Hätte der estnische Präsident nicht gerade ein Selfie von sich und dem riesigen Chor auf der muschelförmigen Treppenbühne gemacht, würde ich mich glatt ins 19. Jahrhundert zurückversetzt fühlen. Toomas Hendrik Ilves ist ebenso in eine traditionelle Tracht gehüllt wie die meisten der 22.000 Sänger und zahlreiche Besucher. Vor wenigen Minuten hat Ilves, umjubelt von 70.000 Zuschauern, das 26. Sänger- und Tanzfest „Laulupidu“ eröffnet.

Das Event am Rande der Hauptstadt Tallinn ist so ziemlich das Gegenteil von dem, wie ich Estland sonst so erlebe. Mit Vorliebe präsentiert sich der Staat als e-Estland: Skype wurde von Esten entwickelt, überall gibt es kostenlosen Zugang zum Internet, 90 Prozent der Bürger benutzen eine elektronische ID-Karte, und Parlamentswahlen werden auch online abgehalten. Vor rund 25 Jahren war dieser moderne EU-Staat mit seinen heute 1,3 Millionen Einwohnern noch eine kleine Sowjetrepublik, die sich ihre Freiheit singend erkämpfen musste.

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Früh übt sich: Mehr als 200 Schulchöre nehmen am Laulupidu teil (Fabian Weiß)
Früh übt sich: Mehr als 200 Schulchöre nehmen am Laulupidu teil (Fabian Weiß)

Doch genau hier, an der sanft abfallenden Sängerwiese, kamen im Sommer 1988 fast 300.000 Esten zusammen, um gemeinsam verbotene Lieder anzustimmen. Sie hätten dafür ins Gefängnis geschickt werden können, in jenen Tagen wagten die Esten mutig den Aufstand. Die friedlichen Proteste, die sich ein Jahr später über das gesamte Baltikum erstreckten, gingen als „Singende Revolution“ in die Geschichte ein. 1991 erlangte das Land seine Unabhängigkeit.

Und so ist das dreitägige Laulupidu, bei dem in diesem Juli gut 33.000 Sänger und 10.000 Tänzer auftreten, weit mehr als nur eine gigantische Kulturveranstaltung. Laut einer Studie nimmt jeder zweite Este im Laufe seines Lebens mindestens einmal an diesem Fest teil. Es ist ein identitätsstiftendes Wochenende für das ganze Volk.

Dabei bezeichnen sich die Esten eigentlich als Individualisten, die nur selten ihre Emotionen zeigen. Beim Laulupidu sind sie anders. „Schau in die Gesichter der Menschen“, hatten mir einige Freunde vorher gesagt. Schon beim Eröffnungslied „Koit“ („Dämmerung“) sehe ich Jugendliche, gestandene Männer und Frauen mit Tränen in den Augen. Im Text heißt es poetisch:

Auf den Bergspitzen
schimmert die Dämmerung.
Die Fackel unserer Hoffnungen 
steige in den Himmel.

In einer Art singendem Geschichtsunterricht präsentieren die wechselnden Formationen von Kinder-, Jugend- und Erwachsenenchören an jenem Samstag die Werke früherer Feste. Neben staatstragenden Melodien erklingen auch fröhlichere Songs. Währenddessen schwenken Tausende Esten ihre blau-schwarz-weißen Flaggen.

Massenaufläufe, bei denen Menschen patriotische Lieder singen und Flagge zeigen, sind mir normalerweise suspekt. In meiner Generation, ich bin ein Kind der 70er-Jahre, waren der Zweite Weltkrieg und die Schuld der Deutschen zeitlebens präsent. Auch heute noch würde ich mir nie eine Flagge kaufen, selbst wenn es im Rahmen der Fußball-WM-Euphorie immer mehr Deutsche tun.

Doch weiß ich natürlich, dass Estland eine andere Geschichte hat – und der Patriotismus entspannter ist, als wir ihn kennen. Zusätzlich beruhigen mich die Worte einer anwesenden Estin: „Wir sind so ein kleines Volk, wir könnten sowieso niemanden erobern oder überfallen.“ Jahrhundertelang war die kleine Nation fremdbestimmt. Auch im Jahr 1869, als das Laulupidu zum ersten Mal stattfand; damals noch in der Universitätsstadt Tartu und als Teil des russischen Zarenreiches.

Die Angst vor der Unterdrückung

„Unsere Vorfahren träumten davon, eine unabhängige Nation zu sein und dass der Schulunterricht in ihrer Muttersprache stattfindet“, erklärt Dirigent Aarne Saluveer am Sonntagmorgen. „Es war damals ein verrückter Traum.“ Heute ist er Realität. Sogar die eingeladenen internationalen Chöre aus Russland, der Ukraine, den USA und Deutschland singen auf Estnisch.

Früher war Saluveer in seiner Heimat ein Rockstar, er trat unter anderem mit Michael Jackson auf. Seit vielen Jahren dirigiert der 55-Jährige Kinderchöre. Mitten im Gespräch lächelt er im Getümmel einem Mann zu, der ihm zuwinkt. „Das war unser Premierminister mit seiner Familie“, sagt Saluveer. Sein Auftritt naht, er verabschiedet sich für den Moment.

Fast 7.500 Mädchen und Jungen von rund zweihundert verschiedenen Schulchören stehen kurz darauf vor ihm auf der Muschelbühne. Hinter dem Dirigenten sitzt ein Teil der Nation samt Premier und Präsident. Alle Augen sind jetzt auf Saluveer gerichtet. Souverän führt er die Kinder durch die Lieder.

Eines heißt „Minu isamaa“ („Mein Vaterland“), ein Song mit Funk-Elementen. Da ich vorher bei einigen Proben dabei war, kenne ich die Melodie gut und summe unbewusst mit. Damals trugen die Kinder Jeans, T-Shirt, Sneakers und hörten in den Pausen Kate Perry. Jetzt präsentieren sie ihre verzierten Wollkleider oder schicken Anzüge und singen:

Mein Vaterland, mein Vaterland, 
du bist so schön 
und so hässlich zugleich …

„Minu isamaa“ ist einer von insgesamt 17 neuen Titeln bei diesem Laulupidu. In einer Kampagne konnten die estnischen Bürger vorschlagen, was sie für schön oder hässlich halten. So singen die Kinder nun von Bären im Wald, Elchen im Schatten, aber auch von kaputten Häusern und Wäldern voller Müll.

Aarne Saluveer hat einen fünfjährigen Enkel. Er wird in einer freien Gesellschaft aufwachsen, anders als Saluveer selbst. „Es ist ein bisschen wie bei Star Wars“, sagt er. „Was macht man aus seinem Leben? Welchen Weg schlägt man ein? Entscheidet man sich für das Gute oder das Böse?“ Jeder müsse seinen eigenen Platz finden.

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Blau, Weiß und Schwarz: Der estnische Patriotismus ist entspannter als in vielen anderen Ländern (Fabian Weiß)
Blau, Weiß und Schwarz: Der estnische Patriotismus ist entspannter als in vielen anderen Ländern (Fabian Weiß)

Die dunkle Macht in der estnischen Galaxie war einst die Sowjetunion. Der Osten liegt nicht nur geografisch nah, bis heute ist ein Viertel der Bevölkerung russischstämmig. Die Angst vor der Unterdrückung durch Russland sitzt tief, besonders seit der Krim-Krise. Das Motto des diesjährigen Sängerfestes klingt daher so doppeldeutig wie einst die Protestsongs: „Touched by time – The time to touch“. Manche Esten sagten im Vorfeld scherzhaft, dass sie schon mal für die nächste Singende Revolution üben. Am Ende des Wochenendes aber auch: Wer zusammen singt, der bekriegt sich nicht.

„Die Unabhängigkeit ist uns Esten am wichtigsten“, sagt Aarne Saluveer. „Das Laulupidu ist ein rituelles Gefühl und eine emotionale Therapie.“

Alva Gehrmann ist freie Journalistin aus Berlin, sie berichtet viel über Nordeuropa und schrieb unter anderem das Buch „Alles ganz Isi – Isländische Lebenskunst für Anfänger und Fortgeschrittene“ (dtv). Bei der Arbeit an dieser Reportage hatte sie die ganze Zeit die Melodie von „Minu isamaa“ im Kopf. 

Fabian Weiß lebt als freier Fotograf in Estland und Deutschland und erforscht in seinen fotografischen Arbeiten die kulturellen Veränderungen unserer Zeit. Sein 2013 erschienener Fotoband „Wolfskinder“ dokumentiert das Leben von Teenagern im Jugendhilfesystem. Er hat auch das Video zu diesem Beitrag produziert.