1979 erfindet Nike seine legendäre Luftsohle, bringen die Village People ihren Mitgröhl-Hit "Go West" heraus, und im Iran wird der westlich gesinnte - und vom Westen geliebte - Schah Reza Pahlewi durch islamische Fundamentalisten vertrieben. Ja und? Wo ist der Zusammenhang? Nun, zum einen ist das alles irgendwie so präsent, als wäre es gestern geschehen. Und zum anderen kann man sich nicht genug Gedanken machen über dieses seltsame Enthaltensein des Gestern im Heute.
Vor allem Kracht-Leser nicht: Anlässlich seines zweiten Romans dämmert es, dass dieser 35-Jährige seiner liebevoll gepflegten Spießigkeit nachhängen und gleichzeitig so modern sein kann wie kaum ein deutscher Autor seiner Kragenweite. Das macht ihn speziell, dafür muss man ihn mögen und aus den Armen des Marketing-Monsters Popliteratur retten, das zuletzt so manchem irritierten Nachwuchs-Autor die Haare vom Kopf gefressen hat und endlich langsam zu Grunde geht.
Christian Kracht verpflanzt also die Figuren seines zweiten Romans in das Jahr 1979, aber dieses Buch ist alles andere als historisch oder historisierend. Die Revolutionsstimmung in Teheran ist nur ein bizarres Setting für den Beginn einer Selbstauslöschung: draußen die Panzer, drinnen im dekadenten Ambiente noch eine fette Party, bevor sich alles ändert. Der namenlose Ich-Erzähler, noch hohler als der aus "Faserland", gerät in einen Strudel von Ereignissen, die ihm völlig aus der Hand gleiten, stolpert einen esoterischen Weg nach Osten entlang und landet schließlich in der Hölle eines rotchinesischen Arbeitslagers.
Wer "1979" gelesen hat, der kaut danach schon mal Fingernägel oder starrt ins Leere. Vielleicht auch beides. "1979" ist kein Buch, das man amüsiert ins Regal stellt und vergisst. Die ständige "halbwache Vorahnung von etwas Kommendem, etwas Dunklem", die schon den "Faserland"-Erzähler bedrückt, wird hier zum unerbittlich kalt und bestechend knapp erzählten Alptraum. Allerdings hatte der Erzähler Kracht für das Finstere und Geheimnisvolle immer schon Verwendung. Zeitgenössische Vision oder stilistische Show? Jetzt hat er, der einmal für ein stilbildendes Magazins namens "Tempo" schrieb, den Zeitgeist wieder voll am Kopf getroffen - noch vor dem 11. September. In einem Interview sagte er unlängst: "Interessant ist lediglich Übertreibung und Pathos". Und auch das mögen wir an ihm!
Contra (Cornelius Reiber)
Schön war die erste Ankündigung von "1979" auf Christian Krachts Homepage vor einigen Monaten: Er habe jetzt ein Buch geschrieben, in dem keine heterosexuellen Männer vorkämen. Bitte? Jetzt mal ein schwules Buch? Nein. Aber eines ohne heterosexuelle Männer. Ohne Männer, die Fußball und Plattensammlungen brauchen (wie die Figuren in Nick Hornbys Romanen), das nämlich findet Kracht, wie er neulich der FAZ-Sonntagszeitung diktierte, "schmutzig".
Der Ich-Erzähler ist im ersten Teil des Buches mit seinem Freund Christopher unterwegs, sie sind seit langem ein Paar, verbunden nur noch durch eine Ahnung von der Liebe, die es einmal gab zwischen ihnen. So kaputt der Umgang der beiden miteinander mittlerweile ist, so unausweichlich sind sie FREUNDE. In der deutschen Botschaft in Teheran wird der Erzähler nach seinem Verhältnis zum toten Christopher befragt. "Sie und der Verstorbene waren ... Lebensgefährten?" - "Nein, wir waren Freunde".
Der Freundeskult von Männern, die nicht "heterosexuell" sind, aber auch sonst nicht sexuell in Erscheinung treten, ist erstmal extrem wohltuend - zum Beispiel in Gegensatz zu "Hey Hey Hey" von Rebecca Casati (Diana Verlag), mit der ist Kracht derzeit auf Lesereise, ein Buch, in dem sich der Protagonist "durch das Alphabet fickt". Gott, wie zynisch.
Wo Poptexte unerfreulich oft über möglichst krasse, doof erfundene Sex-Sensationen Bescheid geben wollen und sich selbst lässigen Umgang mit den F-Wörtern verordnen, stehen in "1979" seltsame, unergründliche, "nicht-heterosexuelle" Sozialrituale. Ein paar Beispiele: Aus einer Unterhaltung heraus bittet der eine Mann den anderen spontan, mit ihm im Wohnzimmer ein bisschen zu den Ink Spots zu tanzen, was dann jeder in seiner Zimmerecke auch macht. Vor dem Essen werden Sachen gesagt wie "Daste shoma dard nakoneh. Möge ihre Hand nie schmerzen" - "Nokaretim. Ich bin ihr Sklave" - "Entschuldigen Sie, dass ich Ihnen nun den Rücken zukehre" - "Aber ich bitte Sie - eine Blume hat keinen Rücken". Uh!
Kracht sagt über sein Buch: "Alles ist so grotesk überhöht und camp, dass Sie sicher finden können, dass '1979' schlecht sei, aber ernst und tragisch ist es nun wirklich nicht". So schön es erstmal ist, wenn sich keiner durch ein Alphabet fickt, so heftig geht das edle, extra übertriebene schwule Geheimwissen, die kitschigen zarten Gesten, die leuchtende Dekadenz auf die Nerven: und wenn Kracht das noch so lustig camp findet.
Christian Kracht: 1979 (Kiepenheuer & Witsch, DM 34.90)
Nikolaus Stemmer, 31, schreibt regelmäßig für die Literaturzeitschrift EDIT (www.edit-online.de), arbeitet am Internet und fand sich dort einmal auf einer der berühmten Namenslisten von Christian Kracht auf Platz 26. Oder so.
Cornelius Reiber, 28, hat gerade sein Studium beendet (Geschichte, Germanistik, Kulturwissenschaft). Was jetzt wohl aus ihm wird? Zurzeit arbeitet er an der Uni Potsdam.
Kommentare
Dein Kommentar