t

3..., 2..., 1... – meins!

Geschäfteboom online

12.4.2004 | Susanne Sitzler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Die Turnschuhe waren ein Fehlkauf. 16 Euro, gebraucht, ersteigert bei ebay. Aber jetzt, wo Barbara sie sieht, gefallen sie ihr doch nicht. Die Schuhe sind zu klein. Und nun...? Barbara überlegt nicht lange: sie kopiert das digital-Foto aus dem Account des Verkäufers, schreibt ein paar veranschaulichende Zeilen - und schon sind die Adidas-Trainer wieder im Netz: gebraucht, günstig, bei ebay.

Barbara hat schon öfter bei ebay gehandelt. Sie findet die Idee des virtuellen Auktionshauses genial - weil sie dort alles bekommt, was sie braucht - und noch mehr: Selbst Dinge, die es gar nicht mehr gibt, wie Karten für ein ausverkauftes Konzert. Oder Dinge, die es noch nicht gibt, zum Beispiel Rezensionsexemplare von neuen Büchern. "Wie groß ist die Chance, auf dem Flohmarkt das zu bekommen, was man sucht?" fragt sie. "Bei ebay gibt es super Suchfunktionen - da findest du fast alles!"

Der Online-Handel wächst.

Bei ebay-Deutschland sind jeden Monat über zwei Millionen Artikel im Angebot: Vom Auto bis zum Nagelknipser. Über elf Millionen Mitglieder sind in Deutschland registriert, rund 95 Millionen sind es weltweit und die Zahl wächst ständig. Nach eigenen Angaben besuchen pro Monat über 17 Millionen unterschiedliche Nutzer ebay.de, sie bleiben im Schnitt 140 Minuten auf den Seiten.

Mit einem Umsatz von rund 92 Mio US-Dollar ist ebay in Deutschland stärkster e-commerce-Anbieter. Das Unternehmen aus den USA hat die Konkurrenz inzwischen weit hinter sich gelassen. Nach einer aktuellen Studie des Marktforschungsinstituts Enigma GFK und TNS Infratest haben in den vergangenen 12 Monaten rund 23 Millionen Privatkunden mindestens einmal auf e-Commerce-Seiten eingekauft - Besonders Bücher und Tickets, aber auch Bekleidung, CDs und Computersoftware haben es den e-shoppern angetan. Auf Platz zwei liegt amazon.de mit rund 9,5 Millionen Kunden. Der Online-Handel wächst rasant.

Doch mit dem stetigen Anwachsen der Mitglieder und der Angebote wächst auch die Konkurrenz - vor allem unter den Verkäufern. Das musste Jutta erleben: die ehemalige "Power-Sellerin", so der Titel für Verkäufer mit über 5.000 Geschäftsabwicklungen, gab ihren Online-Shop für Damenbekleidung nach gut zwei Jahren auf. "ebay hat seinen Charme verloren, die Anbieter werden immer professioneller und die Gebühren immer höher", bemängelt sie.

2001 hat sie angefangen, hauptberuflich über ebay zu verkaufen. In Spitzen-Monaten hat sie bis zu 8.000 Euro Umsatz erwirtschaftet - dafür aber auch bis zu 12 Stunden pro Tag gearbeitet. "Ich habe alles selbst gemacht, wollte jede E-Mail persönlich beantworten", erklärt sie. Zu dem Stress kamen die vielen rechtlichen Fragen, die ein Online-Gewerbe aufwirft: Wie ist das Rückgaberecht geregelt? Was unternehme ich, wenn ein Kunde nicht bezahlt? Welche Steuern muss ich abführen? Aus Erfahrung weiß Jutta, dass viele Händler blauäugig in die Selbständigkeit gehen: "Viele sind unwissend und kalkulieren falsch." ebay lasse die Händler mit ihren Problemen allein.

Die Grenzen des Internet

Um dem zu begegnen führte das Auktionshaus 2002 in Deutschland verschiedene Schulungsprogramme ein, die sowohl Käufern als auch Verkäufern die Kompetenzen für Online-Geschäfte vermitteln sollen. "In verschiedenen deutschen Städten gibt es die ebay-University mit bis zu 450 Teilnehmern. Dort vermitteln wir Grundlagen", sagt Maike Fuest von ebay Deutschland. In Zusammenarbeit mit den Industrie- und Handelskammern gebe es Schulungen speziell für Einzelhändler oder Existenzgründer.

Obwohl die Online-Geschäfte also bestens florieren, gibt es noch genügend Menschen, die auch ohne den Kauf per Mausklick leben. Sie wollen die Dinge sehen, bevor sie etwas kaufen. Sie wollen anfassen, prüfen, ausprobieren. Oder sie haben schlicht keinen Internet-Zugang. Nach einer im März veröffentlichten Umfrage im Auftrag der Europäischen Kommission kaufen nur rund 16 Prozent der EU-Bürger regelmäßig online ein - in Deutschland sind es 21 Prozent. Der Hauptgrund für die relativ kleine Käuferzahl: 57 Prozent der Europäer sind nicht im World Wide Web. Ein Viertel all derjenigen, die noch nie online etwas gekauft haben, gaben außerdem an, dass sie dem Medium Internet als solches nicht vertrauen.

Eine geniale Börse?

Bei ebay versucht man dieser Angst mit dem Bewertungssystem zu begegnen: nach jedem Kauf bewerten Käufer und Verkäufer sich gegenseitig. Wer viele positive Bewertungen hat, dem kann man in der Regel vertrauen - viele Kunden können nicht irren. Das ist gut für den Käufer, der sich überlegen kann, bei wem er kaufen will. Den Verkäufer hingegen schützt dieses Konzept nicht: er kann, wenn jemand sich nur einen Spaß gemacht hat und später nicht bezahlt, unter Umständen auf seinem Artikel sitzen bleiben.

Und wer ist eigentlich der typische ebayer? Ein homogenes Profil gibt es nicht, sagt Fuest. Die Nutzer kommen aus allen Altersgruppen, allen sozialen Schichten. Nach der EU-Studie sind aber bei den Online-Shoppern die 25-39-Jährigen überproportional vertreten - vermutlich machen sie somit auch eine große Gruppe der ebayer aus.

Dass der florierende Online-Handel den Einzelhandel ruiniert - diese Angst gibt es mittlerweile nicht mehr. Olaf Roik vom Hautverband des deutschen Einzelhandels entgegnet: "Auch viele Einzelhändler nutzen die neuen Vertriebswege über das Internet". Über den Zuwachs im Versandhandel freut sich nicht zuletzt die Deutsche Post. "Wir sind der natürliche Partner des Online-Handels", erklärt ein Pressesprecher der Bundespost. Schätzungsweise rund 17 Prozent aller Privatpakete gehen auf Online-Geschäfte zurück.

Susanne Sitzler ist Volontärin der bpb.

Foto: "Und-Weg, Agentur für Internetauktionen, Berlin" / Ole Brömme



www.europa.eu.int
Die EU-Studie zum e-commerce als pdf

www.tireto.de
ebay rückwärts - Versteigerungen, bei denen die Preise fallen. Wer am längsten wartet, zahlt am wenigsten

www.enigma-gfk.de
Homepage von Enigma mit einer Pressemitteilung zum Thema (als pdf)

Kommentare

Dein Kommentar