Fast 35.000 Jugendliche haben im vergangenen Jahr in Deutschland keine Lehrstelle gefunden. In Berlin waren im Februar 2004 noch genau 10.536 der 57.694 Auszubildenden ohne Lehrstelle. An diesem Schicksal sind die 72 Jungen und Mädchen im Werkhof Zehlendorf knapp vorbeigeschrammt. In Zeiten, in denen ein Hauptschulabschluss oft nichts mehr wert ist, weil das Abitur die Voraussetzung für eine Kosmetikerinnenausbildung bedeutet, hatten die Leute im Werkhof Zehlendorf Glück: Kein Schulabschluss heißt eigentlich keine Aussicht auf gar nichts.
Im Werkhof Zehlendorf kann man nicht nur den Schulabschluss nachholen. Abschließend erlernen die Jungen und Mädchen die Berufe "Zimmermann", "Maurer", "Stuckateur" und "Koch". Arbeit und Pünktlichkeit stehen auf dem Tagesplan ganz oben. "Zu spät kommen, das ist nicht drin. Wir spielen hier nicht!", stellt der ausbildende Koch Reinhold Tischler klar. Am Herd steht Thorsten aus den Hellersdorfer Plattenbauten mit Skinheadfrisur, neben ihm der türkisch-stämmige Ilhan aus Kreuzberg.
Irgendwas musste passieren
Beide sind 18 Jahre alt, beide sind Schulabbrecher, beide stammen aus Sozialhilfefamilien und beide haben ihre Erfahrungen mit Drogen gemacht. Es ist mittags, die Küche läuft auf Hochtouren. Die sechs Lehrlinge kommen ganz schön ins Schwitzen, überall zischt und raucht es. "Wir haben hier eine hohe Produktivität", berichtet Tischler. Den Jungen gefällt das.
Was nach seiner Ausbildung kommt, daran will Ilhan noch nicht denken. Über die Zukunft will er sich noch keine Gedanken machen. "Es ist wichtig, einen Abschluss zu haben.", erklärt Herr Merk, der Leiter der Einrichtung, "Er ist die Eintrittskarte in die Arbeitswelt." Außerdem mache man weiter, wenn man erstmal was erreicht habe. Achtzig Prozent aller Auszubildenden beim Werkhof Zehlendorf schaffen die Prüfungen - und noch wichtiger: sie finden Arbeit. Die vier Koch-Azubis aus dem vergangenen Jahr haben alle inzwischen gut bezahlte Stellen. Sie sind in die Schweiz, nach Österreich, nach Baden-Württemberg gegangen - dahin, wo Arbeit ist. In Berlin ist es schwierig mit einem Job, das weiß auch Ilhan. In der Hauptstadt hat sich die Arbeitslosenzahl in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt.
Alles, was man nicht machen sollte
Jeden Tag paukt Ilhan Küchenfranzösisch: pochieren, farcieren, garnieren. Jeden Tag Vorsuppe, Hauptspeise, Salat und Nachtisch. Reinhold Tischler ist mit seinen Azubis zufrieden: "Wenn jemand weiß, dass es weiter geht, dann ist die Motivation morgens aufzustehen natürlich größer." Für den Werkhofleiter Merk ist die Arbeit der Köche auch deshalb so wichtig, weil sie die anderen Azubis versorgen. Viele auf den Baustellen würden sich nämlich sonst kein Essen kaufen und irgendwann einfach umklappen.
"Die meisten können mit Geld nicht umgehen", erklärt Leiter Merk. Der Dispo ist das größte Problem, der ist bei fast allen voll ausgereizt. Eine Schrankwand auf Raten gekauft, beim Schwarzfahren erwischt, nicht gezahlt und die Strafe steigt auf bis zu 500 Euro. "Alles, was man nicht machen sollte, das machen die knallhart." Aber auch dafür gibt es beim Werkhof eine Lösung. Eine professionelle Schuldnerberatung hilft, die finanzielle Abwärtsspirale zu verlassen. Das ist nicht immer leicht durchzuhalten, wenn die Freunde abhängen oder dealen. Schwer, dann zu sagen, ich gehe da nicht mehr mit. Man muss sich entscheiden. Ilhan hat sich entschieden.
Silke Kettelhake ist fluter-Redakteurin.
Fotos: "Werkhof Zehlendorf" / Silke Kettelhake
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