Das flexible, ungebundene Subjekt ist ein Produkt der Moderne. Für die Freiheiten, die es einerseits dazugewann, muss es an anderer Stelle draufzahlen. Norbert Schneider, Professor für Soziologie an der Universität Mainz, hat in einer Studie zur Berufsmobilität nachgewiesen, dass mit der Pendelei seelische und körperliche Belastungen einhergehen - sowohl bei Pendlern als auch bei ihren Familien: Kopf- und Rückenschmerzen, Schlafstörungen und Erschöpfung, aber auch handfeste Erkrankungen: Pendeln in öffentlichen Verkehrsmitteln beschert häufiger Infekte, Pendeln im Auto erhöht die Arthrosegefahr.
Tobias Müller nimmt oft zahlende Mitfahrer mit von der Elbe an den Rhein. "Die Gespräche sind immer die gleichen. Am liebsten würde ich meinen Lebenslauf ins Handschuhfach legen, und wer mir unbedingt was erzählen will, soll es auf die Rückseite schreiben." Am Kirchheimer Dreieck, wo sich die A4 auf eine Spur verengt und auf die A7 trifft, steht er regelmäßig im Stau. "Oft bin ich für die 580 Kilometer über acht Stunden unterwegs. Wenn ich nachts zwischen zwei und drei ankomme, sind die Bonner Straßen leer - bis auf die Autos mit ostdeutschen Kennzeichen. Alle Pendler wie ich."
Die kostbaren Stunden mit der Familie In der ehemaligen Hauptstadt hat er eine Mansarde gemietet. "Früher hätte ich diese Junggesellenbutze sehr genossen - doch jetzt?" Hauptsache, die Woche vergeht schnell: viel Arbeit, kaum Zerstreuung. Freitags nach Feierabend jagt er seinen alten Japaner erbarmungslos gen Osten. Jede vertrödelte Minute bedeutet Zeitverlust in der Heimat. "Am schönsten ist es, wenn bei Eisenach das goldene Kreuz von der Wartburg blinkt, das ist die Hälfte der Strecke."
Pendeln bedeutet Stress. Je länger und weiter Berufstätige zu ihrer Arbeitsstelle fahren, desto unzufriedener sind sie - mit sich selbst und überhaupt. Nach achtstündiger Arbeit plus stundenlangen An- und Abfahrten muss die Zeit für Partner, Kinder, Freunde oder Hobby mühsam der eigenen Erschöpfung abgerungen werden. Shuttle-Paare sind noch schlechter dran, sie haben sich nur wochenends oder noch seltener. Die gemeinsame Zeit steht unter hohem Erwartungsdruck, alles Versäumte soll binnen weniger Stunden nachgeholt werden. Doch die Fremdheit, mit der sich die Getrennten anfangs begegnen, weicht nur allmählich, die geistige und körperliche Nähe muss vorsichtig zurückerobert werden.
Kurze Nacht, langer Tag Immerhin sind die Autobahnen, die die neuen mit den alten Bundesländern verbinden, inzwischen in einem nahezu perfekten Zustand. Fast könnte man meinen, die "Verkehrsprojekte Deutsche Einheit" seien vor allem deshalb so forciert betrieben worden, um den vielen Shuttles das Dasein nicht noch mehr zu erschweren. Ab Sonntagnachmittag rollt eine unaufhörliche Blechlawine gen Westen - bis in die frühen Morgenstunden des Montags. Die Pendler, die es nicht ganz so weit haben, beginnen die Woche lieber mit einer kurzen Nacht, als dass sie auf den Sonntagabend verzichten.
Seit der Schwangerschaft seiner Freundin bewirbt sich Tobias Müller wieder auf jede Jobanzeige in Dresden. Je näher der Geburtstermin rückt, umso inniger leckt er die Kuverts seiner Bewerbungsbriefe zu. "Ich habe ein gutes Gefühl!", ruft er den Fahrtlärm seines altersschwachen Suzukis hinweg, er will optimistisch sein, nicht nur wegen seiner baldigen Vaterschaft, sondern auch, weil sein Auto bald den Geist aufgibt.
Sebastian Krüger lebt in Berlin. Er schreibt für Zeitungen und Magazine.
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Zahlen zur Pendler-Statistik sind auf den Websites der Statistischen Landesämter veröffentlicht, zum Beispiel unter
www.statistik.sachsen.de
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