorphophobie hingegen einmal festgestellt, beginnt die Therapie mit einer Aufklärung über die Krankheit. Im Laufe der Therapie lernen die Menschen ihren Körper neu wahrnehmen und akzeptieren und lassen sich bewusst auf Situationen ein, die ihnen vorher unangenehm waren: Einkaufen gehen, körperbetonte Kleidung tragen, sich mit Freunden treffen.

Oft dauert es viele Monate, bis die Betroffenen ihr Vermeidungsverhalten in den Griff bekommen. Ein großer Erfolg könne es schon sein, wenn eine Patientin, die vorher sechs Stunden pro Tag unter der Dusche stand, nur noch eine Stunde mit Körperpflege verbringt, erklärt Oberarzt Schläpfer. „Bei den meisten Patienten bleiben Restsymptomatiken, mit denen man allerdings normal leben kann. Ihr Aussehen wird trotzdem immer eine Achillesferse bleiben.“ Auch Panettiere, immer noch eine erfolgreiche Schauspielerin und seit Kurzem Mutter einer kleiner Tochter, hat inzwischen Frieden mit ihrem Aussehen geschlossen: „Ich wurde reifer und erkannte, dass Schönheit mehr eine Meinung als eine Tatsache ist. Attraktivität hat viel damit zu tun, wie du dich selbst siehst.“

Birk Grüling wuchs im niedersächsischen Niemandsland auf, studierte Mathe und Kulturjournalismus in Hannover und verlor dann sein Herz an Hamburg. Als freier Journalist schreibt er aus der Hansestadt für große Tageszeitungen und Magazine über Wissenschaft und Gesellschaft. 2014 wurde er vom Medium Magazin unter die Top 30 unter-30-jährigen Nachwuchsjournalisten gewählt.

Gracie Hagen lebt in Chicago und ist fotografische Autodidaktin. So hat sie ihren eigenen Stil entwickelt und widmet sich der komplexen Frage von Selbst- und Fremdwahrnehmung: Wie sehen wir selbst uns? Wie sehen uns andere? Und was glauben wir, wie die anderen uns sehen? Das ist auch das Thema ihrerFotoarbeit „Illusion of the Body“: Sie thematisiert die Normen für unser Aussehen, die uns durch mediale Schönheitsideale vermittelt werden – und wie fehlerhaft und unzureichend wir unser eigenes Äußeres Kontrast dazu wahrnehmen. www.graciehagen.com