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Schnee, Schikanen und Hackl Schorsch

Bundeswehrdienst als Gebirgsjäger in Berchtesgaden

5.3.2007 | Pamo Roth | Kommentar schreiben | Artikel drucken


Zivi oder Bundi – als diese Entscheidung anstand, kannte Matthias viele Zivildienstleistende aus dem vorherigen Abitur-Jahrgang. Sie arbeiteten in Altenheimen oder Jugendherbergsküchen: "Ich war so voll Tatendrang, ich konnte mir nicht vorstellen, dreizehn Monate in Kochtöpfen rumzurühren. Ich wollte etwas erleben", sagt er heute. Mangels spannender Zivildienst-Alternativen und weil er als Sportbegeisterter von Skifahren und Klettern in den Bergen bei den Gebirgsjägern gehört hatte, entschied er sich für diese Elitetruppe der Bundeswehr: "Das hörte sich für mich nach einer Herausforderung an."

Nachdem er sich an seinem ersten Tag gemeldet hatte, erfolgte eine zufällige Zimmerverteilung. Zu acht Mann belegten sie eine "Stube" mit jeweils einem Spind für jeden und vier Hochbetten: "Wer schnell und clever war, ergatterte sich oben einen Platz, wegen der frischeren Luft. Unten ist man den Ausdünstungen ausgeliefert." Er erinnert sich noch genau an seine Zimmergenossen in der Grundausbildung. "Ich war überrascht, ich hatte eine Horde ungebildeter Militärfanatiker erwartet. Die gab es zwar auch, aber die meisten waren interessante Menschen, ähnlich alternativ wie ich und auch aus sportlichem Interesse dort."

Undisziplinierte Bartstoppeln

Um kurz vor sechs donnerte es gegen die Tür. Der Zugführer rief zum Morgenappell. Innerhalb von 15 Minuten mussten alle rasiert und angezogen "in Montur" auf dem Hof antreten – zur morgendlichen Rasurkontrolle. Wenn auch nur eine um wenige Millimeter zu lange Bartstoppel gesichtet wurde, mussten alle so lange stramm stehen, bis diese gekürzt war: "Oft war es schon schwer gerade zu stehen um diese Uhrzeit. Aber das waren die Momente, in denen sie Druck ausüben konnten, um uns Respekt und Gehorsam vor den Vorgesetzten einzutrichtern." Wenn das System aus Befehl und Gehorsam der Motor der Bundeswehr ist, ist der Drill dessen Schmieröl. Den Rest erledigt der Gruppendruck. Wenn einer nicht funktionierte, mussten alle darunter leiden: "Es gab schon ein paar Kompanie-Idioten, die immer wieder Disziplinierungsmaßnahmen für alle auslösten. Da war dann Spindwürfeln angesagt." In diesen Schränken gehört jedes Kleidungsstück in Din-A4-Format an seinen Platz und jedes Löffelchen – bis der Spind einmal durch das Zimmer gewürfelt wird.

Nach dem Frühstück ging es um halb sieben weiter mit Exerzierübungen – im Gleichschritt laufen und stramm stehen: "Natürlich haben wir uns zuerst lustig gemacht. Man kommt sich ja vor wie beim Steppkurs im Fitnessstudio. Aber wir haben relativ schnell gemerkt, je blöder man sich anstellt, desto länger dauert es." Manchmal sogar den ganzen Vormittag. Nachmittags machten sie Waldläufe, Distanzläufe und Leichtathletik. Zehn Tage waren sie unterwegs mit 20 Kilo Marschgepäck auf einem Biwaglager. Biwag ist ein behelfsmäßiges Nachtlager im Freien. Matthias schlief unter einem Poncho, einer Plastikplane, die im Wald aufgespannt wird: "Es war kalt und manchmal gab es um zwei Uhr plötzlich einen unangekündigten Weckruf." Dann durften sie kein Licht machen, weil eine Gefechtssituation nachgeahmt werden sollte. "Egal wie müde man war, vor dem Einschlafen musste man sich immer vergewissern, wo die Schuhe lagen und das Gewehr." Wenn bei einem etwas bei der anschließenden Bestandsaufnahme fehlte, gab es Ärger – für alle.

Dieses Bestrafungssystem durch sozialen Druck war beliebt: Während ein Gebirgsjäger seine Waffe auseinander baute und reinigte, musste ein anderer in Liegestütz stehen – so lange bis der eine die geputzte Waffe wieder zusammengesetzt hatte und zusätzlich eine Runde gelaufen war: "Das fand ich stupide, weil es sinnlos war. Im Krieg mag das notwendig sein, aber so hat es unnötige Aggressionen geschürt, wenn sich jemand etwas tollpatschig angestellt hat." Mindestens drei der sechzig Menschen seiner Kompanie hielten dem Druck nicht stand und brachen den Wehrdienst ab. Matthias sieht den Drill einerseits kritisch, sagt aber auch, dass sich aus dem harten Biwag-Training ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelte: "Dadurch hat sich der Begriff bewahrheitet, der blöd klingt und den ich nicht mag – 'Kameradschaft'. Aber dafür waren diese Grenzerfahrungen notwendig, die ohne Drill vielleicht so nicht entstanden wären."

Für ein paar Tropfen Wasser mehr

Die krasseste Situation einer solchen Grenzerfahrung durch schikanierenden Drill erlebte Matthias ganz am Ende des Biwaglagers. In Sichtweite der Kaserne sollte die Kompanie anhalten. Alle waren erschöpft und wollten nur noch ankommen. Doch der Zugführer kontrollierte ungerührt die Wasserflaschen. Vorgeschrieben war, eine bestimmte Milliliterzahl immer bei sich zu haben für den "worst case". Matthias Flasche war leer. Die ersten, die zu wenig Wasser hatten, fingen bereits an eine Strafrunde zu joggen – mit 20 Kilo Marschgepäck auf dem Rücken. Da warf einer aus den letzten Reihen seine Flasche zu Matthias nach vorne. Damit ging er das Risiko ein, sie nicht rechtzeitig zurückzubekommen – Matthias empfand diese solidarische Geste zwiespältig: "Ich war froh und fühlte mich natürlich auch als 'Kameradenschwein', weil neben mir Leute standen, die auch kein Wasser mehr hatten."

Nach der Grundausbildung wurde ihm von seinem Vorgesetzten eine Stelle angeboten, von der er nicht wusste, was ihn erwartet, ihm aber als "Jocker" nahe gelegt wurde. Er bewarb sich und arbeitete die restliche Zeit als Funktionssoldat in der Sportfördergruppe. Dies ist ein Teil der Bundeswehr, in dem Sportler Dienst tun. Der Rennrodler und dreifache Olympiasieger Hackl Schorsch zum Beispiel. Matthias durfte ein Einzelzimmer beziehen und tauschte seine Uniform gegen einen Jogginganzug mit Turnschuhen ein: "Meine Armeegarnitur hab' ich in eine Tasche gepackt, unters Bett geschoben und nie wieder angerührt – das war schon ein Gefühl von Triumph und Befreiung." Sein Tagesablauf glich jetzt vielmehr dem eines Zivis: Er präparierte Loipen, steckte Strecken ab und transportierte Sportler. Vor allem aber lernte er Snowboarden: "Ich habe diese Zeit nie bereut. Aber grundsätzlich empfehlen kann ich die Bundeswehr nicht, denn es gab auch Leute, die darunter gelitten haben."

Von seinem Wehrsold trekkte er ein halbes Jahr alleine durch Peru, Chile und Argentinien und beschloss irgendwann im Laufe dieser Reise, Arzt zu werden, um Menschen zu helfen: "Was ich mitgenommen habe aus meiner Bundi-Zeit, sind vor allem die 'Survival'-Erfahrungen." Als er fünf Tage in Patagonien auf einer Insel campte, von der aus man Pinguine beobachten konnte, sammelte er Regenwasser in der Zeltplane, um sich davon Tee zu kochen. Die genaue Milliliteranzahl interessierte ihn allerdings nicht.

Pamo Roth schreibt für Zeitungen und Magazine. Sie lebt in Berlin.

Foto, oben: "Watzmann, Berg bei Berchtesgaden" / © privat

Foto, unten: "Reise nach Patagonien, mit Gebirgsjäger-Poncho" / © privat



www.gebirgsjager.de
Die Startseite von Matthias Truppe

http://de.wikipedia.org/wiki/Gebirgsj%C3%A4ger
Kriegsverbrechen der Gebirgsjägerdivisionen der deutschen Wehrmacht

www.bundeswehr.de
Die Bundeswehr im Netz





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