Ach Gott, jetzt musst du schon wieder los
Schriftsteller im Rotlicht
Angie Reinhardt | 6.7.2007
Mit Romanen und Drehbüchern wurde Thomas Brussig in der
Nachwendezeit bekannt ("Sonnenallee", "Helden wie wir", "Wie es leuchtet"), der
Spiegel feierte ihn als "Balzac vom
Prenzlberg". Mit seinem neuen Buch "Berliner Orgie" betritt Brussig
thematisches Neuland - im Auftrag der
BZ
streifte er durch die Rotlichtszene Berlins. Wie ihn diese Recherche verändert
hat, schildert er im Interview.
Angie Reinhardt: Sie bezeichnen sich
selbst als ausgesprochen schüchtern. Wie traut sich so einer ins Bordell?
Thomas Brussig: Ich war neugierig, hatte aber auch eine große Scheu. Fremdes
löst ja oft Angst aus. Was mir speziell Angst eingeflößt hatte, war diese
schnelle Verfügbarkeit, diese Vorstellung, den Körper als Lustapparat
einzusetzen. Für mich war Sex immer etwas Rätselhaftes, Schwieriges. Etwas, das
viel zu privat ist, als dass man es ökonomisieren könnte. Anfangs war ich auch
tatsächlich furchtbar aufgeregt, hatte kalte Hände, Herzklopfen, einen
trockenen Mund – das ganze Programm. Aber diese Scheu bin ich losgeworden, so
sehr, dass ich am Schluss der Recherche manchmal fast gelangweilt dachte: "Ach
Gott, jetzt musst du schon wieder los."
Sie sind für diese
Reportagen zeitweise jede Nacht losgezogen. Gab es da Momente, in denen Sie
sich ausgebrannt gefühlt haben?
Solche Situationen gab es. Zum Beispiel, als ich in den Sexkinos
unterwegs war. Aber ich hatte ja die Freiheit, jederzeit zu gehen. Deshalb
möchte ich das, was ich dort gemacht habe, auch nicht Reportagen nennen. Dazu
fehlt mir einfach die Relevanz des Themas. Eine Reportage hat bitteschön in
Bürgerkriegsgebieten stattzufinden und nicht im Rotlichtmilieu.
Was hat denn Ihr
weibliches Umfeld zu dem Buch gesagt?
Die Frauen in meinem Freundeskreis fanden das natürlich
interessant, weil es eine Welt ist, die ihnen verschlossen bleibt, wenn sie
dort nicht arbeiten. Und meine Frau hat viel Bewunderung bekommen. Ich muss
zugeben: Der Prozess der Recherche war für uns nicht gerade die leichteste
Zeit. Aber die komischen Situationen standen schon im Vordergrund.
Mit Ihrer Frau war
abgesprochen, dass Sie es nie zum Äußersten kommen lassen. Haben Sie ihr von den
nächtlichen Erlebnissen erzählt?
Wenn sie gefragt hat, schon. Aber wenn sie nicht gefragt
hat, habe ich nichts erzählt. Es war außerdem Teil der Abmachung, dass ich
möglichst losziehe, wenn sie auswärts arbeitet und nicht in Berlin ist. Deshalb
haben wir am nächsten Tag meistens dazu telefoniert. Als das Buch aber Form
annahm, hat sie es natürlich gelesen.
Mir fiel auf, dass Sie
die Frauen, denen Sie in den Bordellen und Laufhäusern begegneten, nur mit sehr
spärlichen Worten charakterisieren. Reicht es, Frauen als groß, blond, nett,
brünett oder als "nicht mein Fall" zu beschreiben?
Ich habe die Frauen so beschrieben, wie sie gesehen werden
wollten. Wie sie sich präsentiert haben. Sie sind durchaus unterschiedlich,
lassen aber ab einem bestimmten Punkt die Jalousie runter. Bei dem Versuch,
ihnen menschlich näher zu kommen, bin ich nicht weit gekommen – die haben ihre
berufliche Identität und gut ist. Ich war auch enttäuscht, dass ich dieser
Branche nichts anderes entgegenhalten konnte als ihre eigene Rationalität. Dass
ich letzten Endes nur die Preise und Etiketten vergleichen konnte. Das Buch ist
eben kein grundsätzliches Pamphlet zum Stand der Prostitution, sondern ein
Flanieren, eine Bestandsaufnahme.
Mich hat Ihre
Beschreibung der Etablissements amüsiert, dieser ganze Stuck, die geschmacklose
Dekoration …
Ja, klar. Telefonzellen sind schon lange nicht mehr gelb,
alles in der Welt erlebt einen ständigen Imagewechsel – aber das Rotlichtmilieu bleibt sich
treu. Da ist alles, wie es schon immer war. Ich fühlte mich teilweise als Mann
beleidigt, was dieses Milieu denn glaubt, wie primitiv ich sei.
Haben Sie im Puff eine
Fähigkeit in sich entdeckt, die Ihnen vorher nicht bewusst war?
Die große Entdeckung für mich war, dass ich flirten kann.
Ich habe gelernt, wenn die Frauen wollen, kann selbst einer wie ich flirten.
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Thomas Brussig: Berliner Orgie
(Piper Verlag 2007, 16.90 €)
Angie Reinhardt arbeitet als Kulturjournalistin für Hörfunk,
Print- und Onlinemedien. Sie lebt in Köln.
Foto: ©thomasbrussig.de
www.thomasbrussig.de
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