Als Benjamin seiner Mutter erklärt, er könne aus religiösen Gründen nicht mehr in die Schule gehen, hält sie das für die Trotzreaktion eines pubertierenden Teenagers. Ihm aber ist es verdammt ernst: Beim Schwimmen tragen die Mädchen knappe Bikinis, die Biologielehrerin erklärt mit Möhren und Kondomen die Verhütung. Davon ist in der Bibel nicht die Rede. Auf die Proteste der Mutter antwortet er mit Bibelzitaten, deren Quellen kurz im Bild eingeblendet werden.

Es gibt eine Menge solcher Einblendungen in Kirill Serebrennikovs „Der die Zeichen liest“. Ein Großteil der Dialoge besteht aus Bibelversen, die sich die Protagonisten pausenlos an den Kopf werfen. Genauer gesagt wird die meiste Zeit nur hysterisch gebrüllt. Benjamin stört die Ordnung des Schulsystems mit der Intensität eines Slam-Poetry-Battles. Er traktiert Lehrerschaft und Mitschüler mit Sprüchen aus dem Alten Testament, rebelliert im Affenkostüm gegen die Lehren Darwins und fordert den Religionslehrer, der in ihm anfangs noch einen Verbündeten sieht, zum Kräftemessen heraus.

 

der die zeichen liest

Der die Zeichen liest  (Foto: Neue Visionen Filmverleih)
Biologielehrerin Elena ist die Einzige, die mit ihrem rational-wissenschaftlichen Weltbild gegen Benjamins Glaubenskrieg hält (Foto: Neue Visionen Filmverleih)

Warum Benjamin den Weg des religiösen Fundamentalismus einschlägt, lässt „Der die Zeichen liest“, der auf dem Theaterstück „Märtyrer” von Marius von Mayenburg basiert, bis zum Schluss offen. Um eine konkrete Religionskritik geht es Serebrennikov nicht, sein Film zeigt vielmehr die grotesken und gefährlichen Auswirkungen von extremer Religiosität.

Der Gotteskrieger krempelt die ganze Schule um

Unter Wladimir Putin nahm der Einfluss der orthodoxen Kirche in Russland massiv zu, auf dem Lehrplan der Schulen steht heute das Pflichtfach „Grundlagen der orthodoxen Kultur“. Es ist also ein deutlicher Kommentar, wenn im Lehrerzimmer der Blick kurz auf ein Porträt Putins im Hintergrund fällt. Auch wenn sich der „Glaubenskrieg“ in „Der die Zeichen liest“ auf die Schule beschränkt, ist die staatliche Autorität stets gegenwärtig. Die Pointe des Films besteht darin, dass Benjamins aggressive Interventionen statt Disziplinierungsmaßnahmen einen Gesinnungswandel auslösen.

Um den Hausfrieden zu wahren, geht die Direktorin – gegen die Überzeugung der Biologielehrerin Elena – auf die Forderungen des aufsässigen Schülers ein. Bikinis werden verboten, im Biologieunterricht stehen kreationistische Positionen plötzlich gleichberechtigt neben evolutionstheoretischen. Benjamin wird langsam zur charismatischen Führerfigur. Besonders Lidia, die dessen neues „Bad boy“-Image reizt, und der hinkende Grigoriy, den Benjamin als seinen Jünger auserkoren hat, entwickeln eine seltsame Fixierung auf den zunehmend wahnhaften Teenager. Glaube soll wieder wehtun, für ihn müsse man bis zum Äußersten zu gehen bereit sein. „Warum gibt es bei uns keine Gotteskrieger?”, fragt Benjamin den Religionslehrer. Spätestens als er ein schweres Holzkreuz ins Klassenzimmer hievt, ist klar, dass er sich für diese Rolle berufen fühlt. Seine Biologielehrerin, die an rational-wissenschaftlichen Grundsätzen festhält, stellt sich als Einzige dem neuen Regime an der Schule entgegen.

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Der die Zeichen liest  (Foto: Neue Visionen Filmverleih)
In Grigoriy findet Benjamin einen Jünger (Foto: Neue Visionen Filmverleih)

Serebrennikov trifft mit „Der die Zeichen liest” den richtigen Tonfall zwischen Satire und Farce. Subtil geht er dabei nur selten vor, der Originaltitel „(M)uchenik“ zum Beispiel ist ein Wortspiel aus Schüler und Märtyrer. Die meiste Zeit betreibt Serebrennikov selbst eine Art Intervention am Zuschauer. Die Dialoge, die Hysterie: Ständig fühlt man sich vom Film angeschrien. Für eine tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Phänomen Fundamentalismus – Serebrennikovs unmissverständliche Warnung, dass man in Russland nicht nur den Islam im Auge behalten sollte – legt es „Der die Zeichen liest“ vielleicht ein wenig zu selbstbewusst auf eine Eskalation an. Der Dauerkrawall setzt zwar erstaunliche Energien frei, die der Regisseur jedoch stärker kanalisieren müsste. So verpufft die satirische Wirkung im permanenten Alarmmodus der Inszenierung.

Andererseits: Vielleicht ist ein Film über Religionskrieger, der körperliches Unwohlsein bereitet, momentan genau der richtige Ansatz.

„Der die Zeichen liest“. Regie: Kirill Serebrennikov. Mit Petr Skvortsov, Yuliya Aug, Aleksandr Gorchilin. Russland 2016, 118 Minuten