Ich bin Bürgerin zweier Republiken. Die eine wird von einer Großen Koalition geführt und schwört auf Vollkornbrot. Meine zweite Nation regiert ein Dichter, ihr Botschafter ist der Dalai-Lama. Die Armee besteht aus zwölf Mann, und die Verfassung garantiert mir das Recht auf Glück.

Ein Wunschtraum? Mitnichten. Diesen Staat gibt es tatsächlich. Er liegt im Osten von Vilnius, der Hauptstadt Litauens. Eine Brücke über den Fluss Vilnia markiert die Grenze: Dahinter beginnt Užupis. Im Jahr 1997 riefen Künstler in diesem Stadtteil ihre eigene Republik aus. So entstand ein Projekt zwischen Nonsens und Nachbarschaftshilfe.

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An der Grenze zum Land des Lächelns  (Foto: Shay Haas)
An der Grenze zum Land des Lächelns (Foto: Shay Haas)

Man hört die Musik schon von weitem: Klassik, ein Walzer, hängt über Užupis. Es ist der 1. April – Nationalfeiertag der kleinen Republik. „Halt! Checkpoint!“, ruft eine junge Frau, auf dem Kopf eine rote Schiebermütze, um die Schultern ein übergroßer Mantel. Hinter ihr ist eine Grenzhütte aufgebaut, eigens für diesen Tag. Denn am 1. April kann man sich in Užupis „einbürgern“ lassen. Ein Stempel auf die Hand – schon darf ich passieren. Dazu gibt es eine Schachtel Streichhölzer. „Damit es in deinem Leben nie dunkel wird“, sagt das Mädchen. So wurde ich Bürgerin von Užupis.

Die Häuser sind aus hellem Sandstein, in vielen befinden sich Cafés oder Galerien. Rauchende Künstler lümmeln sich vor bemalten Mauern. Bunte Gebetsfahnen schmücken einen Platz: Hier empfingen Užupis’ Bewohner mehrfach den Dalai-Lama. Bei seinem ersten Besuch 2001 ernannten sie ihn zu ihrem Botschafter – einem von insgesamt 200. Besonders gefiel seiner Heiligkeit die Verfassung des Ministaates. Die 41 Punkte sind an eine Mauer angeschlagen: Darin verankert ist nicht nur das „Recht auf Glück“, sondern auch „das Recht, nichts zu verstehen“. Und Katzen müssen ihren Besitzer nicht lieben, aber in Notzeiten für ihn sorgen – auch das ist Gesetz.

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An alles gedacht: Die Verfassung sichert unter anderem das Recht auf Unglück (Foto: Alberto Garcia)
An alles gedacht: Die Verfassung sichert unter anderem das Recht auf Unglück (Foto: Alberto Garcia)

Der Regierungssitz ist ein Café nahe dem Fluss. Dort empfängt der Präsident seine Gäste. Zur Feier des Tages trägt er ein rotes Zirkuskostüm und Gamaschen. Er halte sich nur an die Regeln, sagt Romas Lileikis: Auch Einzigartigkeit ist von der Verfassung garantiert. Lileikis, 55 Jahre alt, ist Poet und in Litauen ein bekannter Regisseur. Seit er Užupis gemeinsam mit Künstlerfreunden gründete, ist er aber auch Staatsoberhaupt. Wofür der ganze Quatsch? „Ich wollte einfach gerne am Fluss wohnen“, sagt Lileikis und grinst.

Der einzige Stadtteil, der dafür infrage kam, war Užupis. Doch der Ort galt als Problembezirk: Einst ein jüdisch geprägtes Wohnviertel, hatten sich nach dem Krieg Banden in den Hinterhäusern eingenistet. Užupis war ein gefährliches Pflaster: Die Sowjets nannten die Hauptstraße schlicht „Straße des Todes“.

In Wahrheit ging es Lileikis natürlich nicht nur um eine schöne Aussicht: Er träumte von einem Ort für Kreative. Sieben Jahre nach dem Ende der Sowjetherrschaft sollte die No-go-Area Užupis ein Ort der Selbstbestimmung werden: frei von Bevormundung und Misstrauen, die der Kommunismus hinterlassen hatte. Hier, so wünschte es sich Lileikis, sollten die Bürger sich entfalten können – nicht nur nebeneinander, sondern miteinander.

Also bat Lileikis die Behörden förmlich um Erlaubnis, in Užupis einen neuen Staat gründen zu dürfen. Einige Zeit später erhielt er tatsächlich eine Antwort: Die Stadt Vilnius gestatte den Künstlern, eine „humoristische Veranstaltung“ zu organisieren. Doch auch wenn Užupis bis heute von keinem anderen Staat anerkannt wird, ist es mehr als ein Aprilscherz. Seit Lileikis und seine Künstlerfreunde die Republik ausriefen, hat sich der Ort gewandelt. 

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Wo Politik die Kunst des Unmöglichen ist: Užupis (Foto: William Heusmann / flickr CC )
Wo Politik die Kunst des Unmöglichen ist: Užupis (Foto: William Heusmann / flickr CC )

Mit kreativen Aktionen lockten sie die Boheme in den Stadtteil: Am „Tag der weißen Tischtücher“ gaben sie ein Festmahl für die Nachbarschaft, an Weihnachten baten sie alle Bewohner zu einem Gruppenfoto. Am „Tag des Windes“ wurden im Regierungssitz Gedichte gelesen, und beim „Holzmarkt“ sammelten sie Geld, um den Armen Brennholz zu stiften. Die meisten Aktionen finanzieren die Künstler aus eigener Tasche – Geld vom Staat bekommen sie nicht. Bei allem Quatsch haben Lileikis und seine Truppe geschafft, was die Politik nicht vermochte: Užupis zu einem lebenswerten Viertel zu machen.

Zur Feier der Gründung ist den Künstlern kein Unfug zu aufwendig. Der Engel – eine Statue und Wahrzeichen der Republik – spuckt am Abend buntes Feuerwerk. Aus dem ehemaligen Dorfbrunnen sprudelt an diesem Tag Weißbier statt Wasser. Und zu essen gibt es Brezeln, die der Präsident vom Balkon eines Wohnhauses verteilt. „Eigentlich wollten wir sie von einem Zeppelin werfen“, erzählt Lileikis.

Užupis hat nicht nur Minister und Botschafter, sondern auch eine Nationalhymne und eine Flagge. Sie zeigt eine Hand, in der Mitte ein kreisrundes Loch. Ein Symbol der Freiheit, erklärt Lileikis. „Niemand kann unsere Republik besitzen“, sagt er. „Und jeder kann Bürger sein, auch wenn er hier kein Eigentum hat.“ So wie ich.

Alexandra Rojkov, 26, wurde in St. Petersburg geboren und ist in Schwaben aufgewachsen. Eine Zeitlang hat sie auch im lettischn Riga gelebt, das nur eine Anhalterfahrt von Vilnius entfernt ist.