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Marcos, Taibo II: Unbequeme Tote
Worte statt Kugeln
Krystian Woznicki | 23.10.2005
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Es war ein historischer Moment. Ein Augenblick, so legendär wie Martin Luther King Jr.'s Marsch auf Washington. Alle sprachen darüber, die Zeitungsmeldungen waren voll davon, viele Menschen waren aus weit entlegenen Teilen der Erde herangereist, um sich der Karawane anzuschließen, die von Chiapas nach Mexiko-Stadt zog. In der Menschenmasse befanden sich Kinder und alte Frauen, überwiegend aus der einheimischen Bevölkerung; vor allem aber Kämpfer/innen aus den Reihen der zapatistischen Befreiungsarmee, die gegen die Missstände in ihrem Land eintreten. Im Südosten des zentralamerikanischen Kontinents waren sie aufgebrochen, um am 11. März 2001 ihrem politischen Wortführer, Subcomandante Marcos, zuzuhören. Als sie in der Hauptstadt eintrafen, erwartete sie allerdings nicht das Marktgeschrei eines linken Guerilla-Ideologen. Stattdessen Poesie. Marcos trat vor die Menge und tat das, was er am besten kann: Er sprach in literarischen Rätseln und agitierte mit aufwühlenden Metaphern.
Seit mehr als zehn Jahren schon hält der immer maskierte Marcos die Welt auf diese Weise in Atem. Statt mit Kugeln leitet er den zapatistischen Aufstand in Chiapas, der ärmsten Region Mexikos, mit Worten. Mit Worten, die von seiner Literaturbeflissenheit genauso zeugen wie von seiner Erfindungsgabe. Spielerisch versteht der selbst ernannte Subkommandante es, die Belange von Chiapas mit kulturellen Codes zwischen Brigitte Bardot und Bertold Brecht sowie indigenen Mythen wie Popol Vuh, dem heiligen Buch der Quiché-Mayas zu verweben – mit großem politischen und literarischen Erfolg. Marcos gilt heute nicht nur als Sprachrohr einer politisch völlig reformierten Linken, sondern auch als einer der wichtigsten zeitgenössischen Autoren Lateinamerikas.
Öffentlichkeitsarbeit im Dschungel
Gegenwärtig liegen drei neue Publikationen vor, die es erlauben, das wohl spannendste Phänomen der Gegenwartsliteratur kennen zu lernen: ein literaturwissenschaftliches Buch von Kristine Vanden Berghe (Vervuert Verlag), eine Neuauflage der zapatistischen "Kommuniques" (Nautilus Verlag) – sowie der erste Vorstoß des Rebellenführers in den Krimi-Kosmos: “Unbequeme Tote“ (bei Assoziation A erschienen).
Als Marcos den Waffen abschwor und sich auf den Kampf mit Worten verlegte, begann eine Phase unermüdlicher Textproduktion. Seine so genannten “Kommuniques“ – die literarisch außerordentlich kreativen Pressemitteilungen der zapatistischen Befreiungsarmee – haben Weltruhm erlangt. Das liegt sicherlich daran, dass die mexikanischen Rebellen und Rebellinnen es bestens verstehen, die Massenmedien für ihre Zwecke zu nutzen: Sie lassen ihre Verlautbarungen global via Internet kursieren, während Tageszeitungen wie “La Jornada“ für die Verbreitung im Printbereich sorgen.
Mexikanisches Kreuzworträtsel
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Marcos erster Kriminalroman “Unbequeme Tote“ beginnt mit einem zapatistischen Detektiv, dessen innerer Monolog die Leser/innen durch den mexikanischen Urwald bis hin nach Mexiko-Stadt trägt. Seine Rede stolpert und holpert vor sich hin; er wiederholt sich, drückt sich ungeschickt aus, macht grammatische Fehler. Schnell wird klar, dass nicht die Autoren nachlässig gearbeitet haben – die Sprache des kleinen, grauhaarigen Detektivs ist die Sprache der unteren Klassen. Ein schwuler Filipino taucht auf, der in Spanien zu Hause ist und in Chiapas zu der internationalen Helfer-Brigade gehört, die den zapatistischen Aufstand unterstützt. Wieder wechselt die Sprache, wieder eine andere Lebenswelt. Die perspektivische Achterbahn bekommt durch Marcos' Co-Autor eine besondere Würze: Mexikos Star-Schriftsteller Paco Ignacio Taibo II gesellt sich ab dem zweiten Kapitel dazu und rollt die Geschichte aus der mexikanischen Hauptstadt heraus auf.
Die Ermittlungen der Detektive führen in die verdrängte Geschichte Mexikos und damit in die Welt von Staatsverbrechern, rechtsradikalen Netzwerken, korrupten Politikern, gierigen Supermächten und skrupellosen Konzernen. In den Kellern der Nation liegen Leichen – Opfer eines Regimes der Unterdrückung. Tote, die man nicht vergisst. Tote, die beginnen, Nachrichten auf Anrufbeantwortern von ehemaligen Freunden zu hinterlassen. Ihre Stimmen gleichen den süßen Bären, lilafarbenen Drachen und flauschigen Rentieren aus Zeichentrickfilmen. Das verleiht dem bisweilen düsteren Stoff eine fantastische Note und ist zugleich das bizarre Rätsel, das es zu lösen gilt. Der Krimi von Marcos und Taibo II wäre jedoch kein wirklich aufregender Roman, wenn die Lösung das Geheimnis nicht am Leben erhalten würde. Und wenn sie nicht zugleich auch politische Aufklärungsarbeit leisten würde.
Marcos, Taibo II: Unbequeme Tote
(Assoziation A 2005, 16.80 €)
Außerdem neu:
Kristine Vanden Berghe: Narrativa de la rebelión zapatista. Los relatos del Subcomandante Marcos (Iberoamericana/Vervuert 2005, 18 €)
Subcomandante Marcos: Botschaften aus dem lakandonischen Urwald (Edition Nautilus 2005, 14.90 €)
Krystian Woznicki, Jahrgang 1972, lebt als Publizist und Medienschaffender in Berlin.
Fotos: © Assoziation A
http://de.wikipedia.org
Wikipedia über Marcos
www.submarcos.org
Marcos’ Homepage (spanisch)
www.sterneck.net
Politische Reden und Texte von Marcos (deutsch)