Den meisten dürfte das kleine grüne Label gar nicht auffallen, wenn sie das stille Wasser von Coca-Cola trinken: eine Flasche umrundet von zwei Pfeilen und einem kleinen Blättchen. Umso stolzer ist der weltweit größte Hersteller alkoholfreier Getränke auf das, wofür dieses Symbol steht. Das Unternehmen spricht bei seiner „PlantBottle“ in typischer Marketing-Prosa von einer Revolution. Denn sie besteht aus Plastik, das aus pflanzlichen Rohstoffen hergestellt wurde – zumindest zum Teil. 14 Prozent dieser Flasche waren mal Zuckerrohr, das Bauern in Brasilien auf ihren Feldern geerntet haben. Das klingt nicht gerade bahnbrechend, ist für Coca-Cola aber immerhin der erste Schritt zu Plastikflaschen, die ganz ohne die Verarbeitung von Erdöl auskommen.

Nun sind jedoch die Vorkommen fossiler Brennstoffe endlich, ihr Preis steigt. Dazu kommen für Unternehmen weitere gute Gründe, wieder stärker auf Kunststoffe aus Zellulose oder Stärke zu setzen: Sie werben mit neuen Produkteigenschaften und hoffen, mit einer vermeintlich umweltfreundlichen Herstellung ihr Image aufzubessern – und damit langfristig auch den Profit. Rund 288 Millionen Tonnen unterschiedlicher Kunststoffe produzierte die chemische Industrie weltweit im Jahr 2012. Je nach Quelle der Schätzung bestehen davon 0,5 bis 1,5 Prozent vollständig oder zum Teil aus nachwachsenden Rohstoffen. Noch ist es also ein Nischenprodukt, das jedoch an Bedeutung gewinnt. Für die Industrie sind solche Biopolymere an sich kein neues Thema. Im Gegenteil: Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts waren nachwachsende Materialien wie Zellulose wichtigster Rohstoff der Kunststoffproduktion. Das ist längst Geschichte, auch wenn bis heute etwa Cellophan, diese durchsichtige dünne Folie auf Zellulosebasis, die im Innern von vielen Lebensmittelverpackungen für Frische sorgt, ein Teil unseres Alltags ist. Denn die Möglichkeiten bei der Weiterverarbeitung des Erdöls waren so vielfältig, dass es schnell der mit Abstand bedeutendste Grundstoff der Plastikproduktion wurde. 

Beim Chemiekonzern Bayer bewegt sich der Anteil ebenfalls im einstelligen Prozentbereich, sagt Niklas Meine, der als „Innovation Manager“ bei der Tochterfirma Bayer MaterialScience arbeitet. Beim Leverkusener Konzern ist der 32-jährige Chemiker mit dafür verantwortlich, neue Ideen einzubringen, um aus Pflanzen so kostengünstig und effizient wie möglich Werkstoffe herzustellen – beispielsweise Schäume für Matratzen, Kühlschränke oder Hausfassaden. 

Es ist möglich, verbraucht aber noch zu viel Energie

Das Unternehmen setzt derzeit vor allem auf Reststoffe von Zuckerrohr. „Aus den Kohlenwasserstoffverbindungen von Zucker lässt sich eine ganze Reihe unterschiedlicher Kunststoffe herstellen“, sagt Meine. Dafür benötigt man Energie, in den meisten Fällen aber immer noch auch Bestandteile von Erdöl oder Erdgas. Am Ende entsteht bei Bayer also ein Gemisch aus Biomasse und einem petrochemischen Produkt, das umweltfreundlicher sein soll als die herkömmlichen Kunststoffe.

„Ob es in naher Zukunft gelingen wird, alle Kunststoffe sinnvoll zu 100 Prozent aus nachwachsenden Stoffen herzustellen, ist schwer zu sagen“, sagt Meine. „Sinnvoll“ ist dabei das entscheidende Wort. Nach dem heutigen Stand der Technik ist das längst möglich. Doch dabei würde man für viele Kunststoffe so viel Energie verbrauchen, dass es ökologisch und wirtschaftlich eher schadet als nützt, so die Einschätzung bei Bayer.

Diesen Einwand bringen Skeptiker ganz generell der Herstellung von Bioplastik entgegen. Coca-Cola musste Kritik einstecken, weil das Unternehmen seine PlantBottle mit großen Versprechen bewirbt, ohne diese zu belegen. Vor allem die vermeintlich vorteilhafte CO2-Bilanz bei der Herstellung sei übertrieben, bemängelten dänische Verbraucherschützer im vergangenen Jahr.

Ähnlich äußerte sich das Umweltbundesamt. Demnach ist Bioplastik im Allgemeinen den herkömmlichen Kunststoffen nicht überlegen. Denn der Anbau der Nutzpflanzen wie Mais oder Kartoffeln belaste durch den Einsatz von Dünger die Ackerböden; auch deren Bewässerung und sowohl der Einsatz von Pestiziden als auch von landwirtschaftlichen Maschinen müsse mitberücksichtigt werden.

Ein weiterer Kritikpunkt: Wenn Produkte, die früher nur zum Essen gedacht waren, nun zu Einweggeschirr oder Einkaufstüten werden, verschärft dies das Welthungerproblem. Eine ähnliche Debatte wird seit längerem schon wegen Biokraftstoffen aus Raps- oder Palmöl geführt. Nun würde einer Studie des Instituts für Energie- und Umweltforschung in Heidelberg zufolge die Biokunststoffproduktion bis 2020 nur rund 0,1 Prozent der weltweiten Anbauflächen beanspruchen. Negative ökologische und soziale Auswirkungen blieben aber nur dann aus, wenn es gelänge, die Reststoffe der Lebensmittel und nicht die Nahrungsmittel selbst als Grundlage für die Kunststoffproduktion zu erschließen.

Eine Kleiderkollektion aus Milch

Und genau das macht Anke Domaske mit ihrem Unternehmen Qmilk. Die Kleiderkollektion der 31-jährigen Hannoveranerin besteht nicht aus Baumwoll- oder Synthetikfasern – sondern aus weiterverarbeiteter Milch, die Landwirte oder Molkereien ohnehin hätten wegschütten müssen. Ganz ohne Einsatz von Erdöl. Das entscheidende Element darin heißt Kasein. Aus diesem Protein lässt sich Käse herstellen, bis in die 1930er-Jahre entstand daraus in Deutschland aber auch Kunststoff, zum Beispiel für Kleiderknöpfe und Schmuck. Biologin Domaske hat die Eigenschaften des Kaseins wiederentdeckt und ein zeitgemäßes Verfahren entwickelt, es nutzbar zu machen. Ursprünglich suchte sie einen Weg, chemisch unbehandelte Kleidungsstücke für ihren krebskranken Stiefvater zu produzieren, der auf herkömmliche Textilien allergisch reagierte. Schließlich wurde daraus eine ganze Modelinie. Als Nächstes will Domaske Plastik herstellen. 


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Auch nicht schlecht: Die Klamotten der Marke „Qmilk“ bestehen aus Milch, die Molkereien hätten wegschütten müssen (Foto: Apic/Getty Images )
Auch nicht schlecht: Die Klamotten der Marke „Qmilk“ bestehen aus Milch, die Molkereien hätten wegschütten müssen (Foto: Apic/Getty Images )

„Kasein ist ein toller Stoff mit spannenden Eigenschaften“, sagt sie. Je nach Verarbeitung kann der fertige Kunststoff geschmeidig wie Seide sein oder sehr hart. Weichmacher sind laut Anke Domaske nicht nötig, dazu wirkt der Stoff antibakteriell – Vorteile, die Verbraucher trotz deutlich höherem Preis überzeugen sollen. Derzeit sei das Unternehmen mit Abnehmern im Gespräch, die daraus Werkzeuggriffe oder Beißringe für Babys produzieren wollen. 

Eine weitere Eigenschaft ihres Kunststoffes lässt Anke Domaske hoffen, dass irgendwann auch Ärzte damit arbeiten wollen: Er löse sich bei Bedarf ohne Rückstände auf. Domaske denkt dabei beispielsweise an Katheter, die im menschlichen Körper einfach verschwinden, wenn sie nicht mehr gebraucht werden. Dabei ist die Kompostierbarkeit von Kunststoffen aus nachwachsenden Rohstoffen nicht selbstverständlich. Längst nicht alle derartigen Materialien gehören in die Biotonne. Umgekehrt können dafür einige Kunststoffe auf Erdölbasis sehr wohl mit dem Biomüll zersetzt werden. Auch sie werden in der Branche „Biokunststoffe“ genannt.

So wäre auch das Trennen von Biomüll weniger eklig

Was für Außenstehende ein wenig verwirrend klingen mag, ist für Jens Hamprecht beruflicher Alltag. Er ist Leiter der Marktentwicklung für bio-abbaubare Kunststoffe bei BASF. Bereits vor rund zehn Jahren hat der weltgrößte Chemiekonzern zum ersten Mal Bioplastik auf den Markt gebracht, das sich seitdem vor allem in Verpackungen aller Art wiederfindet. Ein Plastikartikel ist für ihn besonders interessant: die Tüte, die sich im Kompost auflöst. „Sie sorgt dafür, dass das Trennen von Biomüll attraktiver wird“, sagt Hamprecht. Während gewöhnliche Müllbeutel nicht in den Kompost gehören, werden die bioabbaubaren Säcke extra dafür hergestellt. Und wenn das Mülltrennen nicht mehr so eklig ist, würden die Deutschen viel mehr wertvollen Kompost für die umweltfreundlichen Biogasanlagen sammeln und die Restmüllentsorgung weniger Kosten verursachen, argumentiert Hamprecht.

So die Theorie. Im Alltag sind die kompostierbaren Abfallbeutel noch nicht so weit verbreitet. Sie würden sich nicht schnell genug auflösen, um in den Kompostanlagen mit dem restlichen Müll verarbeitet werden zu können, sagen Kritiker. Einige Anlagenbetreiber bitten deshalb, auf abbaubare Tüten zu verzichten. Zu Unrecht, meint Hamprecht. Tatsächlich kommt eine Untersuchung des Kompetenzzentrums für Nachwachsende Rohstoffe in Straubing zu dem Ergebnis, dass die meisten bioabbaubaren Müllbeutel ähnlich schnell verrotten wie der restliche Biomüll.

Ob die Tüte dann nur aus nachwachsenden Rohstoffen besteht oder zum großen Teil aus Erdöl, ist für Hamprecht eher zweitrangig. Denn darüber, wie umweltfreundlich der Kunststoff produziert wurde, sagt das allein  ohnehin noch nichts aus. „Und den Bakterien ist es ganz egal, wie der Nährstoff entstanden ist, den sie zersetzen.“

Andreas Pankratz arbeitet als freier Journalist in Köln und überlegt gerade, wo er und seine Nachbarn neben dem Restmüll, der gelben Tonne und dem Altpapiercontainer noch einen Kompostbehälter aufstellen könnten.