Die Plastikfigur ist 8,7 Zentimeter hoch und 25 Gramm schwer. Eine Miniversion von Homer Simpson, seit 25 Jahren gelber Antiheld im Fernsehen. Die Figur steht schon seit einiger Zeit in meinem Regal. Okay, in der US-Trickfilmserie leben Homer und seine Sippe in Springfield – einer fiktiven US-Kleinstadt, die mal an der Küste liegt, mal in der Nähe eines Gebirges. Doch wo stammt dieser Plastik-Homer, gekauft in einem Comicladen, her?

Ich brauche eine Lupe. „China“ steht ganz klein auf der Figur, das war zu erwarten. Doch da steht auch noch „Matt Groening“, das ist der Simpsons-Erfinder. Darunter finden sich der Copyright-Hinweis auf den US-Medienkonzern Fox und eine australische Internetadresse: tpf.com.au. Schon mal ein Anfang für eine Spurensuche.

China, USA, Australien – das ist aber noch nicht alles an Globalisierung. Im Comicladen sagen sie, dass die Figur von United Labels sei. Nun kommt Deutschland ins Spiel, genauer gesagt Münster in Westfalen. Dort sitzt die Zentrale von United Labels. Das Geschäft der Firma: Comic-Lizenzprodukte – neben den Simpsons unter anderem auch Snoopy, die Schlümpfe und Hello Kitty.

United Labels bringt rund 4.500 Artikel in Umlauf – auch aus den Bereichen Textilien, Schreibwaren, Taschen und Accessoires. Jahresumsatz 2013: 33 Millionen Euro; Angestellte (inklusive Tochtergesellschaften in Europa und Hongkong): 123. Von Münster aus wird die Produktion der Simpsons-Kunststofffiguren gesteuert, ein Prozess, der sich zwischen Kalifornien, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Südchina und Australien abspielt. United Labels hat in den vergangenen zehn Jahren rund 1,5 Millionen dieser Simpsons-Figuren produziert.

Und das funktioniert so: Zunächst erwirbt man eine Lizenz bei einem Ableger des Filmstudios Twentieth Century Fox in Los Angeles. Die Lizenz erlaubt in diesem Fall den Verkauf der Figuren in allen EU-Mitgliedsstaaten. Die Lizenzgebühr beträgt laut United Labels rund zwölf Prozent vom Abgabepreis an den Handelspartner.

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Fast meint man, Homer die Strapazen anzusehen: Vom Fließband bis zum Regal war es eine halbe Weltreise (Michael Wolf)
Fast meint man, Homer die Strapazen anzusehen: Vom Fließband bis zum Regal war es eine halbe Weltreise (Michael Wolf)

Entworfen werden die Simpsons-Figuren in Münster, wo 15 Designer und Grafiker arbeiten. Die Entwürfe und auch die Produktmuster müssen dann mit dem Büro von Simpsons-Erfinder Matt Groening in Santa Monica abgestimmt werden. Alles richtig mit Homers Dreihaar-Glatze, dem Bierbauch und dem kurvigen Hintern? Im Laufe des Verfahrens können die Entwürfe und Muster bis zu zehn Mal zwischen Deutschland und den USA hin- und hergehen. Um den Prozess zu beschleunigen, werden manchmal mit Lizenznehmern aus anderen Weltregionen bereits von Groening genehmigte Plastikformen ausgetauscht. Deshalb prangt auf dem Rücken von Homer Simpson der Aufdruck „tpf.com.au“. Er weist auf die australische Firma The Promotions Factory – TPF hin, die ebenfalls schon die Simpsons im Programm hatte.Und das funktioniert so: Zunächst erwirbt man eine Lizenz bei einem Ableger des Filmstudios Twentieth Century Fox in Los Angeles. Die Lizenz erlaubt in diesem Fall den Verkauf der Figuren in allen EU-Mitgliedsstaaten. Die Lizenzgebühr beträgt laut United Labels rund zwölf Prozent vom Abgabepreis an den Handelspartner.

Alles richtig mit Homers kurvigem Hintern?

Bei United Labels schätzt man, dass weltweit sieben Firmen mit den Simpsons-Figuren handeln. Das in China hergestellte Originalmuster der Figur lässt United Labels mechanisch und chemisch bei Testinstituten wie den Hohenstein Instituten in Baden-Württemberg oder dem TÜV Rheinland in Köln testen. Hier wird kontrolliert, ob Grenzwerte überschritten werden, unter anderem bei Weichmachern – Phthalate, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) –, bei Schwermetallen wie Cadmium und beim Leichtmetall Aluminium. Nach dem Test der Muster gibt es später noch Stichprobentests der einzelnen Lieferchargen.Produziert werden die Plastikfiguren in fünf Fabriken rund um die südchinesische Metropole Shenzhen, die an Hongkong grenzt.Die Stadt hatte 1979 noch 30.000 Einwohner und entwickelte sich in rasendem Tempo zu einer Megacity mit heute rund 12 Millionen Menschen. Das Gebiet war die erste der Sonderwirtschaftszonen in China, kapitalistische Versuchslabore, die mit Steuererleichterungen und Subventionen Investoren locken. Diese Zonen haben als Wachstumsmotoren für eine schnelle Entwicklung Chinas gesorgt – mit den bekannten Kehrseiten: hohe Umweltbelastung, extremes Sozialgefälle, Millionen Wanderarbeiter. In den dortigen Fabriken werden die Kunststofffiguren gegossen und dann von Hand bemalt. Sie kommen in Verpackungen, die nach Entwürfen aus Münster ebenfalls in China hergestellt werden.

Seit diesem Jahr gibt es die Simpsons übrigens noch in einer anderen Plastikwelt. Der Spielwarenhersteller Lego ist ins Merchandising eingestiegen. Sogar eine Serienfolge ganz in Lego lief über den Sender. Darin bringt Homer Simpson einen seiner typischen Sprüche in abgewandelter Form: „Kiss my flat plastic butt!“ – Küsse meinen platten Plastikhintern. Denn als Legofigur hat Homer eben kein kurviges Hinterteil wie sonst.In Onlineshops gibt es eine Fünferpackung mit den Plastikfiguren bereits ab rund zehn Euro, das macht zwei Euro pro Figur. Laut United Labels liegt der reine Herstellungspreis für die Figur deutlich darunter, da neben der Fertigung noch zahlreiche weitere Kosten anfallen: Fracht, Zoll, Testkosten und Lizenzgebühren. Genaueres will die Firma dazu aber nicht verraten. United Labels vertreibt seine Simpsons-Figuren in 25 Ländern in Europa. Die stärksten Simpsons-Märkte sind Deutschland, Frankreich und Spanien, denn in diesen Ländern ist die TV-Präsenz sehr hoch.Danach sind die Figuren um den halben Globus unterwegs. Über den Hafen in Shenzhen kommen sie auf einem Containerschiff nach Europa. Dabei geht es durch das Südchinesische Meer, den Indischen Ozean, das Rote Meer, den Suezkanal, das Mittelmeer und den Ärmelkanal. Im Hamburger Hafen werden die Container entladen und per Lkw nach Münster zum Lager von United Labels transportiert. Der Wasserweg ist etwa 11.500 Seemeilen – 21.300 Kilometer – lang. Dieser Transport dauert rund fünf Wochen.