Thema – Nachhaltigkeit

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Ton, Steine, Scherben

Jetzt interessieren sich Archäologen schon für die frühen 80er. Bei Gorleben graben sie nach den Überresten der „Freien Republik Wendland“, einem Protestcamp von Atomkraftgegnern. Damit holen sie auch ein drängendes Thema wieder hervor

Republik Freies Wendland

Es ist heiß in diesem Mai, tief im Osten Niedersachsens, unweit der Grenze zur DDR. Das Camp, in dem ein paar hundert Menschen leben und wohin ein paar tausend am Wochenende zu Besuch kommen, ist provisorisch. Andererseits: Es bietet mehr, als man ursprünglich für möglich gehalten hatte. Das Freundschaftshaus steht, Küche, Krankenstation, Kirche ebenfalls; die meisten Schlafstätten auch, die Hütte der Einheimischen wird zwar nicht fertig, so lagert da eben Bier, auch gut. Manchmal gibt es Kabbeleien wegen der Arbeit im Gemüsegarten, die vielen Plena sind anstrengend – und, nicht zu vergessen, die Übungen, um für den Fall der Räumung gewappnet zu sein. Denn dies ist kein Hippie-Sommercamp, sondern die Republik Freies Wendland. Sie existiert 33 Tage, vom 3. Mai bis zum 4. Juni 1980, und ist eine der berühmtesten Protestaktionen in der Geschichte der Bundesrepublik.

Um zu protestieren, organisieren Menschen gern Straßen-Demos oder initiieren Hashtag-Kampagnen. Dem Anliegen wird kurz und intensiv Aufmerksamkeit gewidmet, dann verabschieden sich alle Teilnehmer wieder in ihren Alltag. Es sei denn, der Protest ist ihr Alltag, zumindest der Alltag im Ausnahmezustand. 1980 im Wendland war das so. Die Demonstranten errichteten das Hüttendorf auf einer geplanten Bohrstelle. Auf diese Weise wollten sie eine Tiefbohrung verhindern, mit der damals erkundet werden sollte, ob ein Salzstock nahe Gorleben ein geeignetes Endlager für Atommüll sein könnte.

Die Geschichte von Menschen erzählen, die Geschichte selbst in die Hand nahmen

37 Jahre später gräbt der Hamburger Archäologe Attila Dézsi die Überreste des Dorfes und damit auch seine Geschichte wieder aus. Im Herbst 2017 hat es eine erste Grabung gegeben, im Frühjahr wird eine zweite folgen. In der Zwischenzeit katalogisiert Dézsi Hunderte von Gegenständen, die er gefunden hat – lauter Hinterlassenschaften der Demonstranten und auch solche der Polizisten. Tausende Polizisten und Bundesgrenzschützer – über die genaue Zahl gehen die Schätzungen auseinander – stürmten am 4. Juni 1980 das Dorf, mit dem die Bohrstelle Nummer 1004 besetzt worden war. Die Republik Freies Wendland war fortan Geschichte.

Hüttendorf  (Foto: ullstein bild - Sven Simon)
Heute sehen so Abenteuerspielplätze aus, damals war es bitterer Ernst: Das Protestcamp auf dem Bohrplatz in Gorleben im Juni 1980 (Foto: ullstein bild - Sven Simon)
 

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Hüttendorf (Foto: ullstein bild - Glaser)
Erstmal einen Kaffee: 33 Tage lang wurde in der „Freien Republik Wendland“ protestiert, da kehrte dann auch Alltag ein (Foto: ullstein bild - Glaser)

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Plumpsklo  (Foto: imago / localpic)
Die einzigen Tiefenbohrungen, die gerade noch akzeptiert wurden, waren die Gruben der Plumpsklos (Foto: imago / localpic)

Das Problem, das die Atomkraftgegner umtrieb, ist bis heute ungelöst: Wohin mit dem Atommüll? Dass der Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen ist, ändert ja nichts daran, dass der Müll schon existiert und irgendwo bleiben muss. Dézsi geht es auch darum, dieses Thema wieder in den Fokus zu rücken. Er ist Wissenschaftler, aber durchaus parteiisch und möchte „die Geschichte von Menschen erzählen, die Geschichte selbst in die Hand nehmen“.

Was Dézsi und seine Mitarbeiter finden, nennen sie Artefakte, es sind so profane Dinge wie Coladosen und Töpfe; die Dosen werden eher der Polizei zugeordnet, die Töpfe den Demonstranten. So wahnsinnig überraschend ist das nicht, was da zutage gefördert wird. Gegenwartsarchäologie wird eben deshalb auch oft belächelt: Was hat man davon, eine 37 Jahre alte Brausedose zu finden? Doch die noch junge Wissenschaft hat einen Vorteil, den auch Dézsi schätzt und nutzt: Die Akteure leben noch. Dézsi kann ihnen mit seinen Funden Erinnerungsanstöße geben. Die Grabung von heute greift dabei eine Idee von damals auf: den Gemeinschaftsgedanken, „Community Archaeology“, nennt es Dézsi. Zeitzeugen und überhaupt Interessierte sind eingeladen, an der Arbeit teilzunehmen, Fragen zu stellen und zu beantworten.

Dézsi versucht beispielsweise, gemeinsam mit Zeitzeugen eine genaue Karte des Dorfes zu erstellen, denn trotz der zahlreichen Bilddokumente, sagt er, sei es schwierig, alle Hütten und Einrichtungen genau zu lokalisieren. Für die zweite Grabungsphase hofft er den exakten Standort des Frauenhauses bestimmen zu können.

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Ein Gasmaskenfilter, Scherben und ein Topf liegen am 16.11.2017 in Trebel (Niedersachsen) während einem Pressegespräch über seine Ausgrabungen der «Republik Freies Wendland» auf einem Tisch. (Foto: dpa / picture-alliance )
Ton, Steine, Scherben – und noch ein Gasmaskenfilter. Bei einem Pressegespräch im November 2017 wurden der Öffentlichkeit erste archäologische Fundstücke präsentiert (Foto: dpa / picture-alliance )

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Attila Dézsi (Foto: dpa / picture-alliance)
Er darf in Gorleben noch buddeln: der Hamburger Gegenwartsarchäologe Attila Dézsi (Foto: dpa / picture-alliance)
Ausgrabungen (Foto: Attila Dézsi)
Man fragt sich ja, wie das ganze Zeug eigentlich unter die Erde gekommen ist. Seit Herbst 2017 wird es jedenfalls wieder hervorgeholt – und damit auch ein Stück bundesrepublikanische Geschichte (Foto: Attila Dézsi), CC BY-SA 3.0

Mit einem anderen Teilprojekt stieß er schon auf unerwartete Komplikationen: Dézsi wollte anhand der Hinterlassenschaften zweier Hütten den Alltag der Bewohner vergleichen. Denn die Hütten wurden von regionalen Gruppen erbaut und bewohnt, hier die Hamburger, dort die Münchner und so weiter. Zu seinem Bedauern fand Dézsi jedoch in der Münchner Hütte Müll, den er Polizisten zuordnet, die ihn bei oder nach der Räumung hinterlassen haben müssen.

Politische Anliegen statt Protest-Romantik

Dézsis Forschung wird von der Universität Hamburg, der englischen „Society for Post-Medieval Archaeology“ und privaten Spendern ermöglicht. Zu ihnen gehört Rebecca Harms, heute Europaabgeordnete der Grünen, 1980 eine der Protagonistinnen der Besetzung. Harms spricht nicht von Republik oder Camp, sondern sagt „1004“. Es ist nicht Romantik, sondern das politische Anliegen, der Protest gegen die Atomenergie und ihre Folgen, was für sie zählt.

1980, das ist lange her, eine vordigitale Zeit. Social Media gab es nicht mal als Vision. Was es gab, war die Sehnsucht nach alternativen Lebensformen. Nicht für alle, gerade für die Bauern und Bürger, die bei den Protesten dabei waren und vor allem keinen Atommüll in ihrer Nähe wollten, eher weniger. Aber für viele andere umso mehr. Die Republik Freies Wendland bedeutete neben dem Protest gegen Atomenergie auch die Demonstration für etwas: „Die Idee vom anderen, vom guten Leben; nicht immer höher, immer weiter“, umschreibt es Harms. Es gab sogar einen eigenen Pass, in dem vermerkt war, er sei gültig, „solange sein Inhaber noch lachen kann“.

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Tag der Raeumung durch Polizei und Bundesgrenzschutz, Polizisten tragen Demonstranten aus dem Huettendorf (Foto: Michael Meyborg/laif)
Das Ende einer Republik: am 4. Juni 1980 wurde dem Protestcamp den Garaus gemacht – von Tausenden Polizisten und Bundesgrenzschützern (Foto: Michael Meyborg/laif)

Das physische Zusammensein samt der Besetzung eines Ortes ist auch in digitalen Zeiten eine symbolträchtige Form der Protestkultur, die in Erinnerung bleibt. Occupy Wall Street 2011 in New York oder das Flüchtlingscamp auf dem Berliner Oranienplatz ab 2012 oder der Euro-Maidan in Kiew ab 2013 zeigen es. So vielfältig die Motive und Ziele dieser Aktionen waren und so verschieden die Akteure selbst – immer geht es darum, eine Gemeinschaft zu bilden, die sich sozusagen als gallisches Dorf gegen Rom stellt. Und in der die Beteiligten sich auch miteinander auseinandersetzen müssen, ganz real.

Das Entstehen eines neuen Bürgers, der Verantwortung übernimmt

Heutige Protestformen wie #-Kampagnen im Netz sieht Harms im Vergleich skeptisch, sie empfindet sie als Kampagnen, „denen der Kern fehlt, anders als Ereignisse in der wirklichen Welt“.

Rebecca Harms reist seit Ende der 80er-Jahre regelmäßig in die Ukraine, anfangs ging es um die Katastrophe von Tschernobyl, später beschäftigten sie die Freiheitsbewegungen. Sie würde, sagt Harms, die Besetzung im Wendland nie mit den proeuropäischen Protesten auf dem Maidan in Kiew vor vier Jahren vergleichen. Allein schon, weil die Ukrainer viel mehr riskiert hätten. Was sie aber der mangelnden Vergleichbarkeit zum Trotz hier wie da ähnlich bewertet, sind die Nachwirkungen der aufsehenerregenden Besetzungen: In Kiew und im Wendland, sagt Harms, „gab es das Entstehen eines neuen Bürgers, der bereit ist, Verantwortung zu übernehmen.“

Titelbild: imago / localpic

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