In der Nacht des 9. November 2011 ist der „Staatsfeind Nr. 1“ fällig. Versteckt im Kofferraum des schwarzen Toyota Corolla seiner drei Anwälte rumpelt Antônio Francisco Bonfim Lopes mehrere unbequeme Stunden die unwegsamen Straßen der Favelas von Rio de Janeiro entlang, anscheinend um aus der Stadt zu fliehen. Doch der Wagen wird gestoppt, Lopes verhaftet. Die Polizeieinheiten streiten darüber, was mit dem geschnappten Kokainpaten als Nächstes geschehen soll. Derweil kreisen TV-Hubschrauber über dem Tatort.

Die Verhaftung von Lopes, genannt „Nem“, muss der reinste Krimi gewesen sein. Zumindest liest es sich so in „Der König der Favelas“. Misha Glenny, 1958 in London geboren, Autor mehrerer Sachbücher und Experte für das organisierte Verbrechen, hat ein Faible für dichte, detailreiche Reportagen. Es ist nicht nur ein Buch über den Aufstieg des ungewöhnlichen Verbrechers, sondern auch über das Leben in den Favelas der 6,5-Millionen-Einwohner-Stadt und die brutale Machtkultur eines engmaschigen und von Korruption durchzogenen Netzes, „zu dem Politiker, Drogenhändler, Anwälte, evangelikale Priester und nicht zuletzt die Polizei gehören“. Glenny hat zwei Jahre lang recherchiert. Er lernte Portugiesisch, lebte in der Favela, traf Polizisten und Politiker, Nems Freunde und Verwandte, ehemalige Bandenmitglieder und Konkurrenten.

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Antonio Bonfim Lopes wird verhaftet  (Foto: Marcelo Sayao / dpa)
Die Verhaftung von Lopes, genannt „Nem“: Laut Misha Glenny in „Der König der Favelas“ muss sie der reinste Krimi gewesen sein (Foto: Marcelo Sayao / dpa)

Viel Zeit verbrachte Glenny im Hochsicherheitsgefängnis von Campo Grande. Insgesamt 28 Stunden sprach er dort mit dem ehemals „meistgesuchten Verbrecher Rio de Janeiros“, dem Mann, den die Medien „zuvor immer wieder als skrupellosen Killer dargestellt“ hatten. Was Glenny nach zahlreichen Unterhaltungen mit dem 39-jährigen Ex-Don der – auf 120.000 Einwohner geschätzten – größten Favela Rio de Janeiros, Rocinha, nicht einleuchten will. Ist Glenny dem höflichen, überaus auskunftsfreudigen Nem auf den Leim gegangen? Gut möglich. Vielschichtiger als die schlichte mediale Erzählung von Nem als gedungenem Mörder, der in seiner fünfjährigen Amtszeit als Drogenboss „das Leben unzähliger junger Menschen ruiniert“ haben soll, ist sein Buch aber allemal.

Eineinhalb Jahre sind normal – aber fünf? Nems Herrschaftsdauer irritiert Glenny, er möchte wissen, wie er sich so lange halten konnte. Weniger seltsam als die lange „Amtszeit“ des Drogenbosses findet der frühere BBC-Korrespondent Nems telenovelaartige Initiationsgeschichte: Demnach war er bis zu seinem Einstieg ins Drogengeschäft ein treu sorgender Familienvater mit ehrlichem Job. Kurz nach der Geburt erkrankte Töchterchen Eduarda schwer an einer seltenen Krankheit. Die Behandlung war ruinös teuer, Nem suchte den örtlichen Drogenboss auf und bat ihn um finanzielle Hilfe. Eine Hand wäscht die andere: Die Hilfe wurde gewährt, Nem bot seine Dienste an. Da war er 24.

Die Polizisten des zuständigen Reviers der „Policia Militar“ lässt er großzügig bezahlen

Dank seiner unternehmerischen Intelligenz steigt Nem in „Amigos dos Amigos“, der größten Verbrecherorganisation Brasiliens, rasch auf. Als Boss, fünf Jahre später, ist er äußerst wachsam und besonnen in seinen Entscheidungen. Er schätzt den Ausgleich konkurrierender Interessen, meidet Kriege mit anderen Kartellen. Die Polizisten des zuständigen Reviers der „Policia Militar“ lässt er großzügig bezahlen, schließlich soll Rocinha der wichtigste Umschlagplatz für Kokain bleiben. Hinzu kommt, dass er die soziale Rolle, die nicht wenigen Kartellbossen in den von der offiziellen Politik mitunter im Stich gelassenen Favelas zukommt, sehr geschickt ausfüllt: Er kümmert sich um die Einwohner, versorgt sie mit Lebensmitteln, Medikamenten und Darlehen.

Nem reduziert die Mordrate seines Viertels drastisch, er gilt dort als einer, „der hier in Rocinha für Ruhe und Frieden sorgt“. Glenny bezeichnet Nem als Präsidenten, Premierminister und mächtigsten Geschäftsmann in Personalunion. Seine soziale Bedeutung und politische Macht sind ungewöhnlich groß. Dass „Nem da Rocinha“ mit seiner 120 Köpfe starken Armee mordet, wenn es seiner Organisation dient, dass er Gewalt gegenüber seinen Partnerinnen für angemessen hält, nur eben nicht in der Öffentlichkeit, geht in Glennys biografischer Erzählung ein wenig unter.

Politischen Tiefgang bekommt „Der König der Favelas“ durch journalistische Analyse: Glenny hat die mit dem schweren Erbe der Kolonialzeit Portugals verwobene Geschichte Rios und damit auch die Geschichte der Favelas im Blick: Die ersten dieser Siedlungen entstanden vor über 100 Jahren am Stadtrand. Es waren die Wohnorte von früheren Sklaven, notdürftige Behausungen von Menschen ohne Land, Eigentum und Aussicht auf reguläre Arbeit. Laut Zensus der brasilianischen Statistikbehörde wohnten 2010 1,4 Millionen Menschen in einer der 763 Favelas von Rio de Janeiro. Heute lebt ungefähr jeder fünfte Einwohner der Stadt in so einem Armenviertel.

„Es wächst die Furcht, dass da was während der Spiele passieren wird – was Schlimmes“

Der Autor beschreibt nicht nur die Funktionsweise des lokalen Drogenhandels, er skizziert auch die Drogengeschichte der Stadt: „1984 begann es in Rio zu schneien, und seitdem hat es nicht mehr aufgehört.“ Von Rio aus verschickt, landeten die Drogen alsbald in den USA und Europa, Gewehre und Pistolen von amerikanischen Waffenhändlern kamen dafür nach Rio. Die Wellen der Gewalt, die seither über Rio schwappen, sind noch nicht abgeebbt. Politik, Militär und Polizei verdienen am Drogenhandel bestens mit. Von letzterer geht besonders für die Bewohner der Favelas manchmal sogar eine höhere Gefahr aus als von den ansässigen Drogenkartellen und Gangs. „Die Polizei in Rio ist dein Feind“, sagt man in den Favelas.

Augenfällig bewies sie dies im Zuge der Vergabe der Olympischen Sommerspiele im Jahr 2009 und anlässlich der Fußball-WM 2014. Seither ist die Polizei dabei, die Kriminalität in den Favelas gewaltsam einzudämmen, führt verstärkt Drogenrazzien durch, vertreibt die Bewohner. Im Namen der Sicherheit. Doch seit sich das Land in einer Staats- und Wirtschaftskrise befindet, scheint selbst diese Sicherheit auf dem Spiel zu stehen. „Es gibt eine große Besorgnis, dass jetzt die Sicherheitsmaßnahmen gekürzt werden müssen“, erzählte Glenny dem Radiosender Bayern 2. Eine schwankende Atmosphäre herrsche in der Stadt, „als würde etwas zusammenbrechen in nächster Zeit. Es wächst die Furcht, dass da was während der Spiele passieren wird – was Schlimmes.“

Und der Don? Fünf Jahre Herrschaft in Rocinha haben Nem „amtsmüde“ gemacht. Bis heute ist nicht sicher, ob er sich freiwillig an die Justiz auslieferte, da er zuletzt verstärkt um sein Leben fürchtete, oder ob er gegen seinen Willen geschnappt wurde. Jedenfalls sitzt er jetzt im Gefängnis und geht hart auf die 40 zu. Glenny schreibt: „Ganz offensichtlich hat er Geld beiseitegeschafft, denn er versorgt alle sieben Nachkommen.“

 

Misha Glenny: „Der König der Favelas. Brasilien zwischen Koks, Killern und Korruption“. Tropen, 2016, 424 Seiten, 22,95 Euro

Titelbild: Thomas Lekfeldt/VU/laif