
Erbarmungslos knallt die Sonne mit all ihrer Kraft herunter. Die Hitze ist unerträglich, während ich mich durch die schmalen, überfüllten Marktgassen Stonetowns schlängele. Es ist dreckig und meine Füße in den Badelatschen erkämpfen sich mühsam ihren Weg durch vergammelte Früchteschalen, Lachen aus Fischblut, alten Plastiktüten und anderen undefinierbaren Abfallresten. Ein Duftgemisch aus Abgasen, Fleisch und Fisch, Müll, Früchten und Gewürzen zieht in meine Nase. Die Luft ist erfüllt vom Wirrwarr aus Stimmen, Autohupen, Musikfetzen, Marktgeschrei und Muezzingesang. Endlich bin ich bei meinem Lieblingsverkäufer angelangt.
Unzählige Bananensorten
Anders als noch vor Monaten stürzen sich keine Schwärme von Verkäufern/innen mehr auf mich, um mir ihre Ware anzubieten. Und auch Heiratsanträge erhalte ich nur noch selten. Stattdessen begrüßen mein Lieblingsverkäufer und ich uns freundlich und ausführlich. Man erkundigt sich nach dem Wohlbefinden, der Arbeit, den Kindern, der kranken Großmutter und dem Leben überhaupt. Doch nun wird's kompliziert: Welche Früchte sollen es heute sein? Papaya, Ananas, Melone oder Mango? Und für welche der unzähligen Bananensorten entscheide ich mich nur? Pukusa, Kijakazi, Sunuha, Mzuzu, Msinyori oder doch lieber Kigurue? Oder soll ich diesmal exotischere Früchte kaufen, wie die stachelige Stafeli, die bis zu zehn Kilo schwere Fenesi oder die stinkende Doriani?
Mit Tüten, Rucksack und Taschen beladen kehre ich zurück zum Dala Dala, dem lokalen Transportmittel. Zwischen dicke Mamas, Babys und Hühner gequetscht, ergattere ich noch einen Platz im überfüllten Bus. Es geht zurück nach Hause, raus aus der lärmenden, trubeligen Stadt zurück ins ruhige, gemächliche Dorf Kizimkazi, wo das Leben ein anderes Tempo hat und die Zeit so grenzenlos erscheint wie das Meer.
Seit einem guten halben Jahr lebe und arbeite ich nun hier in Kizimkazi, einem islamischen Fischerdorf an der südlichen Spitze der Insel Sansibar, irgendwo in der Weite des Indischen Ozeans. In diesem 1500-Seelendorf in Tansania absolviere ich mein Freiwilliges Ökologisches Jahr, ermöglicht durch die Deutsch-Tansanische Partnerschaft e.V. Mein Einsatzbereich ist die Solarenergie.

Gruppeninvestition
70 Männer sitzen schweigend auf dem Boden und blicken gespannt auf mich. Die Nachmittagssonne taucht den staubigen Marktplatz in ein warmes, liebliches Licht. Zwischen kleinen Häuschen mit Palmendach, die aus rotem Korallenstein gebaut sind, ranken sich elegante Palmen in den tiefblauen, endlos erscheinenden Himmel. Ich befinde mich in Cheju, einem Dorf im Nichts, weit weg von der Stadt, weit weg von Strommasten und asphaltierten Straßen.
Was ist Solarenergie? Wie funktioniert sie? Wofür kann ich sie nutzen? Kann ich damit auch mein Handy aufladen? Oder Mashelisheli (sansibarisches Gemüse) kochen? Und nicht zuletzt: Wie viel kostet sie, die Solarenergie? Fragen über Fragen prasseln auf mich und meine zwei sansibarischen Kollegen ein. Die Männer saugen das Wissen auf, eifrig werden Notizen gemacht. Noch bevor die letzte Frage beantwortet ist, werden erste gemeinsame Kaufaktionen geschmiedet.
Steigende Ölpreise machen Sonnenenergie attraktiv
Solarenergie ist in Sansibar teuer. 180 Euro kostet umgerechnet das kleinste System, das gerade einmal für zwei Lampen ausreicht. Und so bleiben die Preise häufig ein ganzes Leben lang unerschwinglich. Wie soll man 180 Euro zahlen können, wenn selbst eine Cola für umgerechnet 20 Cent für viele zum Luxusgetränk gehört? Doch das Interesse ist da. Nur ein Prozent der tansanischen Landbevölkerung besitzt Zugang zum nationalen Stromnetz, und auch der übliche Gebrauch von Kerosinlampen reißt bei steigenden Ölpreisen ein ordentliches Loch in die Taschen. Und so erscheint die Solarenergie doch wieder erschwinglich, und die Augen meiner Zuhörer fangen an zu leuchten.
Es war ein erfolgreicher Tag, auch für uns. 70 Menschen haben eine Idee davon bekommen, was Solarenergie bedeutet, und 19 Kunden haben sich zusammengefunden, um in den nächsten drei Monaten in Ratenzahlungen das Geld für ein kleines "Solar Home System" aufzubringen. Und somit haben wir genau unser Ziel erreicht: die Idee der Solarenergie bekannt zu machen, Wissen zu verbreiten und zur Nutzung der Sonnenenergie zu animieren. Finden sich, wie hier in Cheju, zehn oder mehr Kunden zusammen, dann folgt organisatorische Unterstützung beim Kauf und spezielles Training für den richtigen Gebrauch des "Solar Home Systems".
Ich spaziere einen schmalen, verwunschenen Weg durch ein Palmenwäldchen Richtung Dorf. Außer Bananen, Kokosnüssen, Kühen, Hühnern, Ziegen und viel Müll ist da noch ein Pulk spielender Kinder, die mich lachend und schreiend auf meinem Weg begleiten. Im Schatten der Palmen sitzen Frauen und waschen. Ausgedehnte Grußworte werden ausgetauscht, ich werde zum Sitzen eingeladen und verweile ein bisschen, an den mächtigen Stamm eines Baobabbaumes lehnend.
Zu Hause auf Zeit
Zwar ist meine Haut immer noch weiß und mein Kopf nicht wie der ihrige mit Kangas (bunten Tüchern) verschleiert, doch eine Mzungu, eine reiche Weiße, bin ich hier in Kizimkazi trotzdem schon lange nicht mehr. Durch meine Kiswahili-Kenntnisse und die Länge meines Aufenthaltes, durch die geschlossenen Freundschaften und meinen Wohnort im Dorf habe ich das Glück, mich tatsächlich als Dorfbewohnerin zu fühlen und nicht als Fremde, die nur einen flüchtigen Blick auf das Leben hier wirft.
Die Tiefe und Detailliertheit, mit der ich das Leben, die Kultur, den Alltag und die Religion auf diesem kleinen Fleckchen Erde miterleben darf, ist für mein
Freiwilliges Ökologisches Jahr von mindestens genauso großer Bedeutung wie meine Arbeit im Bereich der Solarenergie. Kleine Begegnungen – ein Schnack mit meinem Fischerfreund, eine Dafu (junge Kokosnuss) als Geschenk von meinem Nachbarn, ein kurzer Wettlauf mit den Kindern oder eben ein Besuch bei den waschenden Frauen – besitzen hier eine solche Lebendigkeit und Intensität, dass sie Kraft für den ganzen Tag geben – und die Sehnsucht nach Schwarzbrot, kalten Winternächten oder kakerlakenfreien Küchen ganz vergessen lassen.
Auf meinem Weg geht es weiter zu Biasha, meiner besten Freundin, die 13 Kinder geboren hat, eine Haut besitzt, deren Falten wie Schluchten erscheinen, und die trotzdem noch fit wie ein Turnschuh den Haushalt einer riesigen Großfamilie managt. Bei meiner Ankunft sitzt sie wie so häufig vor ihrem Haus, ein Enkelkind auf dem Arm, zwei andere am Hosenrock, und verkauft Njugu (selbst gebratene Erdnüsse).
Pfennigbeträge dazuverdienenWie viele Frauen im Dorf ist auch sie den Großteil des Tages mit Hausarbeiten wie Waschen und Kochen beschäftigt, wahrend die Männer fischen gehen oder Gelegenheitsarbeiten wie Steineschleppen verrichten. Wenn die Frauen Zeit übrig haben, suchen sie sich häufig einen kleinen Nebenverdienst: Die eine verkauft Chapati (pfannkuchenähnliche Fladen), die andere bereitet Saft zu, die dritte verkauft Bananen. Diese Nebenarbeiten, die jeweils nur Pfennigbeträge erbringen, ermöglichen eine zusätzliche Einnahmequelle, ohne das Haus länger zu verlassen – was den gesamten Familienbetrieb durcheinander werfen und nur den wenigsten Männern gefallen würde.
Nachdem wir gemeinsam am traditionellen Dreisteinefeuer Reis mit Fisch und Kokosnuss-Soße gekocht haben, wird gegessen. Auf der einen Seite des Hofes sitzen wir Frauen auf einer Matte aus Palmenwedeln – auf der anderen Seite die Männer, denn gegessen wird getrennt. Ein großer Teller für die Frauen, einer für die Männer, von dem auf dem Boden und mit den Händen gegessen wird.
Die Runde ist groß, denn kochen tut man nie für sich allein. Leute, die vorbeischlendern, werden zum Essen eingeladen, genau wie man selbst von allen zu allem eingeladen wird. Und so ist alles ein Geben und Nehmen. Wenn jemand etwas in seine Hände bekommt, dann wird geteilt. Alles. Geld, Fische, Tassen, Früchte, Messer, Wasser – einfach alles. Wenn das Messer weg ist, dann sucht man es eben beim Nachbarn, und wenn es da nicht ist, dann beim anderen. Und vielleicht findet man ja auf dem Weg eine hübsche Tasse, die man statt des Messers mitnimmt. Unsere Vorstellung von
Privateigentum scheint den Menschen hier fremd zu sein. In diesem System gehört allen alles. Jeder weiß, dass er oder sie schon morgen selbst auf eine Stütze angewiesen sein kann. Wer hat, der gibt, und wer benötigt, der bekommt.
Mit der Dau aufs Meer hinausDer Tag neigt sich dem Ende zu. Shehe Ahmada, ein guter Freund, hat mich zum Fischen eingeladen. Während die Sonne purpurrot im Meer versinkt und der zarte Hauch einer Mondsichel die Wellen des Indischen Ozeans silbern färbt, segeln wir mit seiner Dau (traditionelles arabisches Segelboot) aufs Meer hinaus. Langsam und majestätisch entfernen wir uns, nur die Kraft des Windes nutzend. Die Nacht bricht herein. Kizimkazi, eben noch ein Dorf voller Leben, Stimmen, Kindergeschrei und Trubel, ist nur noch als kleiner Fleck in der Ferne zu erkennen.
Bevor das Netz ausgeworfen wird, wird es mit Ukali, einer rötlichen Flüssigkeit, bespritzt, während der Älteste Koranverse spricht, um die bösen Geister fernzuhalten und einen erfolgreichen Fang zu sichern. Tief in der Nacht, als ich mir schon einen Schlafplatz auf einem Seesack am Bug gesucht habe, stimmen die Fischer muslimische Gesänge an. Fremd und warm klingen sie, Sehnsucht weckend und in fremde Welten tragend. Wie eine kleine Nussschale tanzt das Boot sacht auf den Wellen, umgeben von riesigen, schwarzen Wassermassen.
Hier bin ich also gelandet. In einem Dorf, das vor Lebendigkeit nur so sprudelt, wo Geister und der Islam Hand in Hand gehen und Zeitmangel noch ein Fremdwort ist. Ein kleines Fleckchen Erde, das auf den meisten Landkarten vergessen wird – und bei mir doch schon einen so großen Platz einnimmt.
Annika Boeddeling (20) kommt aus Hamburg. Nach ihrem Freiwilligen Ökologischen Jahr will sie in Witten/Herdecke Wirtschaftswissenschaften und Philosophie studieren.
Fotos: ©Annika Boeddeling
www.d-t-p-ev.deDie
Deutsch-Tansanische Partnerschaft e.V. ist die einzige Sendeorganisation für ein
FOEJ in Afrika.
www.foej.deSeite mit Informationen zum
Freiwilligen Ökologischen Jahrhttp://de.wikipedia.orgMehr über die Insel Sansibar auf wikipedia.org (Die
Vereinigte Republik Tansania besteht aus Tanganjika und Sansibar.)
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