t

Ist das Imperium am Ende?

Der Wahlkampf in den USA (IV)

6.4.2004 | Viola Keeve | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Bücher über die ohnmächtige Supermacht Amerika gehen gut, Abgesänge auf ein Land, das sich überfrisst, übernimmt, andern ungefragt seine Werte aufzwängt. Das kommt an - funktionierte schließlich schon bei "Stupid White Men", Michaels Moores Erfolgssatire. Schadenfreude ist eines der wenigen deutschen Begriffe neben Hinterland, Zeitgeist und Angst, die das Amerikanische kennt. Sie kommt bei vielen Europäern auf, wenn der Brite Michael Mann poltert: Amerika, das sei "ein militärischer Riese, ökonomischer Trittbrettfahrer, politisch Schizophrener und ideologisches Phantom", nichts anderes als ein "gestörtes und missgestaltetes Monster, das durch die Welt tapert und stakst. Es meint es gut. Es möchte Ordnung schaffen und Gutes tun, schafft stattdessen aber noch mehr Unordnung und Gewalt."

Über die Pax Americana

In seinem Buch "Die ohnmächtige Supermacht - warum die USA nicht die Welt regieren können" zeichnet der Soziologe der renommierten London School of Economics in düsteren Farben das Bild einer Macht, die untergehen wird, weil sie sich überdehnt. Eine Werteexpansion sei das, erläutert Mann, keine Landexpansion. Die USA seien ein Großreich, das nicht wachsen, sondern Ideale exportieren will: Freiheit, Gleichheit, Marktwirtschaft.

Über die Pax Americana schreibt sein Kollege, der Soziologe John Gray, in seinem neuen, faszinierenden Buch "Die Geburt al-Qaidas aus dem Geist der Moderne": Eine Hürde auf dem Weg zur globalen Imperialmacht sei Amerikas zwiespältige Wahrnehmung der Welt. "Einerseits glauben viele Amerikaner, dass alle Menschen im Grunde ihres Herzens Amerikaner sind. Andererseits haben sie die Welt - besonders die alte Welt Europas - lange als korrupt, möglicherweise unheilbar korrupt betrachtet", erläutert Gray. "Andere Länder sehen den American way of life als einen unter vielen."
Michael Mann, entsetzt über Großbritanniens Beteiligung am Irakkrieg, erklärt wütend über seine Regierung, sie habe sich "den Amerikanern angeschlossen wie ein kläffender Köter, der seinem Herrn nachlaufe". Und erklärt ungeschminkt: "Die Amerikaner müssen den Mist auslöffeln, den sie sich eingebrockt haben. Und sie müssen Abbitte leisten."

Weniger pathetisch urteilt auch Andrew J. Bacevich, Professor für Internationale Beziehungen in Boston: "Like it or not: America today is Rome". Die Militarisierung der Politik aber habe nicht erst mit Bush und dem 11. September begonnen, sondern viel früher. Auch Kerry, von deutschen Medien wie dem "Stern" gern zu "J.F. Kerry" stilisiert, werde sich außen- und sicherheitspolitisch kaum von George Bush unterscheiden, darin sollten sich die Europäer nicht täuschen. Kerry kritisiert Bushs Weg nicht, er wirft ihm nur "mismanagement" im "war on terror" vor.

Und deshalb rechnet Andrew J. Bacevich nüchtern vor, wovon es abhängt, ob und wie lange Amerika seine Vormachtstellung halten kann. Vor allem auf fünf Entwicklungen komme es an:

1. Fähigkeit zur Staatenbildung: Wenn die Vereinigten Staaten im Demokratisierungsprozess versagen würden,
würden sie ureigenen Zielen untreu. "Then you can kiss the Empire goodbye", erklärt Bacevich.

2. Militärische Stärke: Nicht an High Tech, an Maschinen, sondern an Menschen hapere es, Soldaten seien die kostspielige Größe, zu wenige müssen zu viele Aufgaben übernehmen. Ein Drittel der US-Soldaten im Irak sind Reservisten, an eine Auszeit zu Hause sei nicht zu denken, vom Irak gehe es für die meisten gleich weiter in den Kosovo, oder umgekehrt.

3. Rückhalt in der Bevölkerung: Doppelt so viele Soldaten sind in Kampfhandlungen verletzt oder getötet worden als bisher in jedem andern amerikanischen Krieg. Trotzdem stehen die US-Bürger hinter der Regierung, immerhin 60 Prozent sind überzeugt vom Einsatz im Irak. Im Wahlkampf entscheide sich die Mehrheit meist für den Präsidenten im Amt, da gelte schlicht: "stick with the commander", solange sie das Gefühl habe, Bush habe einen Plan, der funktioniere. "Never change a winning team", damit allein aber lasse sich Bushs breiter Rückhalt nicht erklären. Die Medien spielten eine zentrale Rolle. "Everybody loves the troops", erklärt Bacevich. Warum? Alte Wunden, altes Trauma, glaubt er, denn in Vietnam habe Amerika seine Truppen im Stich gelassen.

4. Globale Führungsrolle: Im Irakkrieg habe sich Amerika nicht etwa isoliert, sondern nur alte Bündnisse verlassen und neue gesucht. Eine Koalition der Willigen ist kurzfristig praktisch, aber auch beiderseitig leichter kündbar.

5. Geld: Den ersten Golfkrieg haben vor allem die Europäer bezahlt. Jetzt müssen die USA die finanzielle Last selbst schultern - und gefährde das, was Amerika eine, zusammenhalte, nämlich das Gefühl, die Überzeugung: "Mein Leben ist besser als das meines Vaters, und das meiner Kinder wird besser sein als meines". Gerate das ins Wanken - wie derzeit - könnte das Kerry beste Chancen einräumen. Wieviel die Amerikaner letztlich bereit sind zu zahlen, werde über das Ende eines Empires entscheiden.

George W. Bush, Donald Rumsfeld oder Condoleeza Rice haben selbst nie von einem Imperium gesprochen. Immerhin aber erschien in der New York Times vom 22.9.2001 der Satz des Präsidenten gegenüber einem seiner engsten Berater: "Wir haben die Möglichkeit, die Welt neu zu orden und wir müssen es richtig tun." Das sind starke Worte, die die Kritiker in der Welt herausfordern. Die Wahl aber werden die Debatten um die Rolle der USA in der Welt nicht entscheiden. Wichtiger sind die Wirtschaftslage, soziale Aufstiegschancen, Ausbildung und Absicherung, dann erst die Außenpolitik, erläutert Crister S. Garrett, Professor für Internationale und Europäische Studien in Madison, Wisconsin.

"It´s the jobs, stupid!"

Bushs Problem sei einfach: Die Wirtschaft läuft, vier Prozent Wachstum sogar, aber die Arbeitsplätze fehlen. Das kann Wähler kosten. Hieß es früher: "It´s the economy, stupid!", heißt es heute "It´s the jobs, stupid!" Solange die "middle class" in Staaten wie Ohio, Michigan, Pennsylvania oder Illinois weiter gute Stellen verliere und ihre Kinder immer seltener aufs College schicken könne, würden die Republikaner zu Recht nervös. "Der amerikanische Traum ist es, zur Mittelschicht zu gehören", sagt Garrett. Damit könne Kerry punkten, wenn Grundpfeiler wie Sicherheit und Wohlstand wegzubrechen drohen.

"Wenn die Mittelschicht beginnt, die Kosten der Außenpolitik selbst zu spüren, eventuell noch im Freundeskreis Söhne oder Töchter im Irak zu verlieren, kann Bushs Rückhalt schnell enden", erklärt er. Mit Außenpolitik könne man keine amerikanischen Wahlen gewinnen, höchstens verlieren - das gilt für jeden, auch für die Erben eines nie ausgerufenen Empires.

Viola Keeve arbeitet als Journalistin für Zeitungen und Magazine. Im vergangenen Herbst war sie in New York als Mc Cloy-Stipendiatin.


www.bpb.de
Von A wie Amendment bis W wie Watergate: Das Glossar fasst die wichtigsten Schlagworte zum Thema "Politisches System der USA" zusammen.

www.politikerscreen.de
Das Dossier von Politikerscreen begleitet die Kandidaten für die demokratische Präsidentschaftskandidatur

www.dw-world.de
Politik und Wahlen in den USA - Die deutsche Welle hat ein Dossier eingerichtet




Kommentare

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)

Dein Kommentar

Kommentar schreiben

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)