Unruhe an einer Schule im bayerischen Landsberg 2011: Der zwölfjährige Schüler Stephan Albrecht möchte neben der bereits existierenden Zeitung „Virus“ seine eigene Schülerzeitung verkaufen, den „Bazillus“. Die Schulleiterin verbietet es ihm aber. Zwei Schülerzeitungen an einer Schule seien zu viel, meint sie. Zumal Stephan seine Zeitung ohne Beratungslehrer herausgibt. Der Siebtklässler aber wehrt sich gemeinsam mit seinen Eltern per Anwalt erfolgreich gegen das Verbot. Sie ziehen vor das Verwaltungsgericht München. Das beschließt: Eine freie Schülerzeitung braucht keine Genehmigung der Schulleitung.

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Mancher Landkreis wäre froh, eine zweite Zeitung zu haben. Aber an Stephan Albrechts Schule in Landsberg war Meinungsvielfalt nicht gefragt
Mancher Landkreis wäre froh, eine zweite Zeitung zu haben. Aber an Stephan Albrechts Schule in Landsberg war Meinungsvielfalt nicht gefragt

Artikel zensiert, Wörter gestrichen, Verkauf verboten: Schülerzeitungsmacher in Deutschland müssen immer wieder um die Pressefreiheit kämpfen – und zwar an ihrer eigenen Schule. Nach einer Studie der Jungen Presse Bayern greifen nach wie vor Schulleitungen in die Entscheidungen von Schülerzeitungsmachern ein. Ein Drittel der befragten bayerischen Schülerzeitungsredakteure berichtete, dass ihre Schulleitung schon einmal Artikel zensiert oder gestrichen habe.

Das passierte auch Felix Bosdorf in Magdeburg. Der Schüler wollte 2012 kritisch über die Raumzuweisung an seiner und einer anliegenden Schule berichten. Die Schulleiterin strich vor der Veröffentlichung allerdings ganze Sätze und Absätze des Artikels. Bosdorf berichtete trotzdem über die Raumproblematik an seiner Schule. Auch die Lokalpresse nahm sich der Thematik an, aber der Konflikt wurde nicht gelöst. Am Ende verließ Bosdorf die Schule. Von der Lokalpolitik erfuhr er nur wenig Unterstützung. Immerhin bekam er 2012 in der Kategorie „Bester Nachwuchsjournalist“ den Jugendpressepreis für Sachsen-Anhalt, die „Goldene Feder“. In deren Jury sitzt er heute als Vorstandsmitglied von fjp>media, dem Verband junger Medienmacher Sachsen-Anhalt, selber. Für seine Arbeit wurde er im selben Jahr auch vom Landesministerium für Arbeit und Soziales mit dem Ehrenpreis „Wir sind stark“ ausgezeichnet.

Als Schülerzeitungsredakteur standhaft zu bleiben, erfordert einigen Mut. Denn Schulleitungen sehen sich beim Streit um Artikel oft am längeren Hebel, wie es in einer Veröffentlichung der Jugendpresse Baden-Württemberg heißt. Manchmal drohen sie Schülern sogar mit Sanktionen. Und aus Angst vor schlechten Noten greift dann oft auch die Schere im Kopf, weiß man bei der Jugendpresse Deutschland. Manche jungen Redakteure ließen kritische Artikel lieber von vornherein weg, als ihre Schulkarriere aufs Spiel zu setzen – auch wenn ihnen noch gar nicht konkret gedroht wurde.

Nur wenn die Öffentlichkeit von Zensurfällen und Einflussnahmen erfährt, kann sich etwas ändern. „Viele Schulleiter haben erkannt, dass sich Presseberichte à la ,David gegen Goliath‘ in der Außendarstellung der Schule nicht gut machen“, sagt Bernd Fiedler von der Jugendpresse Deutschland. Der Verein vermittelt Schülerzeitungsmachern Rechtsberatung und zieht, wenn es nötig wird, auch mal vors Gericht. Eine Übersicht von Zensurfällen in ganz Deutschland hat die Jugendpresse aber bisher nicht.

Vorzensur ist in vielen Bundesländern nicht mehr erlaubt

Die Rechtslage ist indes klar: Eine Vorzensur von Schülerzeitungen ist in allen Bundesländern, seit einigen Jahren auch in Bayern, nicht erlaubt. In manchen Bundesländern, darunter Baden-Württemberg, können Schulleiter bei „triftigen Gründen“ jedoch den Verkauf des Blattes auf dem Schulgelände untersagen. Eine Ausnahme bilden Privatschulen, denen der Staat besondere Rechte einräumt. Theoretisch ist hier sogar Zensur möglich.

Doch das Internet bietet Möglichkeiten, die Zensur zu umgehen. „Wenn ein Artikel in einer Schülerzeitung nicht erscheinen darf, kann er halt in tausend anderen Online-Medien erscheinen“, sagt Bernd Fiedler von der Jugendpresse. Doch solche Möglichkeiten werden seines Wissens eher selten genutzt.

Auch in der schönen neuen Online-Welt gibt es weiterhin Schülerzeitungszensur. An Felix Bosdorfs ehemaliger Schule in Magdeburg etwa erscheint die Schülerzeitung zwar inzwischen im Netz. Die Artikel müsse die Redaktion aber trotzdem weiterhin von der Schulleiterin absegnen lassen, sagt Bosdorf.

Arne Semsrott ist selbst ehemaliger Schülerzeitungsmacher. An der Hamburger Sophie-Barat-Schule gab er die verbotene Schülerzeitung „Sophies Unterwelt“ mit heraus. Der damalige Kampf gegen die Zensur machte bundesweit Schlagzeilen. Bei einer Protestaktion verkauften die Redakteure das Blatt aus einem Dixi-Klo heraus, das sie vor der Schule aufgestellt hatten.