Deutschland ist ein organisiertes Land. Dutzende Behörden regeln unser Leben, darunter viele eher unbekannte: Es gibt ein Bundesamt für Äußere Restitutionen, eine Bundesmonopolverwaltung für Branntwein und auch ein Bundessprachenamt, das zum Verteidigungsministerium gehört. Und natürlich existiert auch ein Bundesamt für magische Wesen, kurz: BAfmW, das seinen Sitz in der früheren Bundeshauptstadt Bonn hat.

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cms-image-000043963.jpg (Foto: Bundesamt für magische Wesen)
(Foto: Bundesamt für magische Wesen)

Wie es sich für eine Behörde gehört, sind die Aufgaben auf mehr als 20 unterschiedliche Referate aufgeteilt. Außerirdische besitzen ihr eigenes, genauso wie Gestaltwandler, Engelsblüter, Basilisken und alle anderen Kreaturen, deren spezielle Lebensweisen mit deutschem Recht in Einklang gebracht werden müssen.

Dass die fabelhaften Geschöpfe jetzt eine Institution im Rücken haben, die ihre Rechte vertritt, haben sie Klaus Maresch zu verdanken. Der will die Arbeit des Amtes endlich bekannter machen und hat dafür im Herbst einen Imagefilm drehen lassen. Hier laufen Zauberer durch die Flure eines Tagungshotels, Orks schmeißen Formulare durch die Gegend, buntgesichtige, behornte Dämonendamen schimpfen über Diskriminierung. Klaus Maresch selbst tritt im Video im dunklen Anzug als Gleichstellungsbeauftragter auf.Warum die ohne eine solche Vertretung nicht auskommen, erklärt ein Text auf der Website. Demnach kann „keine Hexe einfach so in einer Mietwohnung ihre Pentagramme ins Eichenparkett ritzen, ohne mit dem Vermieter eine Vereinbarung zu treffen.“ Und was wäre, „wenn der Hausbesitzer im Godesberger Villenviertel sich einen Drachen zulegt, ohne die Verordnung zum Halten feuerspeiender Klein- und Großdrachen basierend auf der Bonner Bauordnung zu kennen?“ Das Amt kümmert sich auch um migrationswillige Dschinnen und erklärt ihnen, wie sie ihre Wunderlampen in Einklang mit dem Baurecht bringen können.

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Drehpause: Regisseur und Vampir Thomas Bernecker neben BAfmW-Präsident Edmund F. Dräcker (Foto: Bundesamt für magische Wesen)
Drehpause: Regisseur und Vampir Thomas Bernecker neben BAfmW-Präsident Edmund F. Dräcker (Foto: Bundesamt für magische Wesen)

Am Drehtag fährt er mit einem Dienstwagen des Amtes am Bonner Maritim-Hotel vor. Sein Kombi sieht aus wie ein Polizeiauto, bis auf das Wappen auf den Türen und der Motorhaube: Angelehnt an den Bundesadler spreizt hier ein Drache – der Bundeslurch – seine Flügel. Mit schnellem Schritt durchquert Maresch dann die Hotellobby, wo sich die letzten Akteure für den Dreh anmelden. Auch Ulrich Kelber, parlamentarischer Staatssekretär im Justizministerium, ist vor Ort und spricht einige Begrüßungsworte in die Kamera. Den Politiker kennt Maresch schon länger und hat ihn dafür begeistern können, die Schirmherrschaft für das BAfmW zu übernehmen.

Präsident des Amtes ist aber ein anderer: der Diplomat Edmund Friedemann Dräcker. Der lässt sich beim Dreh durch einen Schauspieler vertreten, auch der parlamentarische Kontrolleur Jakob Maria Mierscheid ist nicht gekommen. Kein Wunder, dass von den beiden nichts zu sehen ist: Dräcker und Mierscheid sind fiktive Figuren, mit denen die Parlamentarier Deutschlands sich selbst und den politischen Betrieb seit Jahrzehnten aufs Korn nehmen – und deshalb für den Fantasy-Buchautor Maresch genau die Richtigen für die Leitung des BAfmW.

Die Behörde hat er sich im vergangenen Jahr ausgedacht und strickt seitdem die Idee mit Hilfe von Gleichgesinnten immer weiter. Eigentlich lebt Maresch als Imker in Bonn, seine Bienenkolonien hat er auf dem Dach der Bundeskunsthalle aufgestellt. Als „Hagen Ulrich“ ist er Autor mehrerer Vampirromane aus dem Genre der Gay Fantasy. Und jetzt ist er auch noch Videoproduzent: Per Crowdfunding sammelte er fast 5.500 Euro und engagierte ein professionelles Filmteam. Auf eine Annonce meldeten sich Dutzende Fantasyfans, um als Komparsen in eigenen Kostümen mitzumachen.

Die Cosplayer haben sich in einem Saal mit wandhohen Spiegeln und einem riesigen Kronleuchter versammelt. Einige sind schon verkleidet, andere bekommen in den nächsten zwei bis drei Stunden die Schminke zentimeterdick von den Maskenbildnern aufgetragen. „Wir lieben Fantasy!“, ruft Maresch seinem Filmteam zu. „Und wir haben Spaß dabei, rumzuspinnen.“ Dem wird niemand der Anwesenden widersprechen. Den Komparsen fällt es ohnehin nicht schwer, so zu tun, als gäbe es dieses BAfmW wirklich. Die meisten von ihnen schlüpfen regelmäßig auf Mittelaltermärkten, Fantasy-Conventions oder Computerspiel-Messen in ihre fantastischen Rollen.

Maresch treibt es auf die Spitze. Ausgerechnet jener literarischen Gattung, die vielen Fans bei der Realitätsflucht dient, hat er ein Korsett übergestülpt, das genau das Gegenteil verkörpert: Nüchternheit und Alltäglichkeit. Keine ganz neue Idee. In der Harry-Potter-Serie zum Beispiel gibt es ein Zauberministerium und bei „Men in Black“ die gleichnamige Kontrollbehörde für außerirdische Aktivitäten in New York. Legendär ist auch das „Ministry of Silly Walks“, mit dem sich Monty Python über die britische Politlandschaft lustig machten.

Das Amt für magische Wesen soll aber mehr sein als bloßer Jux. Hinter der vermeintlichen Spinnerei steckt ein überaus detailverliebter Marketingplan. Es gibt Tassen und Kapuzenshirts mit dem Logo der Behörde zu kaufen. Auf vielen Fantasy-Conventions ist das BAfmW mit einem Stand vertreten.

Das Ziel des Bundesamtes ist, die deutschsprachige fantastische Literatur bekannter zu machen. „Warum muss Fantasy immer in den USA spielen?“, fragt Maresch herausfordernd. Er selbst lässt die Handlung seiner Romane wie „Jagd der Vampire“ und „Böses Blut der Vampire“ an seinem Wohnort ablaufen. Auf der Internetseite stellen Dutzende weitere Autoren und Blogger ihre deutschsprachigen Werke vor. Um im Duktus des BAfmW zu bleiben, werden ihre Werke als „Schriften“ tituliert. Für die meisten der „Referenten“ ist das Schreiben vermutlich ein Zeitvertreib, einige haben immerhin kleine Verlage gefunden.

Der BAfmW-Schöpfer aber hat Blut geleckt. Innerhalb eines Jahres hat das Bundesamt mehr Publicity bekommen, als es seine Bücher je könnten. Jetzt will er diese Öffentlichkeit nutzen. Im Dezember soll der Clip vor der Premiere des dritten „Hobbit“-Films in deutschen Kinos laufen. Eine Übersetzung ins Englische ist bereits in Planung, vielleicht sogar ins Russische und Arabische – um diesen „Behördenhumor“, wie Vampir-Fachmann Maresch das selbst nennt, auch anderen Kulturen nahezubringen.

Andreas Pankratz hat bei der Bundeszentrale für politische Bildung volontiert und arbeitet inzwischen als freier Journalist in Köln.