Pauline van Mourik Broekman, 32
Seit einigen Jahren schon ist Pauline Chefredakteurin des Londoner Netzkultur-Magazins Mute. Chefredaktion klingt ja erst einmal ganz toll und dem Magazin geht es momentan auch sehr gut. Aber als Pauline sich zusammen mit ihrem damaligen Freund in den Kopf gesetzt hatte, so nebenher dieses Magazin zu starten, hat sie wohl nicht geahnt, wieviel Leben sie damit verbringen würde.
"Als ich klein war, wollte ich eigentlich gar nichts werden. Auch als Jugendliche hatte ich eigentlich keine richtigen Pläne. Bloß etwa mit 17 hatte ich mir in den Kopf gesetzt, Innenarchitektin zu werden und Wandbilder zu malen - was mir heute rückblickend ein bisschen peinlich ist. Aber unentschieden bin ich bis heute. Ich weiß zwar, was ich heute tue, aber was ich 'geworden' bin, da bin ich mir immer noch im unklaren.
Meine Eltern hatten auch nie so den Traumberuf. Das einzige was sie von mir wollten, und was ich oft einfach übergangen habe, war, dass ich lerne. Ich habe viel gezeichnet und es war auch irgendwie klar, dass ich da weiter arbeiten würde. Aber so richtigen Druck gab es nie.
Nach der Schule habe ich dann einen 'Foundation Course' gemacht. Das ist eine Art Ausbildungsjahr für das Kunst-Studium. Eigentlich wollte ich wirklich Wandmalerei lernen, aber ein Bekannter meinte, ich sollte doch lieber diesen allgemeineren Grundkurs machen. Gottseidank. Von der ersten Minute an war ich total begeistert.
Dann habe ich Kunst studiert und mich sehr für Neue Medien interessiert. Nebenbei haben wir angefangen, ein Magazin herauszugeben, mit dem Titel 'Mute'. Das war 1995. Inzwischen ist aus unserem Zeitungsformat, das aussah wie die Financial Times, ein echtes Magazin-Format geworden.
Heute ist das immer noch meine Hauptbeschäftigung. Nebenbei schreibe ich auch selber. Zum Kunst-Machen komme ich nicht mehr so richtig. Aber das ist schon okay, denn mit dem was ich mache bin ich eigentlich sehr glücklich. Ich kann mit meinen besten Freunden zusammen arbeiten.
Rückblickend denke ich manchmal, dass ich ganz schön viel Zeit in der Schule vergeudet habe. Lieber hätte ich mehr gelesen. Oder vielleicht wirklich mehr Mathe und Physik gelernt, denn da kenne ich mich gar nicht aus. Aber irgendwie denke ich mir auch: Langeweile ist wichtig, Verwirrung ist wichtig, Einsamkeit ist wichtig - so gesehen würde ich wahrscheinlich alles noch einmal so machen wie ich das schon mal durchlebt habe."
Björn Koll, 33
Wie viele Zwanzigjährige fing Björn Koll aus einem vagen Interesse heraus an zu studieren, ohne wirklich zu wissen, was er damit wollte. Durch sein eigenes Engagement wurden seine Interessen sachte in die richtige Richtung gelenkt, und heute ist er ziemlich glücklich - bei einem kleinen, feinen Filmverleih.
"Nach Abitur und Bundeswehr wollte ich einfach weg und raus. Weg aus Lüneburg, wo alles so ordentlich war und immer noch ist und wo die Schulkameraden ganz genau wussten, was und mit wem sie nach Ausbildung und Studium so anstellen wollten. Ich wusste das nicht und wollte es auch nicht wissen.
Mit solchen Gefühlen ging man damals nach Berlin - und tut es glaube ich immer noch. Das Studium der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften gepaart mit Psychologie und BWL an der Freien Universität entsprach meinen Interessen, war aber ganz schrecklich langweilig und unterforderte mich. Ich finde immer noch, dass sich viele Universitäten mal überlegen sollten, was sie da eigentlich tun. Stichworte hierzu: völlig überfüllte Seminare, sinn- und niveaulose Vorlesungen, etc.
Ich hatte Glück und durfte an der Deutschen Oper Berlin beim damaligen Intendanten Götz Friedrich ein Praktikum beginnen. War okay, aber auch nicht wirklich mein Ding. Bei dem Filmverleiher Manfred Salzgeber begann ich ein weiteres Praktikum und bin da hängengeblieben. Es gab so viel zu tun, vor allem auch ganz praktische Dinge, das gefiel mir sehr.
Schleichend vernachlässigte ich mein Studium, um es dann nach sechs Semestern ohne Abschluss an den Nagel zu hängen, und stieg in der Edition Salzgeber immer weiter ein. Jetzt bin ich geschäftsführender Gesellschafter der Salzgeber & Co. Medien GmbH und mit mir arbeiten zehn KollegInnen. Der überwiegende Teil der täglichen Arbeit macht mir immer noch Spaß und ich bereue keine meiner damaligen Entscheidungen gegen das Studium und für einen schnellen Einstieg in die Praxis. Das Einzige, was mir bei den jetzigen zwölf-Stunden-Tagen und auch den Wochenenden auf irgendwelchen Filmfestivals unterwegs manchmal leid tut, ist, dass ich keine Semesterferien für lange Reisen hatte oder eine Zeit des langen Ausgehens und späten Aufstehens genossen habe. Das würde ich jetzt im Rückblick anders machen und vielleicht mal ein Jahr die Welt beschauen."
Jana Halesova, 22
Als Kind hatte sie so genannte Jungshobbies - Motocross und Modellbau -, als Jugendliche wusste sie, dass Computern das Beste ist. Heute ist Jana Halesova unter anderem Netzwerkmanagerin bei dem Internet-Provider Silverserver und überhaupt sehr zufrieden mit ihrem Leben.
"In Österreich musst du dich mit 14 entscheiden, in welche Schule du gehst, und davon hängt auch schon ab, was man später mal wird. Für mich kein Problem, denn damals wusste ich schon, dass ich später mal mit Computern arbeiten will. Also ging ich auf die HTL - was so viel heißt wie Höhere Technische Lehranstalt - und da habe ich auch gleich das Schwerpunktfach Wirtschaftsinformatik gewählt.
Kurz zuvor hatte ich meinen ersten Computer geschenkt bekommen und ab da habe ich meine anderen Hobbys schleifen lassen. Bloß in den Sommerferien bin ich immer noch Motocross Fahren gegangen. Meinen Eltern war ziemlich egal, was ich mal später werden sollte. Nur meine Mutter hat darauf bestanden, dass ich nicht Künstlerin werde. Mein Vater ist nämlich Künstler und unterrichtet auch. Aber ich habe dafür sowieso kein Talent.
Wenig später habe ich Windoof (das Betriebssystem Windows - Anm. d. Red.) von meinem Rechner geschmissen und zum ersten mal Linux drauf gespielt. An der Schule hatten wir so einen alten IBM-Rechner, auf dem es auch keine Windows-Oberfläche gab und das ganze Klicken war sowieso nichts für mich. Zwei Jahre lang war ich nur dabei, meine Kiste in den Griff zu bekommen. Für die Schule hatten wir den Schlüssel bekommen und da gab es auch schon Internet, was das Installieren schon viel einfacher gestaltet hat. Also sind wir da quasi eingezogen.
Mit 16 habe ich schon nebenher für eine Software-Firma gejobbt. Für 10 Stunden im Monat gab es 6000 Schilling (etwa 900 Mark). Das war für damals super Kohle. Im selben Jahr bekam ich auch ein Stipendium an der Elite-Uni Stanford, wo klein Jana, die noch nirgends in der Welt war, mit den ganzen Cracks abhängen durfte. Das war super. Da gab es zwei riesige Sun-Rechner, von denen es in Österreich nur zwei gibt. Und ich habe während meiner ganzen Zeit in den USA nur vor den Rechnern gesessen, irre viel gelernt, aber von San Francisco eigentlich gar nichts gesehen.
Mit 18 habe ich in der Public Netbase in Wien angeklopft. Das ist gleichzeitig ein Veranstaltungsort und ein Internet Service Provider, die sehr viel zum Thema Technik und Kultur organisieren. Das hat mich gereizt, dort mal so richtig mit Netzwerken, Mail-Servern, DNS und allem umzugehen. Das mache ich auch heute noch nebenher.
Inzwischen studiere ich am College für Netzwerktechnik in Wien und arbeite noch für den Internet Provider Silverserver, wo ich vor einigen Jahren angefangen habe, als da nur fünf Leute gearbeitet haben. Heute sind das 38, und ich komme vor lauter Managen gar nicht mehr richtig zum Arbeiten. Aber das ist schon okay, weil ich gleichzeitig auch mit Sachen umgehen kann, von denen ich früher nur träumte.
Also war für mich eigentlich alles ziemlich gradlinig. Und ich bin sehr glücklich damit. Inzwischen arbeite ich an Sachen, von denen mit mir nur vielleicht zehn Leute in Österreich Ahnung haben. Aber wie Arbeit kommt mir das immer noch nicht vor, dafür macht es zu viel Spaß, weil wir nämlich nicht nur mit Kunden wie der Nationalbank arbeiten, sondern immer noch mit den Leuten, mit denen wir auch mal angefangen haben, wie zum Beispiel dem Wiener Club Flex."
Peter Heidenwag, 30
Als Jugendlicher interessierte Peter Heidenwag sich vor allem für Musik, sang in einer Band und machte die Fachberufausbildung vor allem, weil die Eltern das wollten. Dass er es irgendwann mal toll finden würde, als Kunst-Vermittler für psychisch und körperlich Kranke zu arbeiten, hätte er damals bestimmt nicht gedacht. Auch Singer/Songwriter ist er geblieben.
"Wenn ich so an das Gymnasium zurückdenke, versuche ich zu verstehn, wie selbiges mir denn damals oder auch im Nachhinein auf meinem Weg tatsächlich geholfen hat. Und das ist meiner Meinung nach wichtig. Weil nur, wenn ein Schüler auch den Eindruck hat, dass ihm die Schule helfen kann, kann er die Schule wirklich nutzen.
Abgesehen davon, dass sie mir sagte, du bist hin und wieder einigermaßen o.k. in Mathe, Kunst und Sport, sagte die Schule mir eher öfter, du bist schlecht. Insofern konnte sie mich nicht wirklich über diese und eventuell andere individuelle Neigungen und Fähigkeiten aufklären. Das zeigt sich auch in meinem sich anschließenden Lebenslauf: Unter dem Einfluss von Familie und Schule entschied ich mich für ein Diplom-Maschinenbau-Studium, das mir ebensowenig sagte wie die Schule und mit dem ich seit dem Abschluss mehr oder weniger nichts anfangen kann.
Neben ständigem Musizieren in eigener Sache oder in Bands entschied ich mich zwei Jahre später für ein Psychologiestudium. Hier konnte mir zum ersten Mal in meinem Leben eine staatliche Einrichtung aus dem Bildungwesen sagen, du bist mehr als gut.
Meinen Lebensunterhalt bestreite ich nun durch die Leitung eines Ateliers für bildnerische Gestaltung für Bewohner von Psychiatrien und Behindertenwohnheimen und zu geringen Teilen durch das Musizieren. Beides Bereiche, die ich mir weitgehend autodidaktisch selbst angeeignet habe, sprich durch Praxiserfahrung.
Manchmal frage ich mich, ob das Gymnasium der richtige "Schulweg" für mich war. Doch selbst, wenn nicht: Lehrern mit ihren Lehrplänen muss es möglich sein, SchülerInnen mehr über ihre individuellen Fähigkeiten, Neigungen und Wünsche aufzuklären. Wenn wir in Zukunft auf eine Gesellschaft aus zufriedenen und erfolgreich sich bildenden und arbeitenden Menschen schauen wollen."
Marc Gegenfurtner, 32
Kein Jura, kein BLW, keine Forschung: das war Marc Gegenfurtner nach dem Abi klar. Also was richtig Schönes ... Theater! Ja, und da sitzt er nun - und beschäftigt sich mit Bilanzen. Und es macht ihm sogar Spaß.
"Als junger Schulabgänger mit leichtem Hang zu den Musen und mäßigem Drang zu dem, was man noch vor einiger Zeit eine bürgerliche Karriere nannte, kamen für mich folgende Fachrichtungen nicht in Frage: Naturwissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, Jura und Medizin. Die Welt der Literatur hat mich da immer schon mehr angesprochen.
Also ging ich nach der Schule zum ortsnahen Theater - obwohl ich nie einer Theater-AG angehörte, wo die zuständigen Lehrer das vollenden, was ihnen während des Studiums an künstlerischem Potenzial zu zerstören nicht ganz gelungen war. Hospitanz nennt sich die erste Sprosse der Theaterleiter. Das bringt kein Geld ein aber die meiste Arbeit. Und wenn man die, ohne die Lust zu verlieren und zu maulen, mit Anstand über und hinter die Bühne bringt, dann folgen Assistenzen und im besten Fall endlich auch ein richtiger Theater-Beruf.
Bei mir war das nach vielen Schritten und einem Studium (das schadet nicht und erhöht in einem Schein-Gewerbe die Seriösität, es sei denn, es ist Theaterwissenschaften) ein veritabler 'Betriebsdirektor' an einem schönen kleinen Theater. Tja, und da tue ich seitdem ziemlich genau viel von dem, was ich eigentlich nie machen wollte: Bilanzen, Haushaltskalkulation, Planungen, Entscheidungen."
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