Stewart O'Nan: Halloween

Auf der dunklen Seite

1.4.2004 | Sandra Hofmeister | Kommentar schreiben
Eine Mission der Lebenden und der Toten.
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In einer düsteren Halloween-Nacht ereignet sich ein Autounfall mit tödlichen Folgen: Marco, Danielle und Toe sterben dabei. Tim und Kyle überleben - Kyle allerdings mit bleibenden geistigen Schäden; er wird sein Leben lang auf Hilfe angewiesen sein. Tim lässt die Erinnerung an seine Freundin Danielle nicht mehr los. Der Verkehrspolizist Brooks hatte das Oldsmobile der Freunde in der Nacht verfolgt, er sah, wie es sich um die Platane am Straßenrand wickelte. Auch ihn verfolgt die schreckliche Unfallnacht. Genau ein Jahr nach dem Crash inszeniert Tim nach einem genauen Protokoll die Todesnacht - er will nicht mehr leben. Der ebenfalls lebensmüde Brooks soll mit in den Tod.

Geisterstunde

Stewart O'Nans Roman "Halloween" basiert auf einer wahren Begebenheit: Ein Mann bringt sich um, indem er sein Auto gegen denselben Baum steuert, an dem zuvor sein Bruder in einem Unfall starb. Die Geschichte wird aus der Sicht der Toten erzählt: Marco, Danielle und Toe kommen als unsichtbare Geister zurück zu denen, die an sie denken. Sie plaudern miteinander und kommentieren die Gedanken ihrer Freunde und Eltern, mal liebenswürdig, mal bösartig, als "jugendliche Engel" oder böse Gespenster: "Ich bin tot", sagt Toe, "ich brauche nicht nett zu sein." Doch die Halloween-Geister bleiben Beobachter und Zeugen. Sie greifen nicht in die Handlung ein. Die Todessehnsucht der Überlebenden ist nicht von Geisterhand gesteuert. Sie kommt aus dem Leben selbst.

Tödlich gelangweilte Kleinstädter

O'Nan ist ein Meister des Details. Seine Bücher siedelt er gern in einer der unzähligen amerikanischen Kleinstädte an. "Halloween" treibt die Beschreibung der sauberen Vorgärten und Vororte auf die Spitze; die Kleinstadtidylle mutiert zum morbiden Albtraum. Weder Tim noch Brooks oder Kyles Mutter finden einen Ausweg aus ihrem Leben, das aus einer Aneinanderreihung von Shopping-Centern, Verkehrsstaus und langweiligen Alltagsritualen besteht. Mehr als Donuts und Miller Beer scheint das Leben ihnen nicht bieten zu können.

O'Nan entwirft die Landkarte und Atmosphäre seines Schauplatzes Avon in Connecticut mit pedantischer Genauigkeit. Austauschbare Läden und Orte charakterisieren dieses Avon: die Mobil-Tankstelle mit dem Minimarkt, McDonalds, Staples und der Dunkin' Donuts, trostlose Parkplätze, Einkaufszentren und Drive-Ins im Nirgendwo. Brooks zum Beispiel kurvt in seinem Streifenwagen oft ziel- und sinnlos herum; "von Stony Way über Stony Corners Circle bis zur Stony Corners Road". Für ihn ist das eine Art Vorhölle. O'Nan hat dem Roman ein destruktives Curt-Cobain-Zitat vorangestellt: "Ich hasse mich und wäre am liebsten tot."

"Halloween" ist ein minutiöses, gruseliges Protokoll des lähmenden Alltags, gekonnt erzählt in Fernsehsoap-ähnlichen, kurzen Sequenzen. Eine Hommage an den Augenblick und eine Huldigung all derer, die sich dem Leben stellen, während der ultimative Crash droht: "Es ist spät, und man kann nirgends hinfahren, denn diese Stadt ist echt zum Kotzen, aber das ist uns egal."

Sandra Hofmeister lebt in München als freie Autorin für Printmedien und Fernsehen.

Stewart O'Nan: Halloween (Rowohlt Verlag 2004, circa 20 €)




Dazu passt
J. G. Ballard: Crash. Der Mann, der Verkehrsunfälle liebte (verschiedene Ausgaben, gebraucht bei www.amazon.de oder www.zvab.de)


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www.stewart-onan.com
Jede Menge Informationen zu dem Autor Stewart O'Nan

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