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Ursache und Wirkung

Wie funktioniert die Wirtschaft?

29.4.2004 | Samira Lazarovic | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Ist es die Aufgabe der Regierung, sich um Arbeitsplätze und Gesundheitsvorsorge zu kümmern, oder ist es besser, wenn Vater Staat ganz die Finger davon lässt? Das sind die Fragen, die nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Ökonomen schon seit Jahrhunderten beschäftigen. Die Gedanken, die sich Keynes, Schumpeter oder Hayek zu diesen Themen gemacht haben, werden bis heute hervorgeholt, wenn es um Wirtschaftspolitik geht.

Die Ursachen der Arbeitslosigkeit
John Maynard Keynes (1883-1946)


Zu den bekanntesten Ökonomen gehört John Maynard Keynes. Der Brite suchte in den 30er-Jahren nach den Ursachen der Arbeitslosigkeit und dachte darüber nach, wie der Staat die Wirtschaft aus einer Krise holen kann. Ein linker Ökonom war Keynes jedoch nicht - er sah sich selbst auf der Seite der "gebildeten Bourgeoisie", die mit den herkömmlichen Ansichten aufräumen wollte.

Die herrschende ökonomische Lehre besagte damals, dass das Gesetz von Angebot und Nachfrage, oder die "unsichtbare Hand", die Wirtschaft auf lange Sicht immer wieder ins Gleichgewicht bringt. Auf Arbeitslosigkeit bezogen würde das bedeuten, dass das Angebot an Arbeit steigt, wenn der Preis dafür, also der Lohn, ausreichend niedrig ist. Alles was bei Arbeitslosigkeit zu tun wäre, wäre zu warten, bis die Unternehmer die Löhne senkten - auf lange Sicht würde dann wieder Vollbeschäftigung herrschen. Doch Keynes war nicht bereit zu warten, denn wie er unwiderlegbar feststellte, sind wir "auf lange Sicht alle tot".

Keynes große Stunde schlug in der Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre. Als nach dem Börsencrash am "Schwarzen Freitag" 1929 die Arbeitslosenzahlen explodierten, empfahl Keynes der britischen Regierung, sich bei den Banken Geld zu leihen und damit Arbeitsplätze zu schaffen, statt wie damals üblich die Krise "auszusitzen" und die Ausgaben zu drosseln, um den Staatshaushalt zu schonen. Der Ökonom war der Ansicht, dass wenn die Unternehmen in schlechten Zeiten den Gürtel enger schnallen, es die Aufgabe des Staates ist, für die Investitionen zu sorgen und zum Beispiel Aufträge für den Bau von Straßen zu vergeben. Zudem sollte der Staat die Unternehmesinvestitionen fördern, beispielsweise mit steuerlichen Vergünstigungen.

Mit seinen Theorien stellte Keynes die gängige Lehre auf den Kopf - und fand vielleicht gerade deshalb viele Anhänger. Zu seinen berühmtesten Schülern gehörten US-Präsident John F. Kennedy und sein Nachfolger Lyndon B. Johnson. Die von Kennedy beschlossenen und von Johnson verfolgten Steuersenkungen bescherten den USA 1965 eine Beinahe-Vollbeschäftigung von 96 Prozent.
Auch heute wird in Krisenzeiten gerne einmal die Staatskasse mit dem entschuldigenden Hinweis auf Keynes strapaziert - auch in Deutschland. Nachdem Bundesfinanzminister Hans Eichel sich erst mit seinem eisernen Sparprogramm einen Namen machte, kam 2002 die Wende - übertriebene Sparmaßnahmen lähmten die Wirtschaft, hieß es plötzlich. Das riesige Staatsdefizit wurde wieder gesellschaftsfähig. Doch aus Brüssel kamen blaue Briefe, denn Keynes hin oder her - der EU-Kommission gefallen diese Löcher in der Staatskasse im Hinblick auf die Maastricht-Kriterien gar nicht.

Der dynamische Unternehmer
Joseph Alois Schumpeter (1883-1950)


Obwohl er heute unbestritten zu den größten Ökonomen des letzten Jahrhunderts gehört, stand der Österreicher Joseph Alois Schumpeter sein Leben lang im Schatten von Keynes. Dabei war es Schumpeter, der 1939 das lateinische Wort "innovation", das im Kirchenlatein für Erneuerung und Veränderung stand, in die Wirtschaft einführte.

Der Wirtschaftswissenschaftler beschrieb Wettbewerb als einen Prozess der "schöpferischen Zerstörung", bei dem neue oder bessere Produktionsverfahren und Waren die alten verdrängen. So haben zum Beispiel CD-Player Plattenspieler verdrängt. Neben der Verdrängung war aber auch die Erschließung neuer Märkte Schumpeter wichtig - also auch die Entwicklung neuer Produkte, wie etwa heute Mobiltelefone. Doch die bahnbrechende Erfindung allein machte für ihn noch keine Innovation aus. Wichtig sei, dass sich die neue Idee auch am Markt durchsetze.

Innovationen entstanden seiner Ansicht nach nicht, weil der Markt "danach verlangte". Hinter jeder Innovation stehe vielmehr ein schöpferischer und dynamischer Unternehmer, glaubte der Ökonom. Bis heute wird der schumpeterische Unternehmergeist beschworen und der nach ihm benannte Preis an besonders innovative Wirtschaftsköpfe verliehen. Ein bisschen von diesem Geist wünscht sich wohl auch Bundeskanzler Schröder, um Deutschland aus der Flaute zu holen - er erklärte 2004 zum "Jahr der Innovation". Schumpeter selbst war übrigens in der Theorie um einiges besser als in der Praxis - als Leiter einer Privatbank führte er das Institut in kurzer Zeit in den Bankrott.

Kein Wohlfahrtsstaat, bitte!
Friedrich August von Hayek (1899 bis 1992)


Anders als Schumpeter sah sich der österreichische Ökonom und Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek nicht als Konkurrent von Keynes - sondern als dessen Gegenspieler. Von Hayek sagte in seinem Werk der staatlichen Einmischung in den Wettbewerb den Kampf an. Jede Form der sozialen Steuerung des Marktes war ihm zuwider. Für den Ökonomen zog jeder kleinere Eingriff des Staates ins Marktgeschehen zwangsläufig neue und stärkere Maßnahmen nach sich. Am Ende der Spirale sah Hayek Planwirtschaft und Diktatur lauern.

Von Hayek warnte ausdrücklich vor jeder Form eines Wohlfahrtsstaates. Der Begriff "soziale Gerechtigkeit" blieb ihm nach eigenen Angaben ein Leben lang ein Rätsel - die aktuelle Diskussion um die Gesundheitsreform hätte ihn nicht minder verwundert. Nach Hayek ist der Staat nicht für die Versorgung seiner Bürger zuständig. Er hat lediglich die Aufgabe, Rahmenbedingungen zu schaffen und Rechtsnormen zu setzen. Dieses Prinzip des "Nachtwächterstaates" hat später auch der Ökonom Milton Friedman übernommen, für den das System der allgemeinen Wohlfahrt ein Betrug an den Leuten ist, die noch arbeiten und Steuern zahlen. Die Theorien dieser Ökonomen schreiben sich bis heute liberale Parteien auf die Fahne - doch Hayek selbst lehnte den Begriff "Liberalismus" ab - aus ästhetischen Gründen, wie er sagte.

Samira Lazarovic arbeitet fürs Fernsehen und fürs Internet. Ihr Schwerpunkt: alles, was mit Wirtschaft zu tun hat.


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