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Eine schwere Zeit

Die Gedanken eines israelischen Soldaten

5.10.2005 | Susanne Sitzler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Yotam Praag, 21 Jahre, ist israelischer Soldat und säkularer Jude. Er wohnt im Kibbuz Dafna, im Norden Israels, und beendet seinen Militärdienst in zwei Monaten. Danach möchte er für eine Weile in Großbritannien leben und arbeiten. Vor rund vier Wochen gab Israel den Gazastreifen an Palästina zurück. In den frühen Morgenstunden verließen die letzten israelischen Soldaten das seit 38 Jahren besetzte Gebiet am Mittelmeer. Doch der von vielen Friedensaktivisten lang ersehnte Schritt hat keine Ruhe in den Nahost-Konflikt gebracht. Schießereien und Gewalt in Gaza sind an der Tagesordnung, denn die palästinensische Polizei hat radikal-militante Gruppen wie die Hamas nicht im Griff. Die Israelis schauen mit gemischten Gefühlen auf die Lage im ehemals besetzten Gebiet. Für fluter erzählt Yotam von seinen Erfahrungen beim Abzug und von seinen Hoffnungen für die Zukunft:

"Obwohl die Palästinenser momentan ziemlich negativ reagieren und uns immer weiter bekriegen, glaube ich, dass der Abzug aus Gaza notwendig war, um langfristig Ruhe in die Situation zu bringen. Ich befürworte den Räumungsplan, bin aber sehr enttäuscht darüber, dass die palästinensische Regierung es nicht schafft, die Terroristen von ihren offensiven Aktivitäten gegen Israel abzuhalten. Schuld an der aktuellen Situation sind vor allem die extrem rechten Palästinenser und ihr bewaffneter Guerrilla-Arm. Sie sind das Holz, das das Feuer auf beiden Seiten anheizt.

Wenn ich an die Räumungsaktion zurückdenke, muss ich sagen: Das war das härteste, was ich in meinen drei Armeejahren erlebt habe. Zu Beginn der Aktion war ich außerhalb der Grünen Linie zum Gazagebiet, zwei Wochen lang. Ich habe dort Leute, die mit den Siedlern sympathisieren, davon abgehalten in die Siedlungen zu gelangen. Zu Hunderten kamen rechte Israelis und Leute aus dem Westjordanland, um es uns, den Soldaten, so schwer wie möglich zu machen - genauso haben sie das gesagt.

Am Schlimmsten war die Blockade: Wir standen da und mussten alle, Händler, Arbeiter, Palästinenser, davon abhalten, in das Gebiet zu gelangen. Ständig muss man auf alles vorbereitet sein, was passieren könnte. Es war keine Kampf-Situation, aber es war trotzdem schrecklich.

Einen noch härteren Job hatten die Soldaten, die die eigentliche Räumung durchführten. Auch Frauen waren dabei - wegen der religiösen Siedlerinnen. Es war hektisch und stressig. Sieben Soldaten kamen auf einen Siedler. Keiner wollte darüber sprechen. Aber niemand ging ohne Gefühle zu seinem Einsatz. Das geht nicht. Jeder fühlt sich ein wenig mit den Siedlern verbunden, denn Israel ist ein kleines Land.

Die Siedler selbst kann ich nicht beschuldigen. Schließlich waren sie dort zu Hause. Stell dir vor, Soldaten würden kommen, und dich aus deiner Wohnung zerren. Wie würdest du dich da fühlen? Stell dir einfach vor, wie hart das wäre.

Ich bin mit der Sache fertig

Nachdem alle Siedler im Gazagebiet ihre Häuser verlassen hatten, war ich in der Siedlung Kefar Darom stationiert. Dort war es in erster Linie unser Job, das Hab und Gut der Leute zu beschützen, bis alles gepackt war. Wenn nötig halfen wir auch dabei. Die Häuser der Siedler wurden niedergerissen.

Gegen zwöf Uhr Nachts am 12. September haben wir die Siedlung verlassen. Ich sah eine endlose Linie von LKWs. Ich selbst saß in einem der letzten. Als jemand das Tor zur Siedlung verschloss dachte ich: "Das war's. Nie wieder Gaza!" Ich bin mit der Sache fertig. Wenn nochmal was passieren sollte, werde ich nicht mehr da sein.

Freiwillig hätte ich den Job nicht gemacht. Aber die Knesset, das israelische Parlament, hat das Gesetz zur Räumung verabschiedet und ich als Soldat tue meine Pflicht. Trotzdem bin ich nicht glücklich mit dem, was ich getan habe. In sechs Jahren muss mein kleiner Bruder zur Armee. Hoffentlich ist es dann ruhiger."

Protokoll & Foto: Susanne Sitzler


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