Das meistgeklickte YouTube-Video, weit vor Clips von Taylor Swift, Justin Bieber oder Adele, ist bis dato Gangnam Style. Mehr als 2,6 Milliarden Mal wurde es bislang geklickt. In Deutschland trägt koreanischer Pop, kurz K-Pop, das Gesicht von Sänger PSY aus Seoul. Noch. Denn Girl- und Boygroups wie Bigbang, Red Velvet und Girls’ Generation bringen die Herzen der K-Pop-Fans weltweit zum Pochen – und zwar mit staatlicher Förderung.

Südkorea beginnt mit dem Kulturexport nach der Wirtschaftskrise in Asien Ende der 1990er-Jahre, sagt Euny Hong, Autorin des Buches „The Birth of Korean Cool“. Nach dem Erfolg südkoreanischer Fernsehserien in China fasst die Regierung den Plan, nicht mehr nur auf den klassischen Export materieller Güter zu setzen, sondern auch koreanische Popkultur weltweit zu vermarkten. Mittlerweile kümmert sich im Kulturministerium eine eigene Abteilung nur um das Wohlergehen der Popkulturindustrie.

Die Förderung zahlt sich aus. „Hallyu“, die koreanische Welle, schwappt um die Welt und wächst durch soziale Medien und vor allem YouTube. Südkorea steht nicht mehr nur für Hightech und Autos, immer mehr Menschen interessieren sich für Sprache, Küche, Fernsehserien, Filme und eben auch: K-Pop. Hinter den Popstars, den sogenannten „Idols“, stehen Entertainment-Firmen, die die westliche Vorstellung von einem Plattenlabel sprengen. Sie sind Castingagentur, Konzertveranstalter, Ausbildungszentrum und haben sogar eigene Modelinien unter ihrem Dach.

Die Firmen selbst sind private Unternehmen. Allerdings hat die südkoreanische Regierung großes Interesse, dass diese Unternehmen ihre „Produkte“ in aller Welt vermarkten. Ein Beispiel: 2011 fand in Paris das erste große K-Pop Konzert in Europa statt, die „S.M. Town World Tour“. Die Entertainment-Firma dahinter heißt „S.M. Entertainment“ und ist eine der größten ihrer Art in Südkorea. Die Firma selbst hatte kein großes Interesse an diesem Konzert, aufgrund hoher Kosten und nicht einschätzbarem Risikos. Euny Hong berichtet, dass es die Regierung war, die das Konzert forciert und die Firma bei Finanzierung und Marketing unterstützt hat. Mit Erfolg: 14.000 Fans wollten fünf Idol-Bands an zwei aufeinanderfolgenden Tagen sehen.

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Koreanische Jugendliche in Seoul vor einem Denkmal für den Song Gang Nam Style
Koreanische Jugendliche in Seoul vor einem Denkmal für den Song Gang Nam Style

„Die Zukunft der Kulturtechnologie“

Der Slogan von S.M. Entertainment, einem der größten Unterhaltungsunternehmen in Südkorea, lautet: „Die Zukunft der Kulturtechnologie“. Doch die Zukunft ist bereits Gegenwart. Südkorea sucht keine Superstars, sie werden produziert. Weltweit gibt es Castings für Kinder und junge Teenager. Die Auswahl ist unerschöpflich, jedes fünfte Kind in Südkorea will Idol werden.

Wer die Scouts überzeugt, unterschreibt einen Ausbildungsvertrag. Ein Vollzeitleben als „Trainee“ im Wohnheim der Unterhaltungsunternehmen beginnt. Coaches und andere Trainees werden zur Ersatzfamilie. Neben normalen Schulpflichten beinhaltet das Training täglich stundenlanges Tanzen, Singen und Rappen sowie Fremdsprachenunterricht und erzkonservative Benimmkurse. Dort wird zum Beispiel erklärt, wie man Fragen von Journalisten beantwortet, sich gegenüber älteren Idols verhält oder Zuneigung öffentlich zur Schau stellen darf. Außerdem wird erwartet, dass Trainees auf ihre äußere Erscheinung achten. Schönheitsoperationen sind nicht verpönt, sondern beweisen Professionalität. Auf dem täglichen Stundenplan stehen außerdem Kosmetik, Fitnesstraining und Dauerdiät. Die Frage nach Freizeit oder Jugend von Trainees und Idols beantwortet sich bei diesem Pensum von selbst.

Sound, Image, Marketing - alles von langer Hand geplant

Drei bis sieben Jahre laufen Trainee-Verträge im Durchschnitt. Eine Garantie auf einen Platz in einer Band gibt es nicht. Wer doch einen ergattert, muss seiner Entertainment-Firma deren Investitionen im Laufe der Karriere zurückzahlen. In Interviews erzählen Idols ganz selbstverständlich, wie hart die Ausbildung sei, betonen aber, dass sie ihre Jugend gerne für ihre Karriere opferten. Das sei Teil der südkoreanischen Mentalität, erklärt Autorin Euny Hong.

Während der Trainee seine Ausbildung absolviert, konzipieren die Unterhaltungsfirmen ein Bandprofil. Sound, Image, Marketing – alles von langer Hand geplant. Erst am Ende werden passende Mitglieder aus den Trainees rekrutiert. Das Ergebnis: Idol-Bands, die fast schon wie ein übermenschlicher Organismus wirken. Jeder Ton on point, die komplizierteste Choreografie synchron und das Aussehen makellos. Verglichen damit wirken die Backstreet Boys und die Spice Girls wie Teilnehmer eines Mittelstufentanzkurses.

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Koreanische Jugendliche aus einem K-Pop-Internat
Von wegen „Jump around“. In einem koreanischen Popinternat ist jeder Schritt sorgfältig choreografiert und wird von den jugendlichen Trainees so präzise wie möglich ausgeführt

Die Idol-Industrie kommt aus Japan. Allerdings unterscheiden sich J-Pop und K-Pop gravierend in einem Faktor: dem Markt. Während in Japan primär für das Inland produziert wird, zielen koreanische Idols von Anfang an auch auf weltweiten Erfolg im zahlungskräftigen Ausland ab. Viele Songs werden bei europäischen und amerikanischen Produzenten bestellt, um den Sound mit Eurobeat, Rap oder R&B anzureichern. K-Pop klingt insgesamt wesentlich internationaler – und ist darum so erfolgreich. Konzerte in China, Taiwan und Japan verbuchen Besucherzahlen im fünfstelligen Bereich. Die wenigen Konzerte in Europa und Nordamerika sind ruck, zuck ausverkauft.

S.M. Entertainment startet jetzt das nächste Level: Neo Culture Technology, kurz NCT. Dahinter verbirgt sich eine neue Boyband-Marke mit geplanten Splittergruppen auf der ganzen Welt. Ein Song kann so problemlos für die jeweiligen Zielmärkte reproduziert werden, es können mehr Konzerte veranstaltet werden und die Mitglieder sind beliebig austauschbar. Südkorea kommt dem Ziel der perfektionierten Popstar-Produktion näher. Eins spielt dabei aber eine merkwürdig kleine Rolle: der Faktor Mensch.

Fotos: Jean Chung/NYT/Redux/laif