Schwedt

Schwedt (Foto: William Veder)
„Im Osten geht die Sonne auf“ – so steht es geschrieben am Gebäude des Theaters in Schwedt. Und zumindest daran kann es ja auch wirklich keinen Zweifel geben (Foto: William Veder)

„Im Osten geht die Sonne auf.“ So steht es auf der braun verspiegelten Fensterfront der Uckermärkischen Bühnen in Schwedt. Die Stadt liegt ganz weit im Osten Deutschlands, an der Oder, sie grenzt an Polen. Der Theaterbau ist das markanteste Gebäude weit und breit, er erinnert an eine Stufenpyramide und wirkt zu wuchtig für seine Umgebung. Die obersten Stufen ziert eine Illusionsmalerei. Es sieht so aus, als würden dort Menschen über eine breite Treppe flanieren. Fröhliche, sich an den Händen haltende, bunt gekleidete Menschen.

Gibt es so etwas wie eine „ostdeutsche Identität“?

Wenn aber im Osten irgendetwas passiert, besonders wenn rassistische Parolen oder rechtsradikale Übergriffe Deutschland erschüttern, kommt die Debatte um „die“ Ostdeutschen auf. Die TV-Bilder zeigen dann oft hasserfüllte Demonstranten statt bunter Menschen. Und obwohl es wütende Proteste und Gewalt gegen Flüchtlinge ebenso im Westen Deutschlands gibt – wenn pro Kopf gesehen auch seltener –, wird manchmal der Eindruck erweckt, dies sei Ausdruck einer ostdeutschen Identität. Aber gibt es die wirklich, oder ist das auch nur Illusionsmalerei? Mehr als ein Vierteljahrhundert nach der Wende ist diese Frage hochaktuell.

– und wenn ja, was ist ihr Gegenstück?

Experten machen schon länger darauf aufmerksam, wie schief die Debatte um eine ostdeutsche Identität verläuft, so diese Identität überhaupt existiert. Denn ein Gegenstück, also eine westdeutsche Identität, wird nicht verhandelt. Vielmehr erscheint „westdeutsch“ dann einfach als „deutsch“ – und jegliche Abweichung davon als eine Abweichung von einer zu erfüllenden Norm. Sprachwissenschaftler Kersten Sven Roth beispielsweise bezeichnet den Westen in diesem Sinne als „Normal-null.“

Schwedt

Schwedt (Foto: William Veder)
Der Osten in unseren Köpfen: da ist es nie weit bis zum nächsten Plattenbau und zum ebenso platten Klischee (Foto: William Veder)

Schwedt

Schwedt (Foto: William Veder)
Früher reparierte Willi Magnus Panzer, heute führt er Touristen durch Schwedt (Foto: William Veder)
 

Den Park, der Schwedt zum Tor ins Grüne macht, gibt es seit 1995. Zunächst habe es Streit gegeben mit Landwirten und der Schwerindustrie, erklärt Magnus, während er durch die an diesem zugigen Tag fast leere Fußgängerstraße geht. „Aber heute sind Touristen immer ganz überrascht, wie schön es hier ist!“

In der DDR reparierte Magnus Militärtechnik. Ihm gefiel die „Aufbruchstimmung“ der Nachkriegszeit. Die Stadt bekam als aufblühende Hochburg der Schwerindustrie Sonderkontingente, „es gab auch im Winter grüne Gurken!“. Schwedt hatte vor dem Zweiten Weltkrieg eine vierstellige Einwohnerzahl, war dann fast vollständig zerstört und wurde als Industriestadt rund um eine Raffinerie und eine Papierfabrik von der DDR quasi neu erfunden. „Wir hatten dann über 52.000 Einwohner“, sagt Magnus, „heute sind es nur noch 30000.“ Ganze Häuserzeilen wurden nach der Wende demontiert. „Und wir hatten 14 Kinderkombinationen, Kita und Krippe. Heute sind das vielfach Seniorenstützpunkte.“ Auch Magnus’ beiden Kinder sind fortgegangen, nach Berlin. „Die sieht Schwedt nur zu Besuch. So ist das.“

Oft ist es Geschichte, die einer Region Identität gibt 
– bei Schwedt war es auch die Industrie

„Wir waren eine der jüngsten sozialistischen Städte. Deshalb gab es hier auch lange keine Proteste, erst kurz vor der Wende einige wenige. Es ging den Menschen gut“, erklärt Magnus. Als am Reißbrett geplante Musterstadt ist Schwedt deshalb einerseits gut geeignet, um nach ostdeutscher Identität zu suchen, andererseits macht ihre Geschichte die Stadt auch zu einem besonderen Fall.

Am Rande von Schwedt liegt die PCK-Raffinerie, die mit ihren vielen Rohren, Türmen und Leitungen wie eine eigene Stadt wirkt. Früher arbeiteten bis zu 9000 Menschen in der Raffinerie, heute sind es noch rund 1.100. Doch trotz des starken Rückgangs der Mitarbeiterzahl betont Unternehmenssprecherin Vica Fajnor: „Es gibt kaum eine Familie in Schwedt ohne Bezug zu PCK.“ Ebenso gibt es kaum einen Verein in der Stadt, der nicht von PCK gesponsert wird. Fajnor selbst kam vor acht Jahren in den Betrieb – aus Bayern. Sie stellt schon einige Unterschiede zwischen Ost und West fest: „Es gibt hier deutlich mehr konfessionslose Menschen. Und es gibt eine bessere Akzeptanz von Frauen. Bei PCK sind 30 Prozent der Führungspositionen mit Frauen besetzt. Das ist sehr viel für diese Branche.“

Eine große Rolle spielte früher der sozialistische Bruder Sowjetunion. Die in Westsibirien beginnende und zu den weltweit längsten gehörende Erdölpipeline „Druschba“ (Freundschaft) setzte Schwedt wieder auf die Landkarte und wird oft als weltweit längste Leitung dieser Art bezeichnet. Heute ist der russische Erdöl-Multi Rosneft Mehrheitseigner. Es sei aber keine Rückkehr Russlands, betont Fajnor, denn: „Die Russen waren nie weg.“ Trotz aller politischer Transformationsprozesse floss das Erdöl stets weiter, der Einstieg von Rosneft sei daher „nur konsequent“.

„Es gibt hier deutlich mehr konfessionslose Menschen. Und es gibt eine größere Akzeptanz von Frauen“

Das Zentrum des kulturellen Lebens von Schwedt sind die Uckermärkschen Bühnen, gelegen zwischen der Innenstadt und dem Nationalpark. An derselben Stelle stand früher das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Markgrafenschloss. Die DDR errichtete das aktuelle Gebäude 1978 als ein heute etwas überdimensioniert wirkendes Kulturhaus. Der große Saal bietet 832 Menschen Platz.

Waltraud Bartsch arbeitet dort als Theaterpädagogin. Sie führt durch die verschachtelten Katakomben und erklärt: „Theater funktioniert bei uns niedrigschwellig. Wir arbeiten viel mit Laiendarstellern zusammen. Hier wurde auch schon Fußball gezeigt. Es ist ein Gemischtwarenladen.“ Bartsch bleibt vor einem riesigen grünen Elefanten mit samtener Haut stehen, wischt sich ihre Locken aus dem Gesicht und sagt: „Es ist schon ein Unterschied zum Westen. Hier hockt keiner, weil schon der Urgroßvater in der Loge saß. Die Leute kommen aus lebendigem Interesse, es ist ehrlich und fordernd.“

Doch es gibt Platz für neue Einflüsse –

„Die Stadt“, sagt Bartsch, sei immer noch dabei, „ein neues Selbstverständnis zu entwickeln.“ Dabei spiele das Theater eine entscheidende Rolle.

Das gilt auch für das interkulturelle Miteinander. Seit Jahren schon gibt deutsch-polnische Theaterkooperationen mit etwa 25 Prozent Gästen aus dem Nachbarland – und mit polnischen Darstellern. „Es ist schon gelebte Zusammengehörigkeit“, erklärt Bartsch, „wenn eine polnische Lehrerin mit einer großen Gruppe Schüler die Fahrt zu uns auf sich nimmt.“

Extremismusforscher machen oft darauf aufmerksam, dass es rechte Parolen und Gewalt nun einmal häufiger im ländlichen Raum gebe. Die Trennlinie einfach zwischen Ost und West zu ziehen sei daher ein Irrweg. Damit meinen die Wissenschaftler zumeist, dass eine solche Trennlinie als allgemeingültiger Erklärungsansatz schlichtweg nicht ausreicht – und nicht etwa, dass es keine Unterschiede zwischen Ost und West gibt, sowohl in wirtschaftlicher Hinsicht als auch in Bezug auf die im Osten im Bevölkerungsdurchschnitt eben doch weiterhin stärker ausgeprägte Fremdenfeindlichkeit.

Inwiefern wirtschaftliche Unterschiede zwischen den westlichen und den östlichen Bundesländern für unterschiedliche Einstellungen und Ansichten sorgen, darüber wird unter Politikern und Wissenschaftlern schon lange gestritten. Fest steht jedenfalls, dass es diese wirtschaftlichen Unterschiede gibt. Das zeigt beispielsweise eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung aus dem Jahr 2015. „Das Ergebnis hat uns selbst erstaunt“, sagt Direktor Reiner Klingholz. „Ob bei der Bevölkerungsentwicklung, der Wirtschaftskraft, den Vermögen, den Erbschaften oder der Größe der landwirtschaftlichen Betriebe – überall zeichnet sich ziemlich exakt die alte Grenze ab.“

– allein schon deshalb kann es die eine „ostdeutsche Identität“ nicht geben

Allerdings zeigt auch diese Studie, dass in manchen Bereichen „anstelle der alten Ost-West-Unterschiede auch Differenzen entlang anderer Dimensionen entstehen“. So hat der Osten seit der Wende massiv an Bevölkerung verloren, allerdings prosperieren die wirtschaftsstarken größeren Städte, die entlegenen ländlichen Gebiete hingegen verloren über einen langen Zeitraum landesweit überall Bevölkerung. Dies immerhin ist eine Entwicklung, die in einigen ländlichen Gegenden Deutschlands in den vergangenen Jahren gestoppt werden konnte.

Die Identität der ehemaligen ostdeutschen Musterstadt Schwedt ist ein Mosaik – so wie dieses Beispiel schon ahnen lässt, dass es eine ostdeutsche Identität aus einem Guss wohl nicht gibt. Die alte Erzählung von einer rund um die PCK-Raffinerie gegründeten Stadt der Schwerindustrie gilt unter veränderten, abgeschwächten Vorzeichen nach wie vor. Gleichzeitig entwickelt sich mit der Nationalparkstadt ein neues Narrativ. Und mit den Uckermärkischen Bühnen existiert eine Institution, die die Menschen mit ihren alten polnischen Nachbarn ebenso wie mit Neuankömmlingen versöhnen kann. All diese positiven Ansätze können zwar nicht verhindern, dass Schwedt ein kleiner Ort am Rande des Landes bleibt, dem die Jugend wegläuft. Aber hier gibt es mitnichten nur dunkle Wolken. Im Osten geht schließlich die Sonne auf.

Titelbild: William Veder