Wenn es um Pressefreiheit geht, erscheint die Welt manchmal vielleicht etwas zu einfach: hier die Journalisten als die Guten, die doch nur objektiv berichten wollen, dort die bösen Mächtigen aus Staat und Geheimdiensten, die das zu verhindern trachten. Der Italiener Ruben Salvadori (25) hat eine Fotoarbeit vorgelegt, die sensibilisieren kann: Sind es nicht zuweilen auch die Presseleute selbst, die einer objektiven Berichterstattung im Wege stehen? Speziell die Pressefotografen hat Salvadori im Visier.

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Pressefotograf und Straßenkämpfer – mancherorts ein eingespieltes Team  (Foto: Ruben Salvadori)
Pressefotograf und Straßenkämpfer – mancherorts ein eingespieltes Team (Foto: Ruben Salvadori)

Für die Arbeit „Photojournalism Behind the Scenes“ hat Salvadori Pressefotografen bei der Arbeit in Israel und Palästina fotografiert. Ein kleiner Perspektivenwechsel mit großer Wirkung: Zu sehen sind nicht steinewerfende jugendliche Palästinenser, die sich ein Gefecht mit der Polizei liefern. Zu sehen sind Fotoreporter von Zeitungen und Kameramänner von TV-Networks, die von den steinewerfenden Jugendlichen Aufnahmen machen. Oder auch von brennenden Barrikaden – und anderen Ereignissen, die einem so oder so ähnlich fast täglich in den Medien begegnen. Nur dass es bei Salvadori eben ganz anders aussieht.

Auf seinen Fotos wirken die Szenen, die sonst formatfüllend und in Großaufnahme erscheinen, weniger dramatisch –  sie werden zum Rohstoff für massenmediale Bilderproduktion. Deren Bedingungen und Beschränkungen werden sichtbar: Pressefotografen können immer nur einen Ausschnitt der Welt zeigen. Wie überhaupt im Journalismus ist auch hier stets ein subjektiver Beobachter am Werke, der mit seiner Anwesenheit die Situation, von der er objektiv berichten soll, bereits verzerrt.

Diese Bilder vom Bildermachen werfen Fragen auf: Legen sich die steinewerfenden Jugendlichen heute womöglich besonders ins Zeug, weil ihnen die internationale Presse zuschaut? Trifft der Pressefotograf die Wahl seines Bildausschnitts so, dass das Foto möglichst viel über den unsichtbaren Kontext andeutet? Wird etwa durch den grimmigen Gesichtsausdruck eines Polizisten ein Konflikt angedeutet, der in dem Moment und in der Situation gar nicht existiert? Kurzum: Geht es hier gerade eher um die Befriedigung von Medienkonsumenten, die nach sensationellen Bildern gieren, als um objektive Berichterstattung?

Salvadoris Bilder lassen die Tatsache ins Bewusstsein treten, dass reine Neutralität und Objektivität im Journalismus nicht möglich sind. Aber kann seine Fotoarbeit das Vertrauen in den Journalismus und in die dokumentarische Qualität von Pressefotografie deshalb grundsätzlich ins Wanken bringen? Vielleicht geht es eher um einen Appell an Medienschaffende, das eigene Tun immer wieder zu reflektieren. Und auch an die Nutzer und Leser, genau hinzuschauen und journalistische Inhalte kritisch zu hinterfragen.

Ruben Salvadori hat in Jerusalem Anthropologie und internationale Beziehungen studiert. Bei dem Versuch, die Menschen in Israel besser zu verstehen, begab er sich in die Konfliktzonen Israels und Palästinas – und wurde er auf die vielen Pressefotografen aus aller Welt aufmerksam, die dort arbeiten. Inzwischen gibt es über sein Projekt „Photojournalism Behind the Scenes“ auch einen kurzen Dokumentarfilm.