Die Wolken hängen tief an diesem Februarmorgen. Um sieben Uhr früh klingelt das Handy von Altair Guimarães. Mit Freunden hat er in den letzten Tagen Karneval gefeiert. Er braucht eine Weile, bis er versteht, warum sein Nachbar ihn anruft: Altair, sie reißen dein Haus ab.


Zwischen Abrissbaggern und Staubwolken stehen Feuerwehrleute und Polizisten in Kampfmontur. Als Altair ankommt, ist von seinem Zuhause kaum noch etwas übrig. Einige Journalisten sind gekommen, um zu berichten: Wieder ist ein Stück der Favela zerstört, deren Bewohner sich so lange gegen Olympia gewehrt haben. Der 62-jährige Altair ist Präsident der Bewohnervereinigung. Auch vor seinem Haus machen die Bagger nicht halt. Zornig steht er vor den Journalisten: „Hier geht es nicht um Olympia. Wir sollen Platz machen für die großen Immobilienunternehmen.“

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Straßenfußball in eine Favela in Rio de Janeiro, die für die Olympischen Spiele abgerissen worden ist (Foto: MAURICIO LIMA/NYT/Redux/laif)
Im November 2013 konnte man in Vila Autodromo noch unbehelligt Straßenfußball spielen. Doch im Hintergrund liefen schon Planungen für den Abriss der Favela (Foto: MAURICIO LIMA/NYT/Redux/laif)

Die Favela Vila Autódromo ist in den letzten Jahren zum Symbol geworden für den wachsenden Widerstand gegen Olympia. Sie wird abgerissen, weil hier bis August der neue Olympiapark entsteht – mit mehreren Sportstadien und einem Medienzentrum für Journalisten. Besonders unglaublich ist die Geschichte von Altair Guimarães: Schon zum dritten Mal zerstört die Stadt sein Haus, um Platz zu machen für ein Großprojekt.

Die Favela Vila Autódromo ist zum Symbol geworden für den wachsenden Widerstand gegen Olympia

Die Reste von Altairs Haus liegen am Rand einer Großbaustelle. Bagger und Lkws fahren vorbei. Staubwolken wirbeln auf. Zwischen halb abgerissenen Häusern liegen Schuttberge. Von der ursprünglichen Favela ist kaum noch etwas zu erkennen. Früher wohnten hier einmal 800 Familien, heute sind es noch 25. Im staubigen Fußballtrikot berichtet Altair von den letzten Jahren der Vila Autódromo. Etwas heiser schreit er gegen den Baulärm an: „Beim letzten Mal war es hier gemütlicher, was?“

Das letzte Mal, das war 2012: Damals empfing Altair noch jeden Besucher am Eingang der Favela. Die meisten waren überrascht. Klein wie ein Fischerdorf lag sie am Rand einer Lagune. Zweistöckige Häuser reihten sich ordentlich entlang der breiten, schattigen Straßen, dazwischen Vorgärten und Garagen. Nicht zu vergleichen mit dem chaotischen Durcheinander, das viele bei einer Favela erwarten würden.

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Bagger reißt ein Gebäude ab in einer Favela in Rio de Janeiro, die für die Olympiade weichen muss (Foto: Fabio Teixeira/Polaris/laif)
Der Schwächere gibt nach: Was mal ein Zuhause war, wird von einem Bulldozer innerhalb von Minuten dem Erdboden gleichgemacht (Foto: Fabio Teixeira/Polaris/laif)

Unter großen Mangrovenbäumen saßen die Bewohner damals vor ihren Werkstätten und kleinen Läden. Ihr Präsident erzählte jedem persönlich, wenn es Neuigkeiten gab. Im Haus der Bewohnervereinigung zeigte Altair stolz auf die Fußballpokale und auf die Gerichtsurteile. Aus dicken Ordnern holte er die vergilbten Dokumente, die beweisen sollten, dass die Bewohner ein Recht hatten, hier zu bleiben.

„Wir leben doch nicht mehr in Zeiten der Diktatur, wo sie dein Haus einfach abreißen konnten“

„Wir leben doch nicht mehr in Zeiten der Diktatur, wo sie dein Haus einfach abreißen konnten“, war sich Altair damals sicher. Er sprach aus Erfahrung: Als er 14 Jahre alt war, wurde seine Favela umgesiedelt, gut 20 Jahre später wurde sein Haus für eine Autobahn abgerissen. Und nun also Olympia.

Als Brasilien 2009 den Zuschlag für die Ausrichtung der Olympischen Spiele bekam, waren es noch andere Zeiten dort. Das Land boomte, die Brasilianer waren stolz, dass gleich zwei Großereignisse in ihrer Heimat stattfinden würden. Die Wende kam 2013. Zum ersten Mal überhaupt protestierten damals viele hunderttausend Menschen im Vorfeld einer Fußball-WM. Anlass war der Confederations Cup in Brasilien, ein Vorbereitungsturnier für die im Jahr darauf folgende Fußball-WM. Gegen die Milliardenausgaben bei der WM und den Olympischen Spielen, aber auch gegen Korruption, das marode Bildungssystem und gegen Polizeigewalt gingen die Menschen auf die Straße. Die FIFA hatte plötzlich ein Imageproblem, und Brasiliens Politik gelobte Besserung.

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Kinder spielen in einer Favela in Rio de Janeiro zwischen abgerissenen Häusern – die Favela muss für die Olympischen Spiele weichen  (Foto: Mario Tama/ getty)
Im Januar 2016 ist die Favela Vila Autodromo schon weitestgehend zerstört und der Großteil der Bewohner ist weggezogen (Foto: Mario Tama/ getty)

Nach den Protesten von 2013 und auch mit Blick auf die Lage von Wanderarbeitern im WM-Gastgeberland für das Jahr 2022, Katar, beschloss die FIFA, dass bei künftigen WM-Vergaben auch die Menschenrechte eine Rolle spielen sollten. Auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) will in Zukunft auf Menschenrechte, faire Arbeitsbedingungen und Korruptionsbekämpfung achten. Für Brasilien kommt das zwar zu spät, aber dennoch wurden die Proteste der Bewohner der Vila Autódromo von diesen Entwicklungen beflügelt. Die Bewohner veröffentlichten zusammen mit mehreren Universitäten einen Plan, wie es mit der Favela weitergehen könne. Diesem Plan zufolge hätten die meisten Bewohner bleiben können, auch mit dem neuen Olympiapark. Etwa vier Millionen Euro sollten die Baumaßnahmen kosten. Laut den Bewohnern habe die Stadt versprochen, den Alternativplan zu prüfen.

Protest gegen Milliardenausgaben, aber auch gegen Korruption, das marode Bildungssystem und Polizeigewalt

Umgesetzt wurde der Plan letztendlich nicht. Die meisten Bewohner haben die Vila Autódromo mittlerweile verlassen. Auch das Haus der Bewohnervereinigung haben die Bagger inzwischen abgerissen. „Ich habe das kommen sehen“, sagt Altair. Der Widerstand bröckelte, als die Stadt 2014 begann, hohe Entschädigungen anzubieten und gleichzeitig einzelne Häuser abzureißen. Mehr als 25 Millionen Euro hat sie inzwischen an etwa 120 Familien ausbezahlt. Die übrigen erhielten Ersatzwohnungen. Die Verlockung war für viele zu groß. Auch Altair hat inzwischen eine Entschädigung erhalten.

Warum investiert Rio de Janeiro lieber Geld in Umsiedlungen als in Sanierungen? Die eigentlichen „Hauptnutznießer“ seien die großen Bauunternehmen, sagt Dawid Danilo Bartelt. Er leitet das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Rio. Nach dem Ende der Olympischen Spiele 2016 werden dieselben Bauunternehmen, die den Olympiapark errichtet haben, das Gelände weiterbetreiben. Sie werden dort luxuriöse Wohnanlagen bauen, wie sie in den letzten Jahren reihenweise entstanden sind in der Nachbarschaft der Vila Autódromo. Gegenüber steht der Wohnkomplex „Origami“, nebenan das „Quality Green“. Mit ihrer Umsiedlungspolitik zu Olympia hat die Stadt ihnen nun den Weg geebnet.

Vergeblich war der Protest der Bewohner trotzdem nicht

Vergeblich war der Protest der Bewohner trotzdem nicht: Rund zwei Dutzend Familien dürfen bleiben und erhalten von der Stadt neue Häuser. Mit einigen Bewohnern hat die Stadt vergleichsweise hohe Entschädigungen ausgehandelt und so ihre Rechte zumindest zum Teil anerkannt. Viele der ehemaligen Bewohner leben inzwischen in einer neuen Wohnanlage in der Nähe. Auch das ist eher die Ausnahme. Aus anderen Favelas, die für Olympia weichen mussten, landeten die Bewohner in Sozialwohnungen am äußersten Rand der Stadt.

Die Bauarbeiter haben inzwischen Feierabend. Altair Guimarães steht auf den Trümmern seines alten Hauses. Auch er ist überzeugt, dass die Vila Autódromo nicht für etwas geopfert wurde, was der Stadt langfristig nutzen könnte. „Ich bin nicht gegen Sport und auch nicht gegen die Spiele. Aber müssen wir wirklich mit unseren Häusern dafür bezahlen, in denen wir jahrelang gewohnt haben? Für Olympische Spiele, die nach 16 Tagen wieder vorbei sind?“