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Bedrohtes Menschenrecht

Wieso wird das Wohnen in Städten immer teurer? Eine Doku über die UN-Sonderberichterstatterin für das Recht auf Wohnen sucht Antworten

  • 3 Min.
Szene aus dem Film "Push"

Stell dir vor, du besitzt ein Haus, das du gar nicht brauchst, und lässt auch niemanden darin wohnen. In London gibt’s das oft. Ziemlich oft sogar: Das zeigt ein Stadtplan, der übersät ist mit roten Punkten. Jeder kennzeichnet eine Immobilie, die einem ausländischen Investor gehört. „Etwa 80 Prozent davon stehen leer!“, sagt Leilani Farha. All diese Häuser würden den Reichen der Welt schlicht dazu dienen, ihr Geld sicher zu parken. 

Leilani Farha ist UN-Sonderberichterstatterin für das Recht auf Wohnen. Der schwedische Dokumentarfilmer Fredrik Gertten hat die kanadische Anwältin für seinen Film „Push“ bei ihren Reisen begleitet. In London begutachtet Farha nicht nur den Leerstand, sondern trifft sich auch mit ehemaligen BewohnerInnen des abgebrannten Grenfell Tower. Ein Jahr nach der Katastrophe sind viele immer noch wohnungslos, weil sie sich mit der Entschädigung nirgendwo in London eine neue Bleibe leisten können. Doch nicht nur die britische Hauptstadt ist zu teuer geworden für Menschen mit kleinem und mittlerem Einkommen. Das Problem ist global: Überall wird das Leben in großen Städten zunehmend unerschwinglich. Warum ist das so? Und was kann man dagegen tun?

Gentrifizierung ist nicht das Hauptproblem

Das „Warum“ erklären im Film verschiedene ExpertInnen. Joseph Stiglitz, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, sieht die Versäumnisse klar bei den Politikern, die die Deregulierung der Finanzmärkte zugelassen haben. Dramatisch verschärft habe sich die Lage durch die große Finanzkrise im Jahr 2008. Und die Soziologieprofessorin Saskia Sassen erklärt, nicht die Gentrifizierung sei das Hauptproblem; es liege viel tiefer. Der zunehmende Bevölkerungsdruck werde dadurch mitverursacht, dass in vielen Ländern massenweise Agrarflächen aufgekauft und ehemalige Kleinbauern in die Städte getrieben werden. Je umkämpfter der begrenzte Raum in der Stadt ist, desto kostbarer wird er.

Schließlich tritt auch noch der Journalist Roberto Saviano auf (bekannt geworden durch seine Anti-Mafia-Bücher) und erklärt uns, wie Geldwäsche funktioniert. Der Zusammenhang wird an dieser Stelle etwas schwammig. Aber klar wird insgesamt eines: Das Problem rührt daher, dass Immobilien heutzutage als Wert- und Anlageobjekte Nummer eins begriffen werden. Um dem Menschenrecht auf angemessene Behausung – so festgeschrieben in Artikel 11 des UN-Sozialpakts – zur Geltung zu verhelfen, ist daher dringend die Politik gefragt. 

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Szene aus dem Film "Push"  (Mindjazz Pictures)

Im Sommer 2017 brannte der Grenfell Tower in London. Rund 80 Menschen starben. Die Überlebenden bekamen eine Entschädigung, doch die reichte vielfach nicht, eine neue Wohnung zu finden

(Mindjazz Pictures)

Gegen Ende des Films holt Dokumentarfilmer Fredrik Gertten deswegen auch PolitikerInnen vor die Kamera, die sich bemühen gegenzusteuern: Florian Schmidt zum Beispiel, Baustadtrat im Berliner Stadtteil Friedrichshain-Kreuzberg. Der erklärt, durch Ausübung seines Vorkaufsrechts habe der Bezirk in den vergangenen zwei Jahren etwa 1.000 Wohnungen vor dem Zugriff von Investoren bewahren können. Oder Ada Colau, Bürgermeisterin von Barcelona, deren Kommune verstärkt Immobilien kauft, bevor Investoren sie zu Spekulationsobjekten machen können. 

Aber ist das nicht alles nur „ein Tropfen auf den heißen Stein“, wie ein Kreuzberger Bäcker sagt, dem gerade die Ladenmiete um 600 Euro erhöht wurde? Die „Was kann man dagegen tun?“-Frage jedenfalls ist zum Ende des Films längst nicht zufriedenstellend beantwortet. Von Enteignungen hat übrigens niemand gesprochen – da ist die aktuelle Debatte in Deutschland sogar schon ein Stück weiter. Viele warten darauf, dass die Politik echte Antworten liefert. Niemand kann ja wollen, dass in den großen Städten irgendwann wirklich nur die ganz Reichen leben können. 

Titelbild: Mindjazz Pictures

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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