
Eberhard Fensch war von 1968 bis 1989 in der DDR Mitglied des Zentralkomitees der SED, die beschlossen hatte, dass das Fernsehen wie so viele Bereiche der Gesellschaft "Teil des Parteiapparates" zu sein habe. Fensch war stellvertretender Leiter der Abteilung Agitation und als solcher zuständig für Rundfunk und Fernsehen. Er hat mit dafür gesorgt, dass in Filmen und Magazinen keine Kritik geübt wurde. Gespräch mit einem Zensor.
Es gab bis vor kurzem eine große Ostalgie-Welle im Fernsehen, mit Shows, in denen die DDR als kuscheliges Land mit leckerem Nutella-Ersatz präsentiert wurde. Ein Traum für jeden Zensor, oder?
Ich finde es zunächst mal wohltuend, dass nun auch andere Bereiche des Alltag-Lebens in der DDR thematisiert werden, als immer nur die Stasi. Der Sport lässt sich nicht auf Doping reduzieren und die DDR nicht auf den Geheimdienst. Allerdings erinnerte es mich, so wie es gemacht war, an die Kolonialberichterstattung: Guck mal, wie primitiv die gelebt haben.
Bevor sie Zensor wurden, waren Sie Journalist. Das ist doch das genau das Gegenteil. Wie kam es dazu?
Ich habe den Beruf des Journalisten von der Pike auf gelernt. Ich habe für eine Betriebszeitung gearbeitet, bei der ich relativ frei war – natürlich immer im Rahmen des Systems. Ich glaube, es gibt heute kaum eine Betriebszeitung innerhalb eines Konzerns, die sich soviel Kritik leisten kann. Später war ich beim Rundfunk, aber auch dort wurden die Spielräume enger. Es hing immer davon ab, wie die ökonomische und politische Situation innerhalb der DDR gerade war. Als ich dann ins ZK wechselte, war das auch eine intellektuelle Herausforderung.
Warum?
Das Fernsehen der DDR war eine der größten TV-Fabriken Europas. Da sind im Jahr mehr als Hundert Filme entstanden, darunter etliche Literaturverfilmungen. Einem Fernsehkombinat mit Tausenden von Mitarbeitern vorzustehen hat meinen Ehrgeiz angestachelt. Es ging ja nicht nur um Zensur, sondern auch um Konzepte.
Für sie war die DDR eine Alternative zum Kapitalismus. War es eine Motivation, das System durch die eigene Arbeit zu unterstützen?
Zweifellos. Ich bin aus Überzeugung dabei gewesen. Dass es zu diesem System, in dem wir heute leben, eine Alternative geben muss, davon bin ich bis heute überzeugt. Aber natürlich erschrecke ich im Nachhinein über manches, was ich damals gesagt habe.
Wie sah die Arbeit eines Zensors aus?
Ich musste natürlich Bescheid wissen, was da verfilmt wird. Welche Stoffe und ob es darin Kritik am System gibt. Zum Beispiel hatten wir einen Film auf dem Tisch, in dem all die kritischen Schlagworte vorkamen - wie Intershop oder Fremdwährung. Da bekam man kalte Füße, und es wurde entschieden, dass das so nicht gesendet wird. Um den Film zu retten, bei dem tolle Schauspieler mitspielten und der viel Geld gekostet hatte, habe ich dann mit dem Regisseur über Änderungen gesprochen. Da fiel dann vieles raus, und im Grunde genommen war es eine Kastration - und im Nachhinein betrachtet ein Fehler.
Selbst in der Sportberichterstattung gab es Einflussnahmen.
Ich erinnere mich daran, dass Dynamo Berlin im UEFA-Pokal zum Rückspiel in Bremen antreten musste, nachdem man in Berlin gewonnen hatte. Aber in Bremen ging Dynamo mit 1:5 unter, und der Sportreporter Heinz Florian Oertel kommentierte so, wie man ein miserables Spiel kommentieren muss. Da Dynamo der Club von Stasi-Chef Erich Mielke war, beschwerte der sich noch am selben Abend bei Honecker, der die Angelegenheit an uns weitergab. Mielke wollte, dass der Reporter Oertel nie mehr kommentiert. Letztlich ist es dann bei der Ermahnung geblieben, nicht ganz so kritisch zu sein.
Haben sich auch andere Funktionäre in die Arbeit eingemischt?
Sicher - und nicht nur Funktionäre. Lotte Ulbricht, die Frau Walter Ulbrichts, hat sich immer beschwert, wenn mal ein blanker Busen im Fernsehen zu sehen war. Oder wenn es im Krimi Mord und Totschlag gab.
Haben Sie nie gedacht, jetzt ist Schluss? Es reicht nun?
Einmal. Das war beim Kongress des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden der DDR 1988 in Berlin. Da wurde von einigen auch Kritik an der DDR geäußert und auf Glasnost und Perestroika eingegangen. Und später stand ein Artikel in der Zeitung, in dem das gar nicht vorkam. Da war ich kurz davor, aufzuhören. Andererseits wollte ich nicht als Kronzeuge gegen dieses System gelten. Stellen Sie sich mal vor, in der ARD-Tagesschau hätte es geheißen, hoher Parteifunktionär stellt sich gegen die Regierung. Das wollte ich nicht.
Wie finden Sie im Rückblick das Fernsehen der DDR?
Ich habe neulich im Krankenhaus gelegen und mein Zimmernachbar hat von morgens bis abends RTL geguckt. Da habe ich gesagt: Du musst doch verblöden. Und er hat geantwortet: Bin ich doch schon längst.
Oliver Gehrs schreibt für Zeitungen wie die Frankfurter Rundschau und ist Herausgeber des neuen Reportage-Magazins dummy.
Foto: "Eberhard Fensch" / © Eulenspiegel Verlag
www.bpb.de/Geschichte_der_DDR.
Ein Schwerpunkt der Bundeszentrale für politische Bildung zur Geschichte der DDR mit Video-Interviews mit Zeitzeugen, CD-Roms zur Geschichte der Mauer und Texten zur Diktatur der SED.
www.bpb.de/DeutschlandChronik
Die deutsche Geschichte nach 1945 ist die Geschichte zweier Staaten. Von deren Gründung über die Phase des Kalten Krieges bis zum wiedervereinten Deutschland werden die Ereignisse übersichtlich und chronologisch dargestellt.
www.bpb.de/Die_DDR_in_der_deutschen_Geschichte
War die DDR eine legitime Alternative zum Weg der Bundesrepublik? Die Antwort auf diese Frage ergibt sich durch Betrachtung der prinzipiellen Abhängigkeit der DDR von der Sowjetunion.
www.bpb.de/Deutsche_Einheit
Die Geschichte der deutschen Wiedervereinigung
Buchtipp:
Eberhard Fensch
"So und nur noch besser"
Wie Honecker das Fernsehen wollte
256 Seiten, 12,5 x 21 cm
ISBN 3-360-01047-7, 14.90 Euro
Erschienen in der Edition Ost des Eulenspiegel-Verlags
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