Die französischen Herrscher waren über Jahrhunderte zentrale Akteure der europäischen und globalen Machtkämpfe und Entwicklungen. Mit den aufkommenden Nationalstaaten wurde die Konkurrenz zur Erbfeindschaft erklärt und die Auseinandersetzungen brutaler, bis zum Tiefpunkt der Besetzung Frankreichs durch Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Die deutschfranzösische Verständigung als Motor der europäischen Einigung ist angesichts dessen fast ein Wunder. Aber es war und ist eher ein anhaltender Prozess politischer Weisheit und Beharrlichkeit. Er hat uns bei allen kulturellen Differenzen seit Generationen einen Alltag friedlicher Normalität und Verbundenheit gebracht.

Was nach außen in Europa gelang, steht im Inneren für Frankreich mittlerweile infrage. Mehrere Krisen überlagern sich hier. Die soziale Spaltung hat durch die globale Finanzund Wirtschaftskrise zugenommen, die Jugendarbeitslosigkeit ist seit Jahren erschreckend hoch. Den nach wie vor dynamischen Zentren stehen Regionen gegenüber, die abgehängt sind. Hier wird der Rechtspopulismus immer wieder mehrheitsfähig. Und die nur sehr zögerlich aufgearbeitete koloniale Vergangenheit kehrt auch in den Gestalten des Terrorismus von heute wieder. Eine der ältesten Demokratien des Kontinents wird nun seit mehr als einem Jahr mit Notstandsgesetzen regiert.

Frankreich hat sich früher als andere auch als Einwanderungsland verstanden. Die unvollendete, heute zum Teil gescheiterte Integration, der grassierende Rassismus bis in staatliche Strukturen hinein verschärfen die ohnehin entfalteten Konflikte der französischen Gesellschaft. Diese Entwicklungen bei unserem Nachbarn sind ein Menetekel nicht nur für die deutsche Gesellschaft.

Frankreich hat dennoch alles, um seiner Krisen Herr zu werden. Seine Wirtschaft ist stark und dynamischer, als es scheint, seine Kultur reich und weltweit bewundert. Staatlich vorangetriebene Infrastrukturen sind nach wie vor Ausdruck von Gestaltungswillen und Zukunftsoptimismus.

Frankreich steht in allen seinen Bereichen der Gesellschaft vor schwierigen und wichtigen Entscheidungen. Wird es gelingen, das Land weiter zu modernisieren und den sozialen und kulturellen Ausgleich zu erneuern? Welche Rolle und Position wird es in Europa und in der Welt einnehmen? Die Antworten, die in Frankreich nach der Wahl gefunden und umgesetzt werden, sind entscheidend. Gerade auch für uns in Deutschland und Europa.