Vor, zurück, links, vor. Wenn Maryam Mirzakhani Formeln an die Tafel schreibt, sieht das ganz leicht aus. Ein bisschen wie Tanzen, a1, a2, a3, a4. Sie ist klein, federt beim Reden, ihre Schritte sind groß, die Kreide legt sie nicht weg. Mathe, das kann man auf YouTube sehen, hat bei ihr Rhythmus. Es habe lange gebraucht, bis sie die Eleganz der Mathematik erkannte, sagt Mirzakhani, aber genau die fessle sie an den Zahlen. Mit zwölf denkt sie noch, ihr fehle das Gespür für Gleichungen – entmutigt von einem Lehrer, der ihr das Talent abspricht. 17 ist sie, als sie mit einer Freundin an der Internationalen Mathematikolympiade teilnimmt. Es ist das Jahr 1994, zuvor hat es in der iranischen Nationalmannschaft keine Frauen gegeben. Und Maryam Mirzakhani holt 41 von 42 Punkten. Gold. Im Jahr darauf, 1995, erreicht sie die volle Punktzahl.

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Der hyperbolischen Geometrie ist sie schon auf den Grund gegangen. Jetzt könnte ihr Vorbild noch ein anderes hartnäckiges Problem der Mathematik lösen: Deutlich weniger Frauen als Männer haben einen Lehrstuhl in dem Fach inne (Thiago Kohl)
Der hyperbolischen Geometrie ist sie schon auf den Grund gegangen. Jetzt könnte ihr Vorbild noch ein anderes hartnäckiges Problem der Mathematik lösen: Deutlich weniger Frauen als Männer haben einen Lehrstuhl in dem Fach inne (Thiago Kohl)

Das ist der Anfang. Von hyperbolischer und symplektischer Geometrie. Von der Teichmüllertheorie, Riemannschen Flächen, überhaupt von vielen Begriffen, die als nerdig gelten, also als etwas für Streber und am ehesten für männliche. Mirzakhani wächst in Teheran auf und gehört dort, wie sie sagt, zur „glücklichen Generation“: zu denen, die ausgebildet werden, als der Iran-Irak-Krieg vorbei ist.

Sie geht auf eine Schule für besonders begabte Mädchen, studiert in ihrer Heimatstadt, promoviert, wird Assistenzprofessorin und dann Professorin. Harvard University, Princeton University, Stanford University.

2014 gewinnt sie für ihre herausragenden Beiträge zur Dynamik und Geometrie von Riemannschen Flächen und ihrer Modulräume die Fields-Medaille, den Nobelpreis der Mathematik – in etwa. Sie ist der erste Mensch aus dem Iran, der sie gewinnt – in 78 Jahren, seit denen die Medaille verliehen wird. Und: Sie ist die erste Frau der Welt, die sie gewinnt.

Sie selbst beschreibt sich als langsam. Andere würden Aufgabe um Aufgabe lösen, Wurzeln ziehen, Vektoren normalisieren. Während sie, so erklärt Maryam Mirzakhani, oft jahrelang an einer Aufgabe rätselt.

Es ist ein Puzzle, sagt sie. Ihre Arbeit sei wie die eines Detektivs. Oder wie eine Überlebensstrategie, wenn man im Dschungel verloren gegangen ist: „Du kramst alles Wissen zusammen, das du kriegen kannst, für ein paar neue Tricks – und mit etwas Glück findest du einen Weg nach draußen.“

Selbst das, was dem Rechnen eher unähnlich zu sein scheint, das Erzählen nämlich, sei ihm im Grunde ähnlich. „Es gibt verschiedene Charaktere, und man lernt sie besser kennen. Die Dinge gehen voran, und wenn man auf einen der Charaktere zurücksieht, ist er ganz anders als beim ersten Eindruck.“ Als Kind habe sie Schriftstellerin werden wollen und für alle Fälle viel gelesen. Mittlerweile umreißt sie ihre Gedanken auf Plakaten, auch die kann man auf YouTube sehen. Pfeile, Kreise, Körper, manche sehen aus wie Blüten. „Why?“ steht unter einer. „Done! If you’re lucky!“ Entwürfe wie für einen Roman.

Eigentlich erforscht sie Oberflächen. Sie erforscht Strukturen auf einer Oberfläche, und sie ist es gewohnt, das an einem Beispiel zu erklären: Angenommen, jemand stößt eine Kugel auf einem Billardtisch an. Sie trifft auf die Banden und rollt, „sagen wir, endlos weiter“. Wenn man jetzt die Wege sichtbar machen könnte, die die Kugel zurücklegt: Wäre der ganze Tisch dann voller Linien? Oder sähe man nur einzelne?

Als „hartnäckige“, „unerschütterliche“ Wissenschaftlerin beschreiben sie ihre Kollegen, ähnlich einer Jugendlichen, „ganz aufgeregt“ sei sie wegen „all der Mathematik um sie herum“. Sie selbst hofft, dass die Auszeichnung junge Wissenschaftlerinnen und Mathematikerinnen ermutigt. So könnte die Medaille ein schwieriges Problem der Mathematik lösen: Noch immer haben deutlich weniger Frauen einen Lehrstuhl für Mathematik inne als Männer. Und auch bei Stipendien und Preisen sind sie unterrepräsentiert. Manchmal hat das praktische Gründe. Bei der Fields-Medaille etwa sind Frauen strukturell klar benachteiligt: Das Höchstalter für Preisträger beträgt 40 Jahre. Was besonders für Mathematikerinnen, die auch Mutter sind, ein Problem darstellt.

Aber in anderen naturwissenschaftlichen Disziplinen sieht es ganz ähnlich aus. Die Nobelpreise für Chemie und Physik gingen in über 100 Jahren nur sechsmal an eine Frau. Zweimal davon allein an Marie Curie Anfang des 20. Jahrhunderts. Mit mangelnder naturwissenschaftlicher Begabung lässt sich das nicht erklären, sondern mit gesellschaftlichen Einflüssen. Lange Zeit war das Bild des Naturwissenschaftlers stark männlich geprägt, obgleich es schon seit der Antike eine Tradition wichtiger Mathematikerinnen gibt.

Sie sei sich sicher, dass auf ihrem Gebiet noch viele Frauen „bis an die Spitze“ kämen, sagte Maryam Mirzakhani, als ihr die Fields-Medaille überreicht wurde. Und vergaß dann, vor Aufregung, ihre Urkunde.

Annabelle Seubert, Jahrgang 1985, hat an der Berliner Universität der Künste Kulturjournalismus studiert und arbeitet seit 2011 bei der taz.