Paula (Elisabeth Wabitsch) ist eine überdurchschnittliche Schülerin am Gymnasium im niederösterreichischen Lanzenkirchen, einem Kaff, das man nach der Matura, dem Abitur, möglichst schnell hinter sich lässt, bevor es von einem Besitz ergreift. Paula denkt schon manchmal darüber nach, wie das wäre, nach der Schule einfach abzuhauen. Aber sie hat einen schwerkranken Vater, den sie nicht allein lassen darf.

Wo die Mutter geblieben ist, erklärt „Siebzehn” nicht, wie der erste lange Spielfilm der Regisseurin Monja Art überhaupt erst durch seine vielen Auslassungen und vieles, was zwischen den Figuren nicht ausgesprochen wird, zu einer ganz eigenen Poesie findet.

Paula hat ein Auge auf ihre Mitschülerin Charlotte (Anaelle Dézsy) geworfen, die allerdings einen festen Freund hat. Zwischen den Mädchen entwickelt sich eine fragile Freundschaft. Sie wird jedoch von weit größeren Gefühlen überschattet, die beide noch nicht artikulieren können. Die forsche Lilli (Alexandra Schmidt), eine Art soziale Kontrollinstanz im Klassenverbund, beobachtet die beiden Mädchen eifersüchtig. Sie testet ihre Macht über die Jungs, gleichzeitig provoziert sie Paula mit eindeutigen Avancen. Für sie ist es ein Machtspiel, Paula dagegen fühlt sich hin und her gerissen.

Wenn Sprache nicht reicht

Im Kino gehören Coming-of-Age-Geschichten zu den beständigsten Erzählungen: Das Wechselspiel aus alltäglichen Banalitäten und tiefschürfenden Erkenntnissen über das sich wandelnde Verhältnis zur Welt braucht eine Bühne, auf der die impulsiven, irrationalen Gefühle nachhallen können. Sprache allein stößt da schnell an ihre Grenzen, wenn man für die widersprüchlichen Erfahrungen noch nicht über die passenden Begriffswerkzeuge verfügt.

„Siebzehn“ entwickelt eine seltene Sensibilität für die Irritationen seiner Figuren. Der mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnete Film findet so auch einen Resonanzraum für die rohe, unfertige Sprache der Teenager in ihrer existenziellen Unsicherheit zwischen jugendlichem Stolz und dem peinigenden Wissen um die eigene Unzulänglichkeit.

Großgefühle in der Kleinstadthölle

Das Schöne an „Siebzehn“ ist, dass es nie vordergründig um die große Dramen des Coming of Age geht. Man hat das schon unzählige Male gesehen: Teen-Schwangerschaft, Scheidung der Eltern, Homosexualität, Schule, Mobbing. Die Konflikte in „Siebzehn” spielen sich eher in den beiläufigen Dramaturgien des Alltags ab, in denen weniger das, was gesagt wird, Verbindlichkeit besitzt (oder ob man mit einer Klassenkameradin gerade in den Gängen der Schule rummacht), als vielmehr schüchterne Berührungen oder die Blicke, die man sich verstohlen im Unterricht zuwirft – und die sich dann als verräterische Erregung leuchtend rot auf den Wangen abzeichnen.

Natürlich geht es in „Siebzehn” auch zur Sache: Ficken, Alkohol, Party. So lehnt sich die Landjugend gegen die Monotonie der Provinz auf. Aber die Regisseurin leistet sich keinen voyeuristischen Blick, das Provinzleben hat fast etwas Idyllisches in seinen unschuldigen Routinen. Tagsüber Schule, nachmittags Rumhängen am See, am Wochenende in den einzigen Club im Ort. Wenn Popstar Clara Luzia für ein Konzert vorbeikommt, ist das schon der Höhepunkt des Jahres, den der Film dennoch nie gegen den eintönigen Alltag aufrechnet.

Ob Paula nun auf Mädchen steht oder sich die beiden Freundinnen am Ende bekommen, ist am Ende auch zweitrangig. Das Coming of Age und das Coming-out entspringen am Ende demselben diffusen Wunsch, etwas mehr über sich selbst zu erfahren. Man kann Jugendliche mit ihren Problemen schließlich auch im Kino mal ernstnehmen. „Siebzehn” ist so ein Glücksfall.     

„Siebzehn“, Regie Monja Art, mit Elisabeth Wabitsch, Anaelle Dézsy, Alexandra Schmidt, Österreicht 2017, 105 Minuten.