Für Berliner ist die Uckermark ein Sehnsuchtsziel. Nur 80 Kilometer sind es von der Hauptstadt bis in die lauschige Natur Nordostbrandenburgs: Sanfte Hügel, Seen, Wälder, Pferdekoppeln und Kuhweiden – hier scheint das Bild vom Landleben noch stimmig. Sofern man nicht so genau hinsieht und schnell wieder in die pulsierende Metropole zurückfährt. In Wahrheit gibt es da viel Perspektivlosigkeit und Sterben. Seit der Wende gehört der Kreis um die 19.000-Einwohner-Stadt Prenzlau zu den Regionen mit der höchsten Arbeitslosigkeit in ganz Deutschland. Aktuell liegt die Quote bei 13,7 Prozent. Mehr als drei Viertel davon sind Langzeitarbeitslose, die schon länger als ein Jahr keine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung mehr hatten und nun von ALG II leben, das viele als Hartz IV kennen.

cms-image-000047180.jpg

Stechuhr oder Wartenummer, das ist hier die Frage (Illustration: Arndt Benedikt)
Stechuhr oder Wartenummer, das ist hier die Frage (Illustration: Arndt Benedikt)

Stechuhr oder Wartenummer, das ist hier die Frage

Wer die Chance dazu hat, verlässt Prenzlau und die Uckermark. Das gilt vor allem für junge Menschen und Familien. Viele Schulen mussten in den letzten Jahren schließen, aus Mangel an Kindern. Seit der Wiedervereinigung sank die Einwohnerzahl in Prenzlau um 6.700 Personen. Der gesamte Landkreis verlor seit 1990 sogar ein Drittel seiner Einwohner – 170.409 lebten 1990 hier, heute sind es noch etwa 120.000. Wer bleibt, hat nicht die besten Perspektiven. Nicht wenige der arbeitslosen Menschen hier hatten seit der Wende keinen langfristigen Job mehr. Zu DDR-Zeiten gab es in der Region noch viele Agrarbetriebe, die eine Menge Angestellte benötigten. Die Höfe, die es heute noch gibt, kommen mit deutlich weniger Personal aus oder dienen nur noch der Selbstversorgung. Große Arbeitgeber sind in der Region Mangelware.

Und das alles, obwohl sich die Lokalpolitik durchaus ins Zeug legt. Der Haushalt des Landkreises Uckermark ist fast ausgeglichen. 2013 bekam die Region einen Preis für nachhaltigen Tourismus. Die Zahl der Übernachtungen steigt stetig. Erneuerbare Energien werden gefördert. Aber Jobs geschaffen hat das alles nur bedingt. Im Moment werden nur Pflegekräfte und Handwerker gesucht. Doch viele solcher Fachkräfte haben die Region längst verlassen.

Die Gründe für das bayerische „Job-Wunder“ liegen auf der Hand

Wie anders sieht es da in Bayern aus, wo die Arbeitslosenquote seit Jahren unter dem Bundesdurchschnitt liegt (allerdings ist die Erhebung der bundesweiten Arbeitslosenzahlen durchaus umstritten, wie wir schon zum Thema „Zahlen“ berichteten) – speziell in der Stadt Eichstätt sowie dem dazugehörigen Landkreis. Dort herrscht seit vielen Jahren Vollbeschäftigung. Jedenfalls annähernd. Die Arbeitslosenquote liegt nach offiziellen Angaben bei 1,3 Prozent. Aktuell sind 975 Personen arbeitslos gemeldet, 713 Stellen sind offen – Techniker und Ingenieure werden gesucht. Die meisten der Arbeitslosen sind hier Frauen, die nach der Kinderpause in ihren Beruf zurückkehren wollen. Teilzeitjobs sind in der Region rar. Auch Ältere haben es schwer. Aber insgesamt kann hier auf einem ganz anderen – höheren – Niveau gejammert werden als in Prenzlau.

Die Gründe für das bayerische „Job-Wunder“ liegen auf der Hand. Im nahen Ingolstadt boomt die Audi AG samt ihrer Zulieferbetriebe. Dazu kommt die räumliche Nähe zu Großstädten wie Nürnberg und München, die durch die A9 in rund einer Stunde zu erreichen sind. Eine reine Schlafstadt ist Eichstätt allerdings nicht. Es gibt immerhin etliche Kleinbetriebe und Mittelständler. Das Städtchen ist außerdem Bischofssitz samt dazugehöriger Verwaltung. Auch eine katholische Universität gibt es hier. Zusammen mit dem Standort Ingolstadt hat die Hochschule fast 5.500 Studierende. Viele von ihnen wollen in der Region bleiben. Eichstätt und der Landkreis haben in den letzten 25 Jahren etwa 20.000 Bürger hinzugewonnen. Inzwischen mussten sogar drei neue Schulen eröffnet werden.

Birk Grüling wuchs im niedersächsischen Niemandsland auf, studierte Mathe und Kulturjournalismus in Hannover und verlor dann sein Herz an Hamburg. Als freier Journalist schreibt er aus der Hansestadt für große Tageszeitungen und Magazine über Wissenschaft und Gesellschaft.

Illustration: Arndt Benedikt