fluter.de: Ihr fünftes Album „Hurra die Welt geht unter“ ist das erste, das es auf Platz eins der deutschen Charts geschafft hat. Wie fühlt sich das an?

Nico: Gerechtfertigt.

Maxim: Wir waren nur beleidigt, dass es nicht vorher passiert ist.

Wie viele Exemplare haben Sie bis heute verkauft?

Nico: Ich glaube, gut 80.000.

DJ Craft: Wir haben an zwei Tagen so viele Konzertkarten verkauft wie während der gesamten Tour zu unserem letzten Album „Urlaub fürs Gehirn“ vor drei Jahren. Die Hallen sind viel größer, zum Teil spielen wir zweimal hintereinander in derselben Halle.

Nico: Drogenabhängig sind wir jetzt auch.

Jetzt erst?

Nico: Wir haben uns Zeit gelassen, bis wir vernünftig Geld haben.

„Boom Boom Boom“ vom aktuellen Album ist ein Stück, das wie ein Kommentar zur derzeitigen Situation erscheint: Es geht um die Flüchtlingskrise und rechte Krawalle, vergleichbar mit denen in Heidenau. Im Text gehen Sie nicht gerade zimperlich mit jenem Teil der Bevölkerung um, der sich rassistisch äußert: „Ich bring euch alle um.“ Haben Sie das Stück gemacht, weil Sie gespürt haben, dass es eine explosive Stimmung gibt?

DJ Craft: Diese Stimmung war schon immer da, die Tatsachen schon immer gegeben. Der Song wurde geschrieben, bevor es Pegida gab.

Nico: Das stimmt nicht ganz. In Tareks Strophe heißt es: „Ich sprenge eure Demo.“ Das ist die Zeile, die sich konkret auf die Pegida-Demos bezieht.

Maxim: Das Stück hätte man aber seit den 90er-Jahren schreiben können.

Schreiben Sie ein Stück wie „Boom Boom Boom“, weil etwas rausmuss, das Sie nervt, oder weil Sie das Gefühl haben, jemanden zum Nachdenken bringen zu können?

Maxim: Es geht darum, sich das von der Seele zu sprechen, aber es geht auch darum, einen Song zu machen, der knallt. Ehrlich gesagt war erst der Refrain da, und dann hat man sich die Ziele überlegt. Ich freue mich natürlich, wenn sich jemand was davon zu Herzen nimmt. Aber ich mache mir auch keine übertriebenen Hoffnungen. Es ist einfach ein toller Beat, zu dem man tanzen kann – auch weil wir so unfassbar gut rappen.

Nico: Die Hookline ist schon echt widerlich.

DJ Craft: Krass hart.

Nico: Selbst für unsere Verhältnisse. Das muss man zugeben.

In Ihren Stücken nimmt der Rapper, also der Erzähler, gern verschiedene Positionen ein, die nicht mit denen des Autors identisch sein müssen. Im Hip-Hop wird dieses Mittel, das der Literaturwissenschaftler Rollenprosa nennt, oft genutzt. Das macht die Sache für den Hörer komplizierter, weil man sich überlegen muss: Wie ist das gemeint? Sagen Sie sich manchmal: Diese Stelle kann zu leicht missverstanden werden, die lassen wir lieber weg?

Maxim: Das Kriterium ist: Ist die Zeile gut? Ich mag harte Witze, aber die müssen auch eine gewisse Originalität haben. Der Witz muss neu sein oder so plump, dass es wieder witzig ist.

DJ Craft: Maxims Feature-Parts werden immer zensiert. Aber von uns. Wir sind zwar bis jetzt bei jedem Album von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien vorgeladen worden, aber indiziert worden sind wir nie.

Maxim: Wenn wir selber mal was „gepiept“ haben, dann war die Überlegung: Das ganze Album könnte wegen dieser einen Zeile indiziert werden. Wollen wir das wirtschaftlich auf uns nehmen? Aber das hat nichts damit zu tun, dass wir selber plötzlich Gewissensbisse gehabt hätten.

Ein Album-Titel wie „Sexismus gegen rechts“, der sich ironisch gegenüber einer moralisch allzu einfachen Haltung verhält, vermittelt nicht das Gefühl, dass er aus einer einfach zu definierenden politischen Ecke kommt.

Maxim: Die Titelidee kam von einem Lichtmann von uns. Wir waren mal wieder auf einem Festival gegen rechts, da hat er die Idee geäußert. Irgendwie ist alles gegen rechts, warum nicht auch das. Selbst Frei.Wild sind jetzt antifaschistisch.

Das finden Sie nicht glaubwürdig?

Maxim: Glaubwürdig ist es schon. Es taugt halt nichts. Demokraten sind nicht per se Rassisten, sie wollen erst mal nett sein zu den Leuten. Aber dann kommen die Sachzwänge des Kapitals plötzlich auf einen zu: Flüchtlinge lohnen sich nicht. Das Boot ist voll. Es sind zu viele. Zu viel wofür, das ist dann immer die Frage. Zu viel, als es unserer Wirtschaft nützt. Dann streichelt man den Leuten über den Kopf und sagt: Tut mir leid, ich kann halt nicht. Keiner will ja was Böses. Die guten Menschen sind immer die schlimmsten.

Was meinen Sie mit der Zeile in „Boom Boom Boom“, dass es egal sei, ob Angela Merkel einen Minirock oder ein Kopftuch trägt?

Maxim: Da geht es um die Beschäftigung mit der Frage, ob meine Führungspersönlichkeit nett oder kompetent ist, ob sie sich richtig verhält: Hat der jetzt einen Kredit genommen, den er nicht hätte nehmen sollen?

Nico: Ist der Außenminister etwa schwul? Da kommt dann ein Schwuler in so richtige Männerstaaten wie Saudi-Arabien.

Maxim: Oder: Ist Angela Merkel hart genug gegenüber Putin? Da geht es immer um die Kompetenzfrage. Da macht man den Fehler, nie das Amt zu kritisieren, das Leute ausüben, sondern immer nur die Person. Anstatt sich zu fragen: Was ist denn überhaupt die Aufgabe einer Kanzlerin, einer Regierung? Sie besteht darin, diesen Staat zu verwalten, und dieser Staat hat eine bestimmte Vorstellung festgemacht, wie zu wirtschaften ist. Dazu gehört auch eine Unterscheidung zwischen Inländern und Ausländern und dass manche Leute nicht reindürfen.

Wenn es um die Funktion geht, ist es vielleicht nicht ganz egal, ob die Kanzlerin nach Heidenau fährt oder nicht.

Nico: Alle warten darauf, dass sie was sagt: Sie hat so lange nichts gesagt! Aber die Asylrechtsverschärfung ist schon lange durchgebracht.

Maxim: Von den Pegida-Demonstrationen haben sich Leute aus allen politischen Lagern, auch von der SPD und der CDU, distanziert. Am Ende haben diese Leute aber Verschärfungen durchgesetzt, die Pegida vorher gefordert hat. Es werden keine Ausländer verprügelt, sondern gepflegt in der Lufthansa-Maschine an den Sitz gefesselt – und tschüss.

Es gibt einige Stücke auf dem neuen Album, in denen Sie eine politische Haltung einnehmen. Soll Musik politisch sein?

Maxim: Musik ist nicht der Ort, wo ich unbedingt nach politischen Meinungen suchen muss. Ich finde diesen Ruf merkwürdig: Wir brauchen mehr politische Bands! Ja, gut, dann macht das doch.

Fühlen Sie sich einer politischen Gruppierung nahe?

Nico: Ich fühle mich keiner Gruppierung nahe.

DJ Craft: Ich sympathisiere mit der DJ-Szene, den Turntableists.

Maxim: Wir haben mehrmals Antifa-Aktionen unterstützt. Es gibt auch private Verbindungen und Sympathien. Aber ich fand es nie interessant, mir das auf die Fahne zu schreiben oder Fahnen zu schwenken.

Im Video zum „Kannibalenlied“ spielen Sie mit Assoziationen mit dem Totalitarismus des 20. Jahrhunderts. Der Clip zitiert militaristische Propaganda, sozialistische wie faschistische. Sie tragen darin Uniformen. Gab es einen Anlass dafür, mit diesen Bildern zu spielen?

Nico: Wir wollten eine Miliz haben, die auf Festivals immer mit dabei ist, mit AK-47 bewaffnet. Da sind wir auch drauf gekommen, weil wir in dieser Zeit „The Act of Killing“ von Joshua Oppenheimer geguckt haben. Dort kommt die indonesische Pancasila-Jugend vor, die Mitte der 60er-Jahre alle Kommunisten abgeschlachtet hat. Von denen haben wir die Farbkombination geklaut. Unabhängig davon hat Maxim schon vor einem Jahr gesagt: Wir müssen uns eine Hymne schreiben, im DDR-Style. Das hat dann alles gut zusammengepasst.

DJ Craft: Und wir stehen auf maßgeschneiderte Anzüge, das wirkt immer gut.

Maxim: Ich finde es nervig, wenn Künstler aufdringlich bescheiden sind. Es hat etwas Angeberisches: Der ist voll am Boden geblieben. Echt zum Kotzen.

DJ Craft: Meine Vorbilder waren auch Champagner saufende, Goldketten tragende Rapper aus den Staaten. Ich habe das immer für Humor und nie für bare Münze genommen. Richtig auf die Kacke hauen, einen noch besseren Spruch als der andere haben, der Stärkste, Beste, Reichste und Provokanteste zu sein, das fand ich schon immer toll.

Es wird immer wieder gefragt, wofür die Abkürzung K.I.Z steht. Im „Kannibalenlied“ werden zwei Möglichkeiten angeboten: „Kannibalen in Zivil“ und „Klosterschüler im Zölibat“.

Nico: Das sind die beiden, die sich über die Jahre herauskristallisiert haben. Ich glaube, ursprünglich hieß das King Size.

Maxim: Das sagt viel über uns aus, dass wir eine interaktive Namensgebung haben. Jeder darf uns nennen, wie er will. Wir sind die erste interaktive Band der Welt. Das war unsere Idee.

Nico: „Kleinwüchsige impotente Zigeuner“.

DJ Craft: Das wurde uns mal auf die Facebook-Pinnwand geschrieben.

Apropos Facebook: Wie fanden Sie die Debatte um Til Schweiger?

Maxim: Til Schweiger hat was gesagt?

Nico: Dass er alle doof findet, die Nazis sind. Er war sauer, dass viele Leute, die ihn feiern, so was auf seiner Facebook-Seite sagen.

Maxim: Wenn man so viele Leute hat, die einem folgen und solche Positionen vertreten, sollte man sich vielleicht erst mal fragen, warum das so ist. Das nur als Tipp am Rande. Das Problem haben auch Musiker, wenn sie sehr allgemeingültige Songs machen und jeder die singt. Auch Leute, die sie nicht mögen.

Beifall von der falschen Seite bekommen Sie vermutlich nicht?

Nico: Doch.

Maxim: Nicht von Nazis, aber von Idioten.

Nico: Die nur checken, was sie checken wollen.

Maxim: Bei dem aktuellen Album, in dem eine ernsthafte politische Aussage drinsteckt, heißt es dann: Das meinen die nicht so, höhö. Party!

Nico: Sagen wir so: Es gibt sicherlich auch Leute, die unsere Mucke feiern und Nazis sind. Aber es ist schwierig, einen von unseren Songs auf einer Nazidemo zu spielen und dafür zu instrumentalisieren.

Maxim: Zumal K.I.Z schon auf der Gegendemo läuft. In Leipzig war das so, hab ich gehört.

Welches Stück war’s?

Maxim: „Boom Boom Boom“.

Die Rapper Tarek Ebéné (beim Interview gerade im Urlaub), Maxim Drüner und Nico Seyfrid gründeten gemeinsam mit Sil-Yan Bori (DJ Craft) in Berlin K.I.Z.. „Das RapDeutschlandKettensägenMassaker“ erschien im Mai 2005, es folgten die Alben „Hahnenkampf“ (2007), „Sexismus gegen Rechts“ (2009), „Urlaub fürs Gehirn“ (2011) sowie die Mixtapes „Böhse Enkelz“ (2006), „Ganz oben“ (2013) und „Früher waren die besser“ (2015). Zuletzt erschien „Hurra, die Welt geht unter“. K.I.Z. verpacken Gesellschaftkritik mit viel Sarkasmus, Selbstironie und Provokation. Die Band engagiert sich mitunter auch politisch, Nico und Maxim kandidierten 2012 für Die PARTEI bei den Berliner Kommunalwahlen. Im November und Dezember gehen sie auf Deutschlandtour.