Was ist dran an diesen fünf bekannten und berüchtigten Behauptungen über Flüchtlinge? Wir haben mal nachgehakt. Die Ergebnisse sind erstaunlich.

cms-image-000046348.jpg

Mussa, 23 Jahre alt, hat in seinem Herkunftsland als Zimmermann gearbeitet (Foto: Rebecca Sampson)
Mussa, 23 Jahre alt, hat in seinem Herkunftsland als Zimmermann gearbeitet (Foto: Rebecca Sampson)

„Die wollen alle nach Europa!“

Europa gilt als relativ reich, als ein Kontinent, auf dem einige Länder Aufstieg und Sicherheit versprechen. Oft wird darum behauptet, Flüchtlinge würden vor allem nach Europa kommen – und den hiesigen Wohlstand gefährden, indem sie den Sozialstaat überstrapazieren. Die Fakten sehen anders aus: Demnach bleiben die meisten Flüchtlinge in ihrer Region oder in den Nachbarstaaten. In Syrien etwa, wo laut dem UN-Flüchtlingswerk UNHCR jeder Zweite vor dem Bürgerkrieg floh, sind 6,5 Millionen Menschen Binnenflüchtlinge. Das bedeutet: Sie haben Syrien nicht verlassen, sondern in anderen Teilen ihres Landes Zuflucht gesucht. In die Türkei haben sich 1,7 Millionen Menschen gerettet – außerdem gingen rund 2,2 Millionen Menschen nach Ägypten, Jordanien, in den Libanon und in den Irak. Weitaus weniger Syrer kommen nach Europa: 220.000 Flüchtlinge aus Syrien haben laut der EU-Statistikbehörde Eurostat zwischen März 2011, zu Beginn des Bürgerkriegs, und Februar 2015 in einem der 28 EU-Staaten einen Asylantrag gestellt.

Quellen: EU-Kommission, UNHCR, Tagesschau

„Deutschland nimmt die meisten auf!“

In Deutschland heißt es oft, Deutschland nehme innerhalb der EU die meisten Flüchtlinge auf. Und in absoluten Zahlen stimmt das sogar: Von den rund 625.000 Flüchtlingen, die 2014 einen Asylantrag in einem EU-Land stellten, stellten ihn 202.700 in der Bundesrepublik. Genau waren es, dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zufolge, 173.072 Erstanträge und 29.762 Folgeanträge. Jeder Dritte hat es also in Deutschland versucht. Jeder Dritte: Das klingt vielleicht viel, ist es aber nicht. Setzt man die Zahlen in Verhältnis zur Größe der Bevölkerung, liegt Deutschland nur noch im Mittelfeld: Auf 1.000 Einwohner kommen hier 2,5 Asylbewerber. Ganz anders als beispielsweise in Schweden, einem von der Bevölkerungszahl her ziemlich kleinen Land, das im vergangenen Jahr EU-weit tatsächlich die meisten Flüchtlinge aufnahm. Dort kamen – laut Statistikbehörde Eurostat – auf 1.000 Einwohner 8,4 Asyl-Erstanträge. Gefolgt von Ungarn (4,3), Österreich (3,3), Malta (3,2), der Schweiz (2,9), Norwegen (2,6) und Dänemark (2,6). Um einiges niedriger als in Deutschland fällt diese Ziffer in Frankreich (1,0), Finnland (0,7), Großbritannien (0,5) oder Spanien (0,1) aus.

Quellen: BAMF, EUROSTAT

cms-image-000046347.jpg

Der 23-jährige Obama ist eigentlich Profifußballer (Rebecca Sampson)
Der 23-jährige Obama ist eigentlich Profifußballer (Rebecca Sampson)

„Die nehmen uns die Jobs weg!“

Dass Flüchtlinge Geld und Arbeitsplätze kosten, ist ebenfalls ein häufiges Vorurteil: Zwei Drittel der Deutschen glauben, dass Zuwanderung die Wirtschaftslage unseres Landes belastet. Wahr ist: Pro Jahr zahlt jeder Zugewanderte durchschnittlich 3.300 Euro mehr Steuern und Sozialabgaben, als er an staatlichen Leistungen erhält. 2012 ergab das, laut einer Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, einen Überschuss von insgesamt 22 Milliarden Euro. Asylbewerbern wiederum ist es in den ersten drei Monaten, die sie hier leben, überhaupt nicht erlaubt zu arbeiten. Generell gelten in den ersten 15 Monaten, die sie hier leben, zum Beispiel Deutsche oder EU-Bürger als „bevorrechtigte Arbeitnehmer“, wenn ein Job vergeben wird. Solange ein Deutscher oder ein EU-Bürger also für den jeweiligen Job zur Verfügung steht, kann ihn ein Asylbewerber nicht bekommen. Allerdings kritisieren viele Wirtschaftsvertreter genau diese Regelung mit ihren Arbeitsrestriktionen für Asylbewerber längst als aus der Zeit gefallen. Sie bemängeln, dass Saisonarbeiter für die Gastronomie oder die Landwirtschaft aus dem Ausland geholt werden, anstatt diese Stellen Asylbewerbern anzubieten, die bereits in Deutschland leben. Und das, obwohl die Bundesregierung für 2015 mit mehr als 400.000 Asylanträgen rechnet – mit doppelt so vielen wie im letzten Jahr.

Quellen: Bertelsmann Stiftung, Pro Asyl, „Spiegel“

cms-image-000046349.jpg

Lemin ist 27 Jahre alt und hat in seinem Herkunftsland als Modeschneider gearbeitet (Rebecca Sampson)
Lemin ist 27 Jahre alt und hat in seinem Herkunftsland als Modeschneider gearbeitet (Rebecca Sampson)

„Die sind ungebildet!“

Laut der Bundesagentur für Arbeit verfügt rund die Hälfte der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, über eine berufliche oder akademische Ausbildung. Will man sich als Ausländer hier an einer Uni weiterbilden, wird es aber kompliziert: Wer nicht aus Europa kommt, hat nachzuweisen, dass der eigene Schulabschluss dem deutschen Abitur entspricht. Tut er das nicht, sollte man bereits im Ausland studiert haben. Hat man das nicht, gilt es, ein Studienkolleg zu besuchen, das einen auf das gewünschte Studium vorbereitet. Asylbewerber dürfen – solange über ihren Antrag entschieden wird, und das Verfahren kann sich über Jahre hinziehen – normalerweise überhaupt nicht studieren. Und trotzdem nehmen Studienberechtigte mit Migrationshintergrund „häufiger ein Studium auf als Studienberechtigte ohne Migrationshintergrund“, wie es im „Integrationsreport“ des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge heißt. Frauen ab 45 Jahre mit Migrationshintergrund schaffen ihren Fachhochschul- oder Universitätsabschluss sogar häufiger als deutsche. Allerdings: Erhebungen des Deutschen Studentenwerks zeigen, so steht es im „Integrationsreport“, dass Studierende mit Migrationshintergrund tatsächlich „eher aus vergleichsweise niedrigen sozialen Herkunftsgruppen stammen“. Deshalb werden sie seltener von ihren Eltern finanziell unterstützt, beziehen häufiger Bafög, müssen neben dem Studium jobben – und unterbrechen häufiger ihr Studium.

Quellen: BAMF, „Spiegel“, Studium-Ratgeber, Integrationsreport, „taz“

„So viele kamen noch nie!“

Dass selten so viele Menschen auf der Flucht waren wie zurzeit, ist leider kein Vorurteil, sondern wahr. Zwar ist die Aussage des UNHCR, so viele seien es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gewesen, schwer zu überprüfen. Flüchtlinge werden anders erfasst als damals, und auch weniger Flüchtlinge als früher führt es nach Europa. Weltweit aber befanden sich Ende 2014, das zeigt der UNHCR-Jahresbericht „Global Trends 2014“, 59,5 Millionen Menschen auf der Flucht – und damit 8,3 Millionen mehr als im Jahr zuvor. Grund für den Anstieg war vor allem der Krieg in Syrien. Grund war aber auch die zunehmende Zahl an Vertriebenen aus Zentralafrika und dem Sudan, aus der Ukraine, aus Pakistan oder Myanmar. Auf der ganzen Welt ist jeder 122. Mensch Flüchtling, Binnenflüchtling oder Asylbewerber. Das entspricht, laut UNHCR, einem Rekord.

Quelle: UNHCR

cms-image-000046351.jpg

Nani ist 30 Jahre alt und war früher mal Krankenpfleger (Rebecca Sampson)
Nani ist 30 Jahre alt und war früher mal Krankenpfleger (Rebecca Sampson)

In Ihrer Konzeptarbeit „Transit“ beschäftigt sich die Fotografin Rebecca Sampson mit der prekären Situation, in der Asylbewerber in Deutschland leben müssen. Das bestehende Asylrecht behindert ihr Ankommen in der deutschen Gesellschaft und zwingt Männer und Frauen dazu, ohne Perspektive in den Tag hinein zu leben. Ursprünglich als interaktive Installation für den Görlitzer Park in Berlin konzipiert, richtet die Arbeit den Blick auf die vielen jungen Menschen, die fernab ihres Herkunftslandes und ihres erlernten Berufes um ihre Existenz ringen müssen.