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JMT 2005: Quo vadis, Europa?

Vereinigung statt Einheitsbrei

5.10.2005 | Lars Holzberg, Pierre Kurby, Juliane Wienß | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Auf dem Campusplatz der Hamburger Universität ist Mittagszeit. Jugendliche aus ganz Deutschland und Gäste aus anderen Ländern Europas lassen sich am verlängerten ersten Oktoberwochenende die Strahlen der Herbstsonne auf die Nase scheinen. Nach kurzer Pause wird es wieder zurück in die Workshops gehen, in denen die mehr als 600 Teilnehmer/innen der Jugendmedientage von erfahrenen Kolleg/innen verschiedener Redaktionen lernen.

Nachdem die Bürger/innen von Frankreich und Holland der EU-Verfassung ein klares Nein erteilten, könnte das Motto der größten deutschen Veranstaltung für junge Journalisten und Journalistinnen gar nicht aktueller sein: "Medien. Zukunft. Europa.“ Wohin geht es mit Europa? Das ist die Frage.

Europa: geographisch oder politisch definiert?

Die Verhandlungen der EU-Außenminister/innen über den EU-Beitritt der Türkei, die vor ein paar Tagen begannen, stellen Europas Grenzen in Frage: Reicht Europa vom Nordpolar- und Mittelmeer bis zum Bosporus? Und liegen die Grenzen Europas zwischen Atlantik und Ural, wie der Geografieunterricht es lehrt? Oder ist Europa ein rein politischer Raum, festgelegt durch Bündnisse zwischen Staaten?

JMT-Teilnehmer Henning Kruse (19) aus Schleswig-Holstein ist der Erste, dessen europäische Gesinnung wir prüfen. Für ihn existiert ein Europa nur in den Grenzen der EU: als wirtschaftliche Gemeinschaft, die eine Zukunft für junge Erwachsene darstellt. Im Maschinenbau liegt nach Henning eine der Stärken Europas. Er fühlt sich als Deutscher mit europäischer Identität. Die Vorteile liegen auf der Hand: In einem wirtschaftlich vereinten Europa hat er bessere Arbeitschancen. Henning glaubt, dass erst in den kommenden Generationen ein wirkliches Gemeinschaftsgefühl entstehen wird. Und, das findet er unbedingt: "Europa sollte in den Nachrichten mehr Aufmerksamkeit erhalten.“

Wertegleichmacherei oder friedliche Gemeinschaft der Völker?

Timo Seibicke, auch aus Schleswig-Holstein, nimmt sich Zeit zum Nachdenken, bevor er seine Vorstellung von Europas Grenzen in Worte fasst. Er geht es geografisch an. Für ihn ist Europa ein Zusammenschluss von westeuropäischen Ländern: "Die versuchen untereinander zu kooperieren.“ Timo empfindet sich als ein Europäer, und er findet auch, dass es eine friedliche Gemeinschaft der Völker schon gibt. Europa bietet eine Zukunft für alle Jugendlichen, sagt er – und zwar sei die Politik dabei ebenso wichtig wie der Arbeitsmarkt, der aber durch die starre Bürokratie behindert werde. Der Schüler findet, dass die Europäische Gemeinschaft durch die Währungsunion und die Osterweiterung weiter zusammenwächst.

"Eigentlich geht es doch bei gemeinsamer Marktwirtschaft und Politik nur um Geld“, fasst Epona Hamdan dagegen seinen ernüchternden Eindruck von Europa zusammen. Identitätsstiftend kommt das der Halblibanesin, die in Deutschland lebt, allerdings nicht vor. "Ich bin kulturell zurzeit ziemlich heimatlos, fühle mich weder hier in der westlichen Gesellschaft noch im arabischen Raum wirklich verwurzelt“, erzählt die 19-Jährige. Von einem "europäischen Lebensgefühl“ merkt sie noch nichts: "Dafür sind die Mentalitäten doch viel zu verschieden!" Epona hofft, dass Europa eines Tages eine Kraft des Friedens wird – die sich für die Beseitigung sozialer Missstände einsetzt. Andererseits könne das aber auch, findet sie, eine "Wertegleichmacherei“ bedeuten – die dem Frieden die kulturelle Identität einzelner Länder opfert.

Auch Lisa Gnutzmann aus Dithmarschen vertraut auf die “westeuropäische Friedensstimmung“. Nach der Meinung der Gymnasiastin stößt Europa an seine Grenzen, wo es noch Gewaltbereitschaft gibt. Europa ist deutlich mehr als der interne Frieden, findet der 18-jährige Philipp Runge – Europa sei die Geschichte, die die Vielfalt kultureller Strömungen in Europa bewirkt habe und den gemeinsamen Nenner bilde. Für ein starkes Europa benötige man aber eine einheitliche Wertelinie, die nach Meinung des Schülers dem christlich-westlichen Weltbild entspringen sollte. Und: “Europa muss auch seine Grenzen haben.“

Der Studentenkontinent besteht bereits

Das sieht der 20-jährige Micky Moldenhauer aus Mecklenburg-Vorpommern ganz anders. “Die Grenzen der EU sind doch sekundär. Es geht vielmehr darum, verschiedene Kulturkreise miteinander zu verbinden“, findet der angehende Student, der plant, ein paar Semester im kühlen Skandinavien zu verbringen. Er sieht in Europa einen “Studentenkontinent“, der auch ohne diplomatische Kontakte zusammenwächst.

Bereits seit Jahrzehnten ist der Wirtschaftsbund der Europäischen Gemeinschaft besiegelt und bewährt, doch den meisten Jugendlichen, die wir auf den Jugendmedientagen befragen, fällt es schwer, in Europa auch eine Wertegemeinschaft zu sehen. Ein tiefes Zusammengehörigkeitsgefühl entsteht höchstens noch im außereuropäischen Ausland. Trotzdem scheinen viele der jungen Medienmacher/innen optimistisch auf die Zukunft Europas zuzugehen – auch was den möglichen Beitritt der Türkei betrifft. “Vereinigung ist eine gute Möglichkeit, aber fern ab von kulturellem Einheitsbrei“ fasst Epona Hamdan zusammen. Die Jugend lebt Europa schon: Im Urlaub, im Job, bei Freunden. Ihr größter Wunsch: Frieden – innerhalb des europäischen Kontinents und als europäische Botschaft an den Rest der Welt.

Lars Holzberg, Pierre Kurby und Juliane Wienß haben diesen Text am 2. Oktober 2005 im Praxis-Workshop “Online Journalismus“ auf den JMT 2005 recherchiert und geschrieben.

Fotos: Pierre Kurby und Juliane Wienß


www.jugendmedientage.de
Die Website der Jugendmedientage 2005

http://europa.eu.int
Das Portal der Europäischen Union

www.eu-kommission.de
Die Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland informiert über Neuigkeiten und Themen und bietet Dokumentationen und Argumentationen.




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