Angst? Nein, Angst muss man in Russland als politischer Journalist nicht haben, da sind sich die jungen Frauen einig. "Ich weiß noch nicht, ob ich in den politischen Journalismus gehen werde", sagt Anna. "Aber wenn, dann würde ich meine Meinung schreiben. Das ist doch mein Beruf." Mit mehreren Kommilitonen sitzt die 19 Jahre alte Frau im Studienraum des Freien Russisch-Deutschen Instituts für Publizistik (FRDIP) der Lomonossow-Universität in Moskau, in dem sich Bücher über Deutschland und deutsche Medien bis unter die Decke stapeln. Und die ein Jahr ältere Anastasia fügt hinzu: "Ich will auf jeden Fall in Russland über russische Politik schreiben. Angst davor habe ich eigentlich nicht."Genau solche Journalisten aber sind in Russland nicht unbedingt gern gesehen. Zensur wie zu Zeiten der Sowjetunion gibt es in Russland zwar nicht mehr. "Früher saß in jeder Redaktion bzw. in jedem Druckhaus ein Zensor, dem alle Journalisten ihre Artikel zeigen mussten", erzählt Woronenkowa. "Das ist vorbei. Aber es gibt etwas, was die Deutschen 'Scheren im Kopf' nennen, nämlich Selbstzensur. Und natürlich wird Nachzensur geübt." Aus dem Kreml komme keine Anweisung, über bestimmte Themen nicht zu schreiben. Aber wenn in einem Artikel scharfe politische Kritik geübt werde, dann könne der Chefredakteur der betreffenden Zeitung schon mal seinen Job verlieren.
Am meisten beunruhigt Woronenkowa – anders als ihre Studentinnen - das Klima der Angst, das sich unter russischen Journalisten ausbreite. "Nach dem Mord an Anna Politkowskaja fürchte ich, dass die jungen Journalisten Angst haben werden, politische Themen zu besprechen", sagt Woronenkowa. "Hoffentlich kommt die Zeit, in der die Jungen über Politik schreiben werden." Die Journalistin Anna Politkowskaja, die sehr kritisch über den Krieg in Tschetschenien berichtet hatte, war Anfang Oktober vor ihrer Moskauer Wohnung mit mehreren Schüssen ermordet worden.
Das Gefühl der Angst kennt auch Olga Kitowa. Die 52-Jährige Journalistin hat für die "Nowaja Gazeta" – die Zeitung, für die auch Politkowskaja gearbeitet hat - und die "Moskowskij Komsomolets" über Korruption und Amtsmissbrauch in der zentralrussischen Region Belgorod berichtet, die dem Gouverneur Ewgenij Sawtschenko untersteht. Bereits 2001 wurde sie deshalb von den örtlichen Behörden verhaftet und vor Gericht gestellt. Das Urteil: Zweieinhalb Jahre Haft auf Bewährung. 2003 erhielt Kitowa "für ihr mutiges Eintreten für kritische und objektive Berichterstattung" den Preis für Pressefreiheit des Deutschen Journalistenverbands, 2004 verbrachte sie ein Jahr in Deutschland als Stipendiatin der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte.
Drohungen und Erpressungsversuche
Genau vor einem Jahr kehrte Kitowa nach Russland zurück und setzte ihre Recherchen über dunkle Machenschaften des Gouverneurs von Belgorod fort. Die Reaktion: Drohungen, Einschüchterungen Erpressungen - das alte Spiel. "Pressefreiheit gibt es in Russland nicht", resümiert die erfahrene Journalistin. "Alle Massenmedien in der Region stehen unter der Kontrolle des Gouverneurs. Die meisten Journalisten wollen ihr Wohlergehen nicht aufs Spiel setzen und verhalten sich deshalb den lokalen Machthabern gegenüber gefügig."
Von Kitowas fast schon resignativer Haltung sind die Nachwuchsjournalisten des FRDIP weit entfernt. "Es gibt freie Medien in Russland", betont Anna, und es klingt ein wenig trotzig. "Im Radiosender 'Echo Moskaus' wird ganz offen über Wirtschaft und Politik gesprochen. Die Hörer rufen an und sagen, was sie denken. Man kann über Putins Politik oder über die Pressefreiheit in Russland, und niemand scheut sich, seine Meinung zu äußern." Dass der Sender dem russischen Staatskonzern Gazprom gehört, den Putin zum weltgrößten Energielieferanten ausbauen möchte, scheint sie nicht zu irritieren. Und ihre Kommilitonin Maria fügt selbstbewusst hinzu: "Staatliche Zensur ist natürlich schrecklich. Aber dafür sind wir ja hier, um das zu ändern. Und wir sind überzeugt, dass wir das auch schaffen werden."
Im Augenblick aber sind die Tatsachen nicht ermutigend: Seit Putins Amtsantritt im Jahr 2000 sind in Russland 21 Journalisten und Journalistinnen ermordet worden. Im weltweiten Pressefreiheitsranking rangiert Russland ziemlich weit hinten - nämlich auf Platz 147 von 168 Ländern.
Nicole Alexander schreibt für Zeitungen. Sie lebt in Berlin.
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