„Der Mann wohnt in den russischen Häusern!“ Achtar Ghul, mein Fahrer aus Kabul, pfeift leise durch die Zähne, kratzt sich den Bart und wiegt den Kopf hin und her. Er wirkt beeindruckt, beinahe neidisch. Wir sind auf dem Weg zu Mir Joyenda, dem Sprecher der Afghanistan Research and Evaluation Unit, einer unabhängigen Organisation, die die aktuellen Entwicklungen in Afghanistan beobachtet. Russische Häuser ... Das ist ein Wohnviertel am Stadtrand von Kabul. Als wir näher kommen, verstehe ich, was damit gemeint ist: Plattenbauten. Immer vier achtstöckige Schuhkartons sind um einen Innenhof gruppiert, der einst begrünt war, jetzt aber zum Parkplatz geworden ist. Wege, von Hecken gesäumt, verbinden die Innenhöfe miteinander. Die Fassaden wurden nie wieder neu gestrichen. Der Putz bröckelt herab. Von einigen Fenstern ist nur noch der Rahmen da. Wo früher Glas war, schützen jetzt Handtücher notdürftig gegen Wind, Fliegen und die abendliche Kälte. Aber verglichen mit dem in Kabul sonst üblichen Wohnen ein eindrucksvolles Ensemble, bei dem der soziale Gedanke hervorsticht: Gemeinschaftsflächen, Spielecken für Kinder.

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Besseres Kabul: Die sowjetischen Plattenbauten gelten heute als bevorzugte Wohngegend
Besseres Kabul: Die sowjetischen Plattenbauten gelten heute als bevorzugte Wohngegend

Unser Gastgeber, Anfang 60, glatt rasiert, untersetzt und im Anzug, steht auf dem Treppenabsatz im achten Stock und nimmt unsere Bewunderung mit einem Nicken entgegen. Er ist sich seines Privilegs bewusst. Nur ganz wenigen Einwohnern Kabuls, erklärt er, während er uns ins Wohnzimmer führt, ist es vergönnt, die Vorzüge der russischen Häuser zu genießen. Die meisten sind mit ihm zusammen in den 1980er-Jahren eingezogen, weil sie zur Elite des sowjetisch gestützten kommunistischen Regimes gehörten, das damals in Afghanistan herrschte. Jetzt leben schon ihre Kindeskinder hier. Wir sprechen noch über unser eigentliches Thema, die neuesten politischen Entwicklungen. Aber mehr als der Inhalt des Gesprächs beeindruckt mich dessen Rahmen. Die Frage nach dem russischen Erbe hat mich gepackt. 

Der Hintergrund ist schnell ermittelt. Das jahrhundertealte „Great Game“ der Kolonialmächte um Macht und Einfluss am Hindukusch setzte sich auch im Kalten Krieg fort. Als ein kommunistischer Putsch in Kabul zu scheitern drohte, rollten 1979 die russischen Panzer. Die USA riefen die Afghanen zum gemeinsamen Kampf gegen das „Reich des Bösen“ auf, wie es Ronald Reagan 1983 formulierte. Gemeinsam mit Pakistan und Saudi-Arabien organisierten die USA den antikommunistischen Dschihad. Der Guerillataktik der Gotteskrieger, der Mudschaheddin, war die Rote Armee trotz ihres Materialaufwands am Ende nicht gewachsen, 1989 zogen ihre Truppen ab. Der russische Einfluss dauerte also zehn Jahre. Was ist geblieben aus dieser Zeit? 

Wenn mein Fahrer Achtar Ghul ins Erzählen kommt, klingt das zunächst nicht nach Sowjet-Nostalgie: „Sie waren Atheisten und wollten das Land unter ihre Kontrolle bringen.“ Und die Amerikaner, die mehr als ein Jahrzehnt später die islamistischen Taliban bekämpften, kommen erst mal ganz gut weg bei ihm: „Sie haben uns geholfen, wir haben gemeinsam gegen denselben Gegner gekämpft. Sie haben uns von den Taliban befreit, das werde ich ihnen nie vergessen …“Und gibt es heute eine Sowjet-Nostalgie in Kabul, nach vielen weiteren Jahren von Bürgerkrieg und Krieg, nach dem Angriff der USA 2001 und dem späteren ISAF-Einsatz? Über ein solches Phänomen berichten Journalisten jedenfalls schon seit einiger Zeit. In der „Rhein-Zeitung“ beschrieben Can Meray und Farhad Peikar 2009 eine solche Verklärung der Sowjet-Zeit. Sie zitierten positive Stimmen aus der Politik und aus der Bevölkerung zu den einstigen Besatzungsoldaten. Diese hätten ein besseres Verhalten gezeigt und mehr Respekt bewiesen, als später die Amerikaner und die anderen westlichen Soldaten. So hätten die Sowjets angeblich den Armen geholfen und besser mit Muslimen kommuniziert. Dass es auch unter der Sowjetbesatzung viele zivile Opfer und große Zerstörungen gab, scheint bei manchen Afghanen dagegen in Vergessenheit zu geraten.


Doch wenn Ghul Russen und Amerikaner vergleicht, schätzt er die sowjetischen Besatzer in der Rückschau so ein: „Mir scheint, sie wollten nicht nur Macht ausüben, sondern außerdem noch etwas für die Menschen tun: Rechtssicherheit, Sozialeinrichtungen, funktionierende staatliche Institutionen.“ Ghul selber absolvierte unter den Sowjets im Jahr 1980 die Polizeiakademie. In den Wirren des Bürgerkrieges ging seine Karriere in die Brüche. Eine Rente bekommt er nicht. „Bei den Russen war ich Polizeioffizier. Und heute? Bin ich dein Fahrer.“

Anderntags brechen wir frühmorgens auf in Richtung Norden, dem tief verschneiten Hindukusch entgegen. Auf der anderen Seite des Gebirges, in Masar-e Scharif, erwartet uns Generalmajor Zalmai Wesa, der jüngst in den Ruhestand getretene Kommandeur des 209. afghanischen Armeekorps, zu einem Interview. Nach etwa zwei Stunden erreichen wir den Salang-Pass. Aufwendig in den Fels hineingetriebene Stützstreben verhindern, dass Schnee oder Geröll auf die Serpentinenstraßen hinabrutschen. Der eigentliche Salang-Tunnel ist etwa 2,6 Kilometer lang. Er wurde zwar 1965 gebaut, ist aber dem sowjetischen Erbe zuzurechnen. Denn schon damals, gut ein Jahrzehnt ehe die Sowjetunion in Afghanistan einmarschierte, versuchte sie die benachbarte Noch-Monarchie zu dominieren. Der Salang-Tunnel verkürzt die Fahrtzeit von Süd nach Nord, von Kabul nach Masar-e Scharif, entscheidend. Bis 1965 musste man sich für diese Strecke noch in einem Bogen durch das halbe Land bewegen.

Das, was manche Afghanen heute als das Erbe der Amerikaner sehen, die 2001 mit den Briten das Talibanregime stürzten, lässt nicht lange auf sich warten. Als wir aus den Bergen wieder in die Ebene gelangen, auf der Straße Richtung Kundus, stoppen uns die ersten Milizionäre. Langbärtige Zivilisten mit Turbanen, Patronengurten über der Brust und Kalaschnikows auf dem Rücken. Sie durchkramen den Kofferraum und filzen das Wageninnere. „Nur weil du Europäer bist, lassen sie uns in Ruhe“, zischt Achtar Ghul. „Andernfalls hätten sie mir alles Mögliche abgenommen und für sich behalten.“

Weil der Aufbau einer regulären Polizei zu lange dauert und die Polizisten sich bislang als wenig effizient erwiesen, hat die internationale Afghanistan-Schutztruppe ISAF unter US-Führung ab 2009 diese Hilfstruppen aufgebaut. Sie unterstehen oft ehemaligen Mudschaheddin-Kommandeuren; also jenen Leuten, die Washington schon in den 1980er-Jahren zum Dschihad gegen die Sowjets finanzierte und mit Waffen ausrüstete. Heute sollen sie gegen die Taliban kämpfen. Das tun sie gelegentlich. Doch sie drangsalieren auch die Zivilbevölkerung. Laut einem Bericht des Magazin „Stern“ rauben sie den Menschen Geld und Mobiltelefone und treiben eigene Steuern ein. Auch soll es zu Morden gekommen sein. Achtar Ghul spricht von „Drogenhändlern, Killern, Anführern von Diebesbanden!“ Angesichts der neuen Hilfspolizisten kann er sich nur schwer wieder beruhigen. Von General Wesa, dem Mann, den wir treffen woilen, schwärmt er hingegen geradezu. Der Chef des 209. Armeekorps in Masar-e Scharif, ausgebildet noch zu Sowjetzeiten, sei "ein echter Profisoldat, keiner von diesen korrupten Warlords".

Generalmajor Zalmai Wesa, der mit Kommandogewalt über alle Nordprovinzen ausgestattet ist, hat seine militärische Ausbildung in Moskau absolviert, spricht Russisch, aber kein Englisch. Sein Hauptquartier liegt in der Festung Kalai-Jinghi auf einer Anhöhe über Masar-e Scharif. Die Lehmburg mit Bastionen, Zinnen und Schießscharten entstand im 19. Jahrhundert unter einem von Wesas Vorfahren, der Paschtunenfürst war. Dass der Nachkomme jetzt hier residiert, ist nicht unbedingt ein Zufall. Wesa ist ein Schwager des langjährigen Präsidenten Hamid Karzai und wie dieser ebenfalls Paschtune. 

Im Gespräch wirkt der „Sowjetkader“ Wesa tatsächlich weniger sowjetisch, eher fürstlich: gebügelte Tarnuniform, elegante Gesten, leise Stimme, aristokratisches Phlegma. Sein Problem besteht darin, dass er es als Absolvent einer Moskauer Militärakademie mit Offizieren und mit Soldaten zu tun hat, die den ehemaligen Mudschaheddin entstammen. Kurz gesagt: Er kommandiert seine ehemaligen Feinde. Als Wesa in der sowjetisch angeleiteten afghanischen Armee kämpfte, kämpften seine heutigen Stabsoffiziere gegen ihn. Viele gönnen ihm dieses Kommando nicht, verunglimpfen ihn als Atheisten und verbreiten, dass er in seinem Büro angeblich Alkoholpartys abhalte. Auch der Gouverneur von Balkh in Masar-e Scharif ist ein alter Mudschaheddin-Kämpfer, verweigert immer wieder die Zusammenarbeit und versucht den „Russen“ auf seiner Festung zu isolieren. „Heute haben wir doch eine Armee der nationalen Einheit“, beteuert Wesa. Doch Wesas deutscher Militärberater hält dessen Staatstreue eher für ein Lippenbekenntnis. 

Und so löst sich bei näherem Hinsehen vieles von der angeblich guten alten Sowjetzeit in Luft auf. Wesa ist zwar Absolvent einer sowjetischen Militärakademie, aber er ist auch ein Paschtunenfürst. Die Sowjets haben aufgebaut. Aber wer sich mit der Geschichte eingehend befasst, kommt schnell darauf, dass sie rücksichtslos Dörfer bombardiert und ebenfalls räuberische Milizen finanziert haben. Nur eben prosowjetische. Die Angehörigen der Intelligenzija in den Russenhäusern, räumt Achtar Ghul ein, stammen meist aus wohlhabenden und schon vor den Russen einflussreichen Familien. Das einzig Unstrittige am sowjetischen Erbe entdecken wir auf unserer Rückfahrt überall entlang der Route: die Waffe, die wirklich alle benutzen, heute wie vor 30 Jahren, egal ob Polizisten, Soldaten, Milizionäre oder Taliban: die Kalaschnikow.

Zum Autor: Marc Thörner, 1964 geboren, lebt in Hamburg und Marrakesch. Seit 1994 arbeitet er als freier Journalist, überwiegend für ARD-Rundfunkanstalten. Er gewann den Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus. Zuletzt erschienen: Ein sanfter Putsch: Wie Militärs Politik machen (Nautilus Flugschrift)