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Elend in Bonbonfarben

Kein Fun im Vergnügungspark: Sean Bakers Film „The Florida Project“ zeigt ein Amerika, das man sonst nur selten auf der Leinwand sieht

  • 4 Min.
Szene aus Sean Bakers Film The Florida Project

„The Magic Castle“ heißt eines der zahlreichen Motels am Stadtrand von Orlando im US-Bundesstaat Florida. Der verheißungsvolle Name kann jedoch ebenso wenig wie die in strahlenden Pastellfarben gestrichene Fassade über den maroden Zustand der Anlage hinwegtäuschen – geschweige denn darüber, dass sich Feriengäste hierher nur selten verirren. Einst für die Besucher/-innen des nahegelegenen Walt Disney World Ressorts erbaut, ist das Motel mittlerweile ein dauerhafter Wohnraum für Menschen in prekären Verhältnissen.

Auch die sechsjährige Moonee lebt hier mit ihrer Mutter Halley am Existenzminimum. Halley ist Anfang zwanzig und seit kurzem arbeitslos. Sie trägt ihre Haare neonblau gefärbt, ihr Körper ist von Tattoos übersät. Ihrer Tochter hat sie neben einer durchweg unbekümmerten Haltung zum Leben auch ein gehöriges Maß an Dreistigkeit mit auf den Weg gegeben. Mit ihrem losen Mundwerk nimmt Moonee deshalb stets eine führende Rolle unter ihren Freunde/-innen aus den umliegenden Appartements ein.

Dieser Text erschien zuerst auf kinofenster.de, dem Onlineportal für Filmbildung der bpb. Dort erfährst Du noch viel mehr zu The Florida Project. Etwa, welche Rolle Motels in der sozialen Geografie Amerikas spielen, wie Regisseur Sean Baker Farben einsetzt und warum in den letzten Jahren in vielen bemerkenswerten Filmen Kinder eine Hauptrolle spielen.

Während Halley versucht, sich mit dem illegalen Verkauf von Parfum an Urlauber/-innen über Wasser zu halten, verbringen die Kinder ihre Tage mit ausgedehnten Streifzügen durch die Nachbarschaft. Routiniert schnorren sie dabei Geld für Eiscreme, bespucken auf dem Motel-Parkplatz Autos und verursachen obendrein einen Brand in einem leerstehenden Gebäude.

Für Schadensbegrenzung sorgt lediglich der Motel-Manager Bobby, gespielt von Willem Dafoe, neben Laiendarstellerinnen und -darstellern der einzige Star im Ensemble des Films. Unermüdlich weist er nicht nur die Kinder zurecht, sondern versucht auch, Halley vor den Konsequenzen ihrer Fahrlässigkeit zu schützen. Aller nötigen Strenge zum Trotz ist Bobbys Verhalten von einem liebevollen Wohlwollen gegenüber seinen Mietern und Mieterinnen geprägt. Seine Einflussnahme hat jedoch Grenzen. Als die Mutter von Scooty, Moonees bestem Freund, realisiert, welchen bedenklichen Einfluss das Mädchen auf ihren Sohn hat, schaltet sie das Jugendamt ein.

Die „hidden homeless“ checken im Motel ein

Als Independent-Film kam The Florida Project mit einem vergleichsweise geringen Budget von drei Millionen Dollar aus. Die unabhängige Produktionsweise garantiert Regisseur Sean Baker größtmögliche inhaltliche wie formale Freiheit. Mit den sogenannten „hidden homeless“ – offiziell nicht als obdachlos registrierte Menschen ohne festen Wohnsitz – nimmt er eine gesellschaftlich marginalisierte Gruppe in den Fokus, die im US-Kino wenig sichtbar ist.

In den heruntergekommenen Motelanlagen rund um Disney World, wo der Film auch gedreht wurde, hatte Baker zuvor ausgiebig recherchiert. The Florida Project erzählt von der existenziellen Notlage seiner Figuren jedoch nicht in Form eines sozialrealistischen Dramas. Er zeichnet weder ein um Mitleid heischendes Elendsbild noch bedient er die Klischeevorstellungen eines problembehafteten „White Trash“-Milieus.

 

Vielmehr macht sich der Film in seiner Inszenierung eines anderen Amerikas die Perspektive seiner sechsjährigen Protagonistin zu Nutze. Der tägliche Überlebenskampf ihrer Mutter erscheint aus Moonees unbekümmerter Kinderperspektive als Spiel; ihre unwirsche Umgebung am gesellschaftlichen Rand, zwischen Outlet-Centern und Souvenirshops, als sonnendurchfluteter, bunter Abenteuerspielplatz, der Disneys „Magic Kingdom“ kaum nachzustehen scheint. Baker und sein Kameramann Alexis Zabé platzieren die Kamera meist auf Augenhöhe der Kinder. Den fantastischen Charakter der häufig skurrilen Schauplätze unterstreichen sie durch eine betont künstliche Farbgestaltung aus aufeinander abgestimmten Lila- und Türkistönen.

Showdown in Disney World

Zahlreiche Szenen im Film sind Momentaufnahmen, die vornehmlich dazu dienen, die Magie der so ins Bild gesetzten Kinderwelt auszugestalten. Spannung entsteht aus deren bitterer Diskrepanz zur Realität. So deutet sich im Subtext des Films zunehmend an, dass die harte Wirklichkeit die Protagonistinnen einholen wird. Als das Jugendamt schließlich einschreitet und Halley und Moonee voneinander zu trennen droht, holt The Florida Project zu einem ebenso fulminanten wie vieldeutigen Finale aus. Bei ihrer gemeinsamen Flucht dringen Moonee und ihre Freundin Jancey bis ins Zentrum der vermeintlich unerreichbaren Disney World, bis zum tatsächlichen „Magic Castle“ vor.

Baker setzt die Schlusssequenz durch einen radikalen ästhetischen Bruch vom Rest des Films ab. Dabei wechselt er sogar das Medium: Das farbensatte analoge 35mm-Bild weicht der schroffen Digitalästhetik eines Smartphones. Diese Entscheidung hatte zunächst einen ganz pragmatischen Grund: Da das Team ohne Drehgenehmigung in Disney World filmte, musste es möglichst unauffällig agieren. Es lässt sich darin aber auch eine filmische Strategie sehen, nach dem Status des Gezeigten zu fragen. Ist es reine Wunschvorstellung? Welche Chancen hätte Moonee in der Wirklichkeit? Ein Happy End zu dieser Geschichte, so scheint es, gibt es nur in der Kinderfantasie.

Titelbild: picture alliance/Everett Collection

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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