Niemand drängt Abdirahman mehr zu einer Traumatherapie. Nicht die Psychologen der Flüchtlingsunterkunft, nicht sein Vormund vom Jugendamt, nicht sein ehrenamtlicher Pate. In ein paar Wochen wird der somalische 
Jugendliche volljährig. Seine wahnwitzige Fluchtgeschichte will Abdirahman nicht aufarbeiten: die Verstümmelung seiner Hand, die Schwarzarbeit in Äthiopien, die Prügel im libyschen Gefängnis. Er scheint darüber hinwegzulächeln. Es ist seine zweite Flucht.

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Terrorgruppe: Al-Shabaab-Milizionäre marschieren 2011 in einem Vorort der somalischen Hauptstadt Mogadischu auf. (Foto: picture-alliance/AP Photo)
Terrorgruppe: Al-Shabaab-Milizionäre marschieren 2011 in einem Vorort der somalischen Hauptstadt Mogadischu auf. (Foto: picture-alliance/AP Photo)

Abdirahman ist vor zwei Jahren in Deutschland angekommen. In einer Flüchtlingsunterkunft im Münchner Westen, in der er bis vor kurzem gewohnt hat, ist er der jüngste und schmächtigste Bewohner. Und der wissbegierigste unter den zehn Jugendlichen, sagen seine Betreuer. Das sagt auch Felix, der Deutsche, der Abdi am besten kennt: „Ich habe ihm ein Wörterbuch geschenkt und gesagt: Jeden Tag lernst du zehn neue Wörter. Das hat er dann auch gemacht.“

Felix ist Abdirahmans Pate. Seit mehr als einem Jahr treffen sie sich regelmäßig. Sie gehen zusammen zum Arzt, oder Felix erklärt ihm das Asylrecht. Felix mag die Disziplin des Jugendlichen. Jeder Nachmittag ist penibel strukturiert: 60 Minuten Zeit für Facebook & Co., 120 Minuten für Hausaufgaben und Deutschlernen. Abends noch mal eine Stunde für Mathematikaufgaben. „Mit 17 hatte ich noch keinen Arbeitsplan“, sagt Felix.

Felix, 28 Jahre, schreibt gerade an seiner Diplomarbeit an der Hochschule für Politik München. Das Thema: „Der Universalitätsanspruch von Asyl als Menschenrecht“. Als vor zwei Jahren Münchner Flüchtlinge am Rindermarkt in einen Hungerstreik treten, um als politisch Verfolgte anerkannt zu werden und gegen die Residenzpflicht zu protestieren, sieht Felix „linke Spinner“ am Werk. Autonome Gruppen, denen es weniger um die Not der Asylsuchenden ging als um ihre Sichtbarkeit im Protest gegen den Staat. Er fragt sich: Wie kann ich wirklich helfen?

Der „Pate“, ein Politikstudent, hilft ihm wie ein großer Bruder

Er fasst den Entschluss, einem minderjährigen Flüchtling im deutschen Alltag zur Seite zu stehen. Er wendet sich an einen Psychologen des Bayerischen Flüchtlingsrates, der ehrenamtliche Betreuer für minderjährige Flüchtlinge sucht. Das Jugendamt ist mit der wachsenden Zahl unbegleiteter Flüchtlinge überfordert. Ein Amtsvormund muss bis zu 50 Minderjährige gleichzeitig betreuen. Als ihm sein Vormund nicht zum Geburtstag gratuliert, weint Abdi.

Wenn sich der Pate und sein „Patenkind“ treffen, gehen sie spazieren, kochen zusammen. Oft unterhalten sie sich einfach nur, über Mode, Fußball, die coolsten Apps. Es ist eine ungewöhnliche Freundschaft, genährt von der Motivation des einen, dem anderen in seiner neuen Heimat zu helfen; herausgefordert von der Ungeduld des anderen, schnell all das zu erreichen, was der eine von Geburt an hat: ein Leben in Freiheit und die Aussicht auf eine erfüllende Arbeit. Manchmal trennt sie der Gefühlssturm im Kopf des Flüchtlings, den der Deutsche nur erahnen kann: die Ungewissheit eines Asylsuchenden, die Bedürfnisse eines Halbwaisen, die Getriebenheit eines Traumatisierten.

Wenn Abdi spricht, streichelt seine rechte Hand über den Stumpen an seinem linken Handgelenk, von dem nur ein Finger absteht. Fünf Jahre liegt die grausame Tat zurück. Somalische Al-Shabaab-Milizen hacken Abdirahman mit einem Beil vier Finger ab, weil sie seinen älteren Bruder nicht zu Hause antreffen. Den Vater erschießen sie. Freunde der Familie bringen den verletzten Jungen nach Äthiopien, bezahlen dort einen Arzt, der die Wunde versorgt, und verschwinden. Sie lassen einen 13-Jährigen mit nur sechs Fingern, ohne Geld und Pass in einem fremden Land zurück. Es ist der Beginn einer Odyssee, die irgendwann am Hauptbahnhof München endet. Wie lange sie dauert, kann Abdi nicht rekonstruieren. Anderthalb Jahre? Zwei? Der Jugendliche zuckt mit den Achseln.

Fußmarsch durch die Sahara, Überfahrt nach Lampedusa

Das erste Mal, als Felix ihn in der Unterkunft im Münchner Westen besucht, reicht eine Weltkarte, um sich zu verständigen. Mit den Fingern der gesunden Hand fährt Abdi seine Fluchtroute nach, von Somalia bis nach Deutschland. Der Fußmarsch durch die Sahara, die Flucht aus dem libyschen Gefängnis, die Überfahrt nach Lampedusa. Krass, denkt der Student damals. Nachts liegt er wach, traurig, erschlagen. Aber auch erfüllt.

„Felix ist wie mein großer Bruder“, sagt Abdi. Der Deutsche ersetzt ein bisschen die Familie, die Abdi nicht mehr hat. Von seinem Bruder in Somalia fehlt seit einiger Zeit jede Spur. Wenn Abdi von seinen Träumen erzählt, hört Felix aufmerksam zu, nickt zustimmend, wenn der Somalier einen Satz korrekt zu Ende gesprochen hat, kommt ihm zu Hilfe, wenn ihm ein Wort entfallen ist. Immer wieder fragt er sein Patenkind auch nach seiner Zukunft. „Ich will Mathematiklehrer werden“, sagt er. „Ich verstehe alles von Mathematik.“ Doch Abdi wird Geduld brauchen. „Ich glaube, Abdi hat noch nicht begriffen, wie viel Zeit er noch in Schule und Studium investieren muss“, sagt Felix.

Gerade macht Abdi seinen Abschluss der Mittelschule. Wenn er die Prüfungen besteht, hat er einen Ausbildungsplatz zum Fachpraktiker für Bürokommunikation in der Bayerischen Landesschule für Körperbehinderte sicher. Organisiert hat ihm das sein Schulbetreuer: „Ich habe etwas gesucht, was Abdi mit seinem Handicap machen kann. Und Abdi war für alles offen.“

Abdi ist einer der Klassenbesten. Die Münchner Volkshochschule bereitet jedes Jahr 40 minderjährige Flüchtlinge auf den Berufseinstieg vor. Im vergangenen Jahr haben 33 einen Ausbildungsplatz erhalten oder sind in weiterführende Bildungsgänge vermittelt worden. Abdis Betreuer beschreibt den Jugendlichen als eifrig, freundlich, ruhig. Dass der Jugendliche Albträume hat, manchmal starke Kopfschmerzen, weiß der Pädagoge nur von den Betreuern der Gruppenunterkunft. „Wie ich Abdi in der Schule erlebe, kann ich mir das überhaupt nicht vorstellen.“

Trotz Trauma – eine Therapie will er nicht machen

Warum macht Abdi keine Psychotherapie, um seine traumatischen Erlebnisse aufzuarbeiten? Das versteht weder sein Schulbetreuer noch sein Pate: „Er drückt die Flucht einfach weg“, sagt Felix. Die Betreuer der Gruppenunterkunft haben bis zuletzt gehofft, dass sein Freund ihn von einer Therapie überzeugen kann. Seit ein paar Wochen wohnt Abdi allein, in einem Seitentrakt einer anderen Flüchtlingsunterkunft. Sein Pate hat ihm beim Umzug geholfen. Gemeinsam haben sie die Möbel zusammengeschraubt. Im Juli wird Abdi 18. Zwar können auch Minderjährige 
nicht zur Therapie verpflichtet werden. „Doch jetzt ist das endgültig seine Entscheidung“, 
stellt Felix fest.

Abdi will nicht zurückschauen. Er fühlt sich wohl in Deutschland. Er sagt: „Ich bin hier ein zweites Mal geboren.“ Nur mit seiner Mutter hält er Kontakt. Es ist die einzige Verbindung zu seinem früheren Leben. Einmal erreicht er sie über Wochen nicht am Telefon. Der Jugendliche ist wie ausgewechselt.

Vor seiner Anhörung vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, das den Asylanspruch der Schutzsuchenden prüft, fürchtet sich Abdirahman. Er hat Angst, die Beamten könnten seine Erlebnisse anzweifeln. Die Anhörung will er schnellstmöglich hinter sich bringen. Abdirahmans Blick ist nach vorne gerichtet.

Wird Abdirahman zum Fachpraktiker für Bürokommunikation ausgebildet, wäre seine Angst für die kommenden Jahre genommen. Doch eine Garantie für einen positiven Asylbescheid und eine Anerkennung als Schutzberechtigter ist das keineswegs. Solange sein Verfahren läuft, gilt er als ein „UMF“, ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling, und Bewerber um politisches Asyl. „Abdi wird bei seiner Geschichte wahrscheinlich nie nach Somalia zurückgeschickt werden“, vermutet sein Pate Felix, „aber solange er kein anerkannter Flüchtling ist, muss er mit dieser ätzenden Unsicherheit leben.“

Foto: picture-alliance/AP Photo