„Sitzt, passt, wackelt und hat Luft!“, sagt der Handwerker gerne, wenn seine Arbeit normalen Ansprüchen genügt. Je komplexer aber die Zusammenhänge sind, desto untauglicher erscheint das Motto. Da hakt, klemmt oder drückt es immer irgendwo. Und irgendwann wird der Leidensdruck an einer Stelle so groß, dass sich die Dinge womöglich selbst ändern und ins Rutschen geraten. Bevor das geschieht, nehmen die Verantwortlichen die Sache lieber in die eigenen Hände. Dann wird reformiert.

Damit ist die Reform die etwas spießige Schwester der Revolution

Eine Reform will bestehende Verhältnisse in Politik oder Gesellschaft auf geordnetem Wege umgestalten und erneuern, von oben. Damit ist sie die etwas spießige Schwester der Revolution, die das Bestehende in eruptiver Bewegung von unten zugunsten von etwas Neuem komplett zerschlagen will. Da nehmen viele lieber die Reform, die von sich behauptet, mit der Evolution unter einer Decke zu stecken. Stetiger Wandel als dauernde Anpassung an eine sich ebenfalls wandelnde Welt und deren Anforderungen.  

Der Drang zur Veränderung 2

Trampelfad aus der Vogelperspektive
Allein mit diesem Trampelpfad, den Passanten ausgetreten haben, kann man 38 Meter Wegstrecke einsparen. Vielleicht wird hier ja irgendwann ein offizieller Gehweg angelegt (Foto: Jan Dirk van der Burg)
 

Anhand ihrer Fähigkeit zur Veränderung zeigt eine Gesellschaft, wie beständig sie sein kann. Reformen sind so alt wie die Politik selbst. Die Weltgeschichte ist gerade an ihren wichtigsten Meilensteinen gepflastert mit Reformen. Erst mit der Heeresreform des Marius schuf sich Rom die Armee, mit der es die Welt erobern sollte. Mit seiner „Agenda 1517“ reformierte Luther die katholische Kirche. Ohne die preußischen Reformen kein deutscher Nationalstaat, ohne die Meji-Restauration kein modernes Japan. Umgekehrt hat keinen Bestand, was sich nicht schnell und konsequent genug anpasst – vom chinesischen Kaiser bis zur Sowjetunion.

Reform als ein permanentes Ritual, mit Wartungsarbeiten an einem Server oder der persönlichen Körperpflege

In unseren Zeiten beschleunigten gesellschaftlichen Wandels ist die Reform ein permanentes Ritual, vergleichbar mit Wartungsarbeiten an einem Server oder der persönlichen Körperpflege. Hin und wieder muss eben gejoggt und geduscht werden, damit es nicht zu muffeln beginnt – damit wir alle „fit“ bleiben für kommende Herausforderungen.

Der Drang nach Veränderung 3

Passant auf eine Trampelpfad neben einem Gehweg
Gar nicht so abwegig: Manchmal wandeln sich die Gewohnheiten der Menschen und die Politik muss sich dann nachträglich daran anpassen (Foto: Jan Dirk van der Burg)
 

Manchmal kann sich die Politik nicht entscheiden, was sie zuerst machen soll. Joggen oder duschen? Infrastruktur, Steuer, Gesundheits- oder Bildungswesen? In diesem Fall kommt es zum „Reformstau“ und die Gesellschaft verliert schlimmstenfalls ihre „Zukunftsfähigkeit“. Dann muss, wie es mal ein Bundespräsident forderte, ein „Ruck“ gehen durchs Land. Gerade in Deutschland, das an revolutionären Erfahrungen nicht eben reich ist, gilt die Reform beinahe als ein bürokratisches Wunderwerkzeug. 

Manchmal kann sich die Politik nicht entscheiden, was sie zuerst machen soll. Joggen oder Duschen?

Zu den Problemen, die Reformen lösen sollen, zählt strukturell, dass die Lenkung ausdifferenzierter Gesellschaften naturgemäß eine komplexe Angelegenheit ist. Das Versprechen, etwas so Kompliziertes wie eine Steuererklärung nach einer entsprechenden Reform „auf einem Bierdeckel“ erledigen zu können, kommt da schon einem Heilsversprechen gleich. 

Es muss sich was ändern 4

Trampelpfad, der sich neben einer Tankstelle für Fußgänger gebildet hat
Hier lassen sich laut dem Fotografen 22,5 Meter einsparen. Aber das ist eigentlich nur interessant für Leute, die mit dem Reservekanister in der Hand unterwegs sind (Foto: Jan Dirk van der Burg)

Dabei werden in der Öffentlichkeit die meisten Reformen schon zerpflückt, während ameisengleiche Technokraten noch damit beschäftigt sind, sie „anzudenken“ und dann „anzuschieben“. Es ist kompliziert. Jeder Autofahrer wünscht sich breite und schlaglochfreie Straßen, kein Autofahrer wünscht sich Wanderbaustellen. So verhält es sich auch mit der Reform, die gar nicht „zupackend“ genug sein kann – solange ich nicht darunter zu leiden habe. Im Fahrwasser jeder Reform schwimmt also die Klage darüber. Während aber die Revolution ihre Gegner oft kurzerhand unter die Guillotine legt, wirbt die Reform um einen möglichst „breiten Konsens der Bevölkerung“. Zugleich lässt sie ihren Gegnern die Möglichkeit, bei nächster Gelegenheit die Reform zu reformieren. Derzeit möchte sogar die SPD, auf deren Initiative die „Agenda 2010“ ins Werk gesetzt wurde, diese letzte wirklich durchgreifende Reform stückweise wieder rückgängig machen.Gerade in der Demokratie ist Veränderung eben Verhandlungssache, weshalb kaum eine Reform jemals so umgesetzt wurde, wie sie geplant war.

 Zumal hinter der nächsten Ecke schon weitere Reformen darauf warten, „angepackt“ zu werden. Aus dem Unfertigen resultiert der Eindruck einer permanenten Krise, die aber – keine Sorge! – zur Betriebstemperatur einer reformfähigen Gesellschaft gehört. Für den Moment gilt: Es sitzt, passt, wackelt und hat Luft.